HOME

Levitra: Potenz made in Germany

Anfangs lachten die Kollegen, wenn Biochemiker Erwin Bischoff erzählte, was er erfinden sollte. Jetzt nicht mehr - denn sein Viagra-Herausforderer Levitra wurde schnell zum Erfolg.

Erwin Bischoff, Biochemiker am Pharma-Forschungszentrum von Bayer HealthCare in Wuppertal, kommen die Zahlen des Entwicklungsnamens auch heute noch ohne Zögern über die Lippen. Prompt wie die Telefonnummer einer langjährigen Geliebten: BAY 38-9456. Die Liaison begann 1995, arrangiert von ganz oben.

Bischoff sollte ein Potenzmittel erfinden. Zuerst habe ihm das Herz bis zum Halse geschlagen, sagt er. Doch bald wusste er: "Das können wir." Er hatte bis dahin in der Herz-Kreislauf-Forschung gewirkt. An Blutgefäßen zu arbeiten war eigentlich nichts Neues - und genau darum ging es ja schließlich auch beim Penis.

Arbeiten unter extremem Zeitdruck

Rund 5000 Substanzen untersuchten Bischoff und ein inzwischen verstorbener Kollege im Reagenzglas. Sie standen unter Zeitdruck: Der amerikanische Pharmariese Pfizer war weit vorgeprescht und schien überzeugende Daten zu haben. Bayer setzte wie der Konkurrent auf PDE-5-Hemmer. Den Vorwurf der Patentverletzung, aufgrund dessen Pfizer Bayer vergangenes Jahr verklagt hat, will Bischoff dennoch nicht gelten lassen: "Dass PDE-Inhibitoren wirksam sein könnten, stand damals schon überall zu lesen", sagt er.

So kühl das Gebäude Nummer 500 von außen auch wirkt - sechs Stockwerke hoch, alles weiß gekachelt -, innen erhitzte sich die Fantasie. "Allein das Wort Potenz genügte damals, um Gelächter auszulösen", erinnert sich Bischoff. Heute schmunzelt er hinter seinem grauen Vollbart, "das war alles etwas merkwürdig - auch für mich."

Das spannendste Projekt seines Lebens

Jetzt ist es normal. Am Revers seines Anzugs trägt Bischoff immer eine Flamme in Orange: das Levitra-Logo. "Die Farbe finde ich gut", sagt er, nun genießt er es, wenn jemand ihn darauf anspricht.

Gefunkt hat es zwischen Bischoff und BAY 38-9456 seinerzeit schnell. Bald merkte er, das ist das spannendste Projekt seines Lebens. Das Problem war, eine Substanz zu finden, die als Tablette verkauft werden kann - einfach zu schlucken, ein paar Stunden wirksam, aber nicht mehr. "Wenn ich mit einer Wirksamkeit von 24 Stunden gekommen wäre, hätten die mich durch die geschlossene Tür geschmissen", sagt Bischoff mit Blick auf das ausdauernder wirksame Konkurrenzprodukt Cialis. "Die", das waren vor allem die Toxikologen. Sie hatten Sorgen, so ein Medikament könne zu lange im Körper bleiben, wodurch es dann länger zu Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneien kommen könnte. Deshalb hat Levitra eine Halbwertszeit von etwa vier Stunden: Dann ist im Blutplasma nur noch die Hälfte des Wirkstoffs nachweisbar.

Nur acht Jahre Entwicklungszeit

Ob eine Substanz das Zeug zur Pille haben könnte, testeten Bischoff und seine Kollegen am Penis-Gewebe von Kaninchen: Als kleine Ringe in eine Art Flaschenzug gespannt, gab es nach, sobald ein wirksamer PDE-5-Hemmer in das Reagenzglas gegeben wurde - der erweiternde, durchblutungsfördernde Effekt also, der auch bei Männern erwünscht ist.

Für Erwin Bischoff hätte es kaum besser laufen können. Acht Jahre nach seinen ersten Versuchen im Labor kommt im März 2003 sein Wirkstoff tatsächlich als "Levitra" auf den Markt - keine sehr lange Frist in der Arzneimittelforschung. Die durchschnittliche Entwicklungszeit für ein marktreifes Medikament liegt bei zehn bis 15 Jahren. Bischoff, inzwischen 61 und in Rente, ist von seiner Schöpfung restlos überzeugt. Natürlich hat er Levitra ausprobiert: "Es wirkt! Keine Frage!"

Maren Wernecke / print
Themen in diesem Artikel