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Kopfwelten: Wählen ist ein Kinderspiel

Natürlich haben wir längst Zweifel, ob das Bild vom mündigen Bürger und Wähler so stimmt, wie wir es gern glauben möchten. Trotzdem wollen wir gerade in Wahlzeiten die Vernunft nicht ganz auf verlorenem Posten sehen. Doch Wissenschaftler rauben uns inzwischen auch die letzten Illusionen.

Von Frank Ochmann

Haben Sie schon gewählt? Die Wahlbenachrichtigungen sind bundesweit raus. Und wer will, kann jetzt schon die Briefwahlunterlagen zuhause auf dem Tisch haben und seine beiden Kreuze machen. Ja, sagen Sie, aber es sind ja noch ein paar Wochen. Wer weiß, was bis dahin noch alles passiert? Also warten wir lieber ab und entscheiden uns erst kurz bevor die Wahllokale schließen. Nur dann können wir doch sicher sein, auch alle Informationen mitberücksichtigt zu haben, die für unsere Wahlentscheidung wichtig sind. So ungefähr werden Sie sicher antworten, wenn Sie sich für einen mündigen Bürger halten.

Und das entspricht ja auch dem demokratischen Idealbild: Wochen, wenn nicht Monate vorher lesen wir alle Parteiprogramme, studieren die Wahlplattformen, informieren uns eingehend über die Kandidaten unseres Wahlkreises, besuchen Wahlveranstaltungen und stellen - wo nötig - Fragen, um schließlich nach ausführlichem Bedenken und Vergleichen der einzelnen Positionen zu einer nach allen Seiten abgewogenen Einschätzung und damit zu unserem persönlichen Wahlurteil zu kommen. Nach bestem Wissen und Gewissen.

Aber natürlich ist auch Ihnen klar, dass dieses Idealbild aus dem Sozialkundeunterricht mit der Realität rein gar nichts zu tun. Und deswegen hat in aller Regel auch der Wahlkampf - falls denn einer stattfindet - so wenig von einem Meinungsaustausch zwischen erwachsenen, gebildeten und nachdenklichen Menschen und so viel von einer Busfahrt, auf der Ihnen zur innovativen Kaffeemaschine noch eine sensationell günstige Heizdecke aufgeschwatzt werden soll.

Das Urteil steht längst fest

Ungefähr ein Drittel der Wahlberechtigten in unserem Land, so verraten es aktuelle Umfragen, wissen derzeit noch nicht, wen und welche Partei sie am 27. September wählen werden. Ja, entgegnen Wissenschaftler wie die italienische Psychologin Silvia Galdi von der Universität Padua, Sie mögen zwar selbst den Eindruck haben, dass Sie noch weitgehend unentschieden sind. In Wirklichkeit aber steht Ihr Urteil vermutlich längst fest. Und darum könnten Sie im Grunde auch jetzt schon wählen und sich dann wieder anderen, vielleicht erfreulicheren Themen zuwenden. Bitte, was?

Wissenschaftler wie Silvia Galdi und ihre Kollegen haben sich angesehen, wie bei potenziellen Wählern das, was in einem bestimmten Augenblick in ihrem Unbewussten an Eindrücken und Meinungen vor sich hin gärt, in später getroffene (bewusste) Entscheidungen einfließt. Die Untersuchung wurde mit Italienern durchgeführt, die gerade mitten im Streit um den Ausbau einer US-Militärbasis in Viacenza waren.

Keine einfache Frage, wie aus der Ferne vielleicht scheinen mag. Denn einerseits drängte es einen innerlich vielleicht zur Friedfertigkeit und womöglich auch ein bisschen gegen die übermächtigen und nicht sonderlich beliebten "Amis". Andererseits hängen von solchen Entscheidungen Arbeitsplätze und manchmal das wirtschaftliche Wohlergehen einer ganzen Region ab.

Die Probanden mussten sich von Oktober bis Dezember 2007, als die Frage besonders heiß diskutiert wurde, Computertests aussetzen, mit denen man herausfinden wollte, wie sie in ihrem Innersten dachten und wie diese unbewussten Einstellungen eine Wahlentscheidung für Kandidat A oder B beeinflussten. Sie taten das in erheblichem Maße. Und zwar nur bei denen, die tatsächlich nach ihrer eigenen Einschätzung noch nicht entschieden hatten, als die Tests durchgeführt wurden. Trotzdem ließ sich aus ihren am Computer nach einem standardisierten Verfahren ermittelten Assoziationen mit einiger Sicherheit vorhersagen, wie sie sich eine Woche später entscheiden würden.

Das Gefühl ist entscheidend

Sie wollen den Glauben an die politische Vernunft des Wählers trotzdem noch nicht aufgeben? Immerhin könnte man ja entgegnen - und dafür gibt es tatsächlich gute Gründe - dass die intensive rationale Auseinandersetzung mit einer Frage eben auch das unbewusste Seelenleben prägt. Und wie bei einer Rückkopplungsschleife wirkt das dann wiederum auf die Vernunftentscheidungen. Ja, so könnte es wirklich sein. Aber vermutlich ist es so nicht. Jedenfalls nicht ausschlaggebend.

Aus Beobachtungen bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen ergab sich schon länger den Verdacht, dass es vor allem die Eindrücke der mehr oder minder sympathisch und kompetent erscheinenden Kandidatengesichter sind, aus denen sich das Endergebnis einer Wahl bestimmen lässt. Zwei Wissenschaftler der Schweizer Universität Lausanne haben dies vor kurzem am Beispiel der französischen Parlamentswahlen von 2002 überprüft.

Wenn es so wäre, sagten sie sich, dass es vor allem der gefühlsmäßige Eindruck ist, der bei einer Wahl entscheidet, dann müssten (auch informierte) Erwachsene und (sicher nicht informierte) Kinder in etwa zum selben Urteil kommen. Am Beispiel der französischen Kandidatenfotos von 2002 führten sie ihr Experiment mit knapp 3000 Schweizern durch, von denen fast 700 Kinder im Alter von fünf bis 13 Jahren waren.

Ein erstes Ergebnis: Ließ man 700 erwachsene Probanden allein anhand der Kandidatenfotos die Kompetenz der Bewerber beurteilen, gab das Ergebnis nicht nur richtig wieder, wer 2002 tatsächlich gewonnen hatte, sondern einigermaßen genau auch, wie hoch.

Wer wird Kapitän?

Im zweiten Durchgang spielten Erwachsene und Kinder dann am Computer ein Spiel. Mit denselben Fotos wie beim ersten Durchgang sollte entschieden werden, wer bei einer imaginären bevorstehenden Schiffsreise der Kapitän sein sollte. Wieder lag der tatsächliche Gewinner der Wahl deutlich vorn. Und dazu spielte es keine Rolle, ob Erwachsene und Kinder gemeinsam urteilten, oder ob diese Aufgabe allein den Kindern überlassen wurde, die allein nach dem äußeren Eindruck entscheiden konnten. Am Endergebnis änderte das praktisch nichts.

Mit anderen Worten, liebe Parteistrategen und Meinungsforscher: Wie sich ein Kandidat oder eine Kandidatin verhält und welche Bilanz ihrer Arbeit sie vorzuweisen haben, spielt für den tatsächlichen Wahlausgang offenbar so gut wie keine Rolle. Entscheidend ist, wie kompetent und sympathisch sie wirken, nicht wie kompetent und sympathisch sie sind.

Quälen Sie sich also nicht zu sehr mit Ihrer Wahlentscheidung. Wählen ist doch wirklich ein Kinderspiel!

Literatur:

Antonakis, J. & Dalgas, O. 2009: Predicting Elections: Child's Play!, Science 323, 1183

Ashworth, S. & Bueno de Mesquita, E. 2009: Elections with platform and valence competition, Games and Economic Behavior 67, 191-216

Fowler, J. H. & Schreiber D. 2008: Biology, Politics, and the Emerging Science of Human Nature, Science 322, 912-914

Galdi, S. et al. 2008: Automatic Mental Associations Predict Future Choices of Undecided Decision-Makers, Science 321, 1100-1102

Leigh, A. & Susilo, T. 2009: Is voting skin-deep? Estimating the effect of candidate ballot photographs on election outcomes, Journal of Economic Psychology 30, 61-70

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