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Prostatakrebs: Operation gelungen, Potenz kaputt

Seinen Prostatakrebs haben die Chirurgen weggeschnitten, und dabei zwangsläufig noch viel mehr. In beeindruckender Offenheit schildert der Schweizer Arzt Walter Raaflaub sein Leben und Lieben danach. Lesen Sie Auszüge aus seinem Buch. Ein längerer Text steht in der aktuellen Gesund-leben-Ausgabe.

21. November

Abendvisite. Daniel steht an meinem Bett, irgendwelche Papiere in der Hand. Es ist der fünfte Tag nach der Operation. Der Eingriff ist, wie er mir mehrmals versichert hat, routinemäßig verlaufen: Blutverlust gering, Operationsdauer wie üblich. Er habe bis nahe an die Kapsel resezieren können und 25 Gramm, was ziemlich viel sei, zur Histologie geschickt. Heute Abend kommt er ins Zimmer und sagt: "Die Histo ist eingetroffen. Hier - eine Kopie für dich." Pause. Er übergibt mir einige Blätter. Redet dann weiter, eher über die Resultate als zum Kollegen im Spitalnachthemd. Die Schwesternschülerin Elvira steht unten am Bett.

Ich werde hellhörig, kenne Daniel zu gut. Vor zehn oder elf Jahren hat er seine Praxis eröffnet. Seither weise ich ihm die meisten meiner urologischen Patienten zu. Seit 1995 gehe auch ich bei ihm ein und aus, weil mich die Prostata je länger, je weniger in Ruhe gelassen hat. Drei Prostata-Biopsien in drei Jahren, und jede dieser Gewebeentnahmen unangenehmer als die vorangegangene, weil die Beschwerden zwischendurch nicht abklingen wollen.

Schließlich habe ich selbst zur Operation gedrängt. Nacht für Nacht bin ich zum Wasserlassen drei- bis viermal aufgestanden. Das PSA ist auch unter wochenlanger antibiotischer Therapie nicht mehr unter 10 gesunken.

Kaum hat Daniel den ominösen Begriff ausgesprochen, wird mir heiß im Gesicht. Der Kopfteil des Bettes ist hochgestellt. Ich sehe an die dezent grün gestrichene Wand gegenüber. Dort stehen und leuchten die Buchstaben groß wie auf einer Leinwand: K-A-R-Z-I-N-O-M.

Bereits hat seine Stimme wieder einen kollegial-normalen Klang. Er blickt weiter in die Fotokopien und fährt fort - nach meinem Dafürhalten eine Spur zu sachlich. "Du siehst - weniger als fünf Prozent sind Karzinomgewebe. Ein Zufallsbefund nach TUR-P also. Ich denke, da können wir mal abwarten. In vier Wochen nimmst du das erste postoperative PSA ab, anschließend im Dreimonatsintervall - vorläufig. Sollte es ansteigen, müssen wir allerdings möglichst bald radikal operieren. Aber das können wir ein andermal besprechen." Ich vernehme den relativ guten Bescheid. Aber er reduziert sich zwischen Hören und Verstehen auf ein Wort: Krebs. Arzt und Schwester gehen hinaus.

Wenig später rufe ich Renata an. "Ich habe es irgendwie vermutet", sagt sie. "Aber wir haben schon anderes gemeistert. Wir meistern auch das." Wenn es so einfach wäre, wie sie es sagt.

Neujahr

Zwei Tage in unserer Casa Lucertolina in Brissago. Michael und Matthias, unsere Söhne, sind daheimgeblieben und feiern Silvester mit Kolleginnen und Kollegen. Vor sechs Jahren hat Renata das Ferienhaus ihrem Vater abgekauft.

Feuer im Schwedenofen. Draußen Nacht. Am großen Fenster begucke ich vom Sessel aus das Feuerwerk in Ascona. Reni zwängt sich zwischen meine gespreizten Beine. Ich umarme sie von hinten, ihre Brüste in meinen Händen. Wir sitzen, schauen, schweigen. Dann sie, ohne das Feuerwerk aus den Augen zu lassen: "Was meinst du, bringen wir es fertig - hier, auf dem Teppich?"

Wir gehen uns waschen, die Kleider bleiben im Bad, und hopphopp, zurück in die warme Stube, Licht aus, wir breiten ein Leintuch über den Teppich, finden's zwar gut und warm genug, so nah am Ofen, aber zu hart. Ich schleppe eine Matratze aus dem Doppelbett herbei, Laken drüber. Die Erektion hält.

Wir liegen bequemer, das Feuer wirft Flecken an die Wände, färbt Renis weißen Bauch für Augenblicke orangerot, wir liegen gut, aber die Köpfe zu tief. Zurück ins Schlafzimmer, ich bringe unsere Kissen, die Erektion hält - und jetzt ist's gut, jetzt ist alles sehr gut, es könnte nicht besser sein. Bewiesen, was zu beweisen nicht nötig war. Die sogenannte kleine Prostata-Operation, die TUR-P, hat zwar zur Folge, dass die Ejakulation ausbleibt, das heißt, rückwärts in die Harnblase erfolgt, aber sie nimmt die Lust nicht und macht nie impotent.

8. Januar

Kontrolluntersuchung in der urologischen Praxis. Das PSA nach der Operation, bei der innerhalb der Prostatakapsel viel Gewebe entfernt wurde, ist erwartungsgemäß stark gesunken. Aber nur wenig unter den kritischen Wert von 4. Das bedeutet, es könnte noch Karzinomgewebe in den äußern Schichten oder gar in der Kapsel vorhanden sein. Bei über 4 muss wieder operiert werden. Ich fühle mich bei diesem Gedanken elender als damals, als man mir die Diagnose Krebs mitteilte.

7. Februar

PSA 4,2. Letzthin CT des Beckens und Ganzkörper-Skelettszintigrafie bereits als Voruntersuchung im Hinblick auf die geplante zweite Operation. Resultat der Untersuchungen heute erhalten: keine Anhaltspunkte für Metastasen.

22. Februar

Beim Prostatakarzinom nach vorheriger TUR-P ist die radikale Prostatektomie die Therapie der Wahl, sofern der Krebs die Kapsel des Organs noch nicht überschritten hat. Ferner soll die Lebenserwartung für den Betroffenen mindestens noch zehn Jahre betragen. (Da hätte ich ja für einmal Glück gehabt, relativ gesehen.) Operiert wird in meinem Fall retropubisch, das heißt: Schnitt vom Bauchnabel bis zum Penis. Entfernt werden die restliche Prostata mit der Kapsel und damit auch der Abschnitt der Harnröhre, der durch die Prostata verläuft. Dadurch wird die Harnblase am Unterpol eröffnet. Ferner reseziert man die Samenblasen mit den Endstücken der Samenleiter und möglichst alle regionären Lymphknoten. Die verkürzte Harnröhre wird mit dem Blasenhals, den man wie einen kopfstehenden Tabaksbeutel zusammenzieht, wieder vereinigt und eingenäht.

Eine große Operation. Sie soll aber bei den heutigen Techniken sehr sicher geworden sein. Als wichtigste Komplikationen die beiden I: Inkontinenz und Impotenz. Total undicht ungefähr einer von 100, teilweiser Harnverlust in etwa 50 Prozent beim Husten, Niesen, Pressen und Lachen. Und, wenn man ehrlich sei, Impotenz zu fast 100 Prozent. Nach andern Quellen, je nach Radikalität der Operation, 50 bis 80 Prozent. Dies der Preis für ein Leben danach, ein Leben hoffentlich ohne Krebs. Operationstermin: 7. April.

6. April

Unterwegs zum Spital. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (ein beliebter Ausdruck in der Rechtsmedizin) wird man mir in weniger als vierundzwanzig Stunden die Potenz genommen haben - worüber man sich keine Gedanken macht, solange man sie hat.

13. April

Seit dem 11. April von der Intensivstation zurück. Aufenthalt verlängert wegen schwerer Nachblutung am zweiten postoperativen Tag. Zweiteingriff war nötig, Blutverlust groß, Fremdblut erhalten. Schwierige Tage. Extrem geschwächt. Dankbar für die kleinste Handreichung.

16. April

Mühe mit Einschlafen. Ein Sender bringt Erotik. Nichts tut sich bei mir. Nichts, nichts. Alles und noch viel mehr hat man weggeschnitten, also auch das Gefäßnervenbündel in Kapselnähe. Und damit die Potenz.

Lautes Selbstgespräch. Ob mich draußen auf dem Gang oder in den Zimmern nebenan jemand hört? "Ein Spinner!", werden sie denken.

Die Histologie ist eingetroffen. Ich fühle mich gut, als könnte ich mit dem Leben nochmals von vorn anfangen. Ein ausgedehntes Karzinom, Kapsel der Prostata hingegen noch nicht überschritten. Alle resezierten Lymphknoten tumorfrei. Das heißt: Nach medizinischem Wissen keine Metastasen. Aufschub mit dem Sterben. Möglicherweise viel Aufschub. Zurück in die Ecke, Tod!

Gründonnerstag

Der allerletzte Schlauch, der Blasenkatheter, ist gezogen. Geht mir sofort besser. Komisches Gefühl, vollkommen undicht zu sein. Nun also kommt eine neue Zeit: die Windelzeit. Hoffentlich für nicht allzu lange.

22. April

Casa Lucertolina. Sehr gemächlich, nein, unendlich langsam nach Brissago hinuntergetrippelt. Ich holte rosette, eine Art Semmeln, während Renata noch schlief. Unvorstellbar, dass ich je wieder so schnell gehen kann wie ein Gesunder. Beim Nachtklub unten an der Hauptstraße betrachtete ich ausgiebig die Fotos. Aber weder die langbeinige Dame mit den Sternchen über Brustwarzen und Schambereich noch jene, die mir, ein Pelzchen zwischen den Schenkeln, den prallen Hintern entgegenstreckte, brachten eine Regung zwischen meinen Beinen zustande. Nichts. Einfach nichts. Ein schwacher Trost, dass Renata und ich diese Bildchen schon oft begutachtet hatten, ohne dass ich dabei jemals eine Erektion verspürt hätte.

Abends im "Giardinetto". Wieder einmal sehr gut essen und feiern, dass es mir besser geht. Auch wenn ich auf einem Kinder-Schwimmreifen sitzen muss. Zum Essen eine Flasche Barbera, was für uns zu viel ist und eine große Ausnahme. Sehr nah beieinander wandern wir heim. Wie wohl es tut, nach dieser schwierigen Zeit ein bisschen sehr betrunken zu sein.

Ich liege schon unter der Decke. Die weiße Spital-Netz-Unterhose garantiert perfekten Sitz der Windel. Reni in Unterwäsche neben dem Bett. "Jetzt hätten wir wohl...-", sagt sie, streift den BH ab und schlüpft ins Pyjama. "Ich drücke mich einfach ganz fest an dich."

An der Lust fehlt es nicht. Die Potenz ist weg, nicht aber die Fantasie. Und so kommt Reni in dieser Nacht zu mehr als "jetzt hätten wir wohl". Zu guter Letzt spüre auch ich, wie schon gestern, irgendwo im Untergeschoß den Hauch eines Schauers. Obschon er liegt wie tot. Zufrieden schlafen wir ein.

21./22. Juni

Casa Lucertolina. Die Hitze und ein Glas Merlot bringen uns wieder zusammen. Es gelingt mir, Renata zu sagen, dass ich bei jeder Annäherung sofort ein schlechtes Gewissen bekomme, sie anzumachen, ohne nachher etwas für sie tun zu können. "Ganz falsch!", sagte sie sehr bestimmt. "Auf Sex kann ich vorläufig noch verzichten, auf Zärtlichkeit nicht."

3. Juli

Jetzt stecken wir in der Krise, drei Monate nach der Operation. Renata sitzt in der Stube, schaut sich "Am goldenen See" mit Katharine Hepburn an. Im Wesentlichen die Geschichte einer Ehe, die bis ins Alter gehalten hat.

Ich schleiche einige Male ins Esszimmer und äuge durch den Spalt zwischen Tür und Angeln: Da sitzt sie. So nah, aber kilometerweit weg. Und wie sollen wir je wieder zueinanderfinden?

5. Juli

Gestern mit dem Vorsatz zu Bett gegangen, mich auszusprechen. Der Anfang war mühsam. Ich versuchte zu erklären, wie schwierig es für mich sei, gegen die Inkontinenz zu kämpfen, mit der Impotenz fertig zu werden und trotzdem noch Zärtlichkeit zu zeigen. Ob ich denn als der eigentlich Kranke nicht auch Zärtlichkeit von ihr erwarten könne?

Ihre Stimme war ganz ohne Anklage, zittrig, flehend: "Aber ich hab's doch versucht! Ich bin doch mehr als einmal zu dir ins Büro gekommen, dir auf die Knie gesessen - du hast nicht reagiert. Was kann ich noch tun?"

Ihre hilflose Stimme half mir weiter. Ich stelle ja das Verfluchte selber auch fest, sagte ich. Seit drei Monaten keinen Steifen mehr zu spüren, nehme mir offenbar auch jede Lust. Ganz abgesehen vom schlechten Gewissen, das ich neulich empfunden habe, als sie mir die Haare schnitt. Zärtlich sein und gleichzeitig wissen, dass bei mir hinterher nichts komme, weil ich nicht könne, sei niederdrückend und bewirke eine so starke Hemmung, dass sie mir unüberwindbar erscheine.

Renata hatte lange zur Decke geblickt. Jetzt drehte sie sich zu mir. Die Tränen liefen ihr über die Wangen. Es schüttelte sie regelrecht, wenn sie schluchzte.

Ich nahm sie in die Arme. "Wir müssen versuchen, bei der nächsten Krise früher zu reagieren", flüsterte ich. Ich legte meine Hand auf ihr Haar, an ihre Wange. Ich fühlte mich trotz ihres hemmungslosen Weinens mit einem Schlag erleichtert und erlöst.

27. Juli - 15. August

Zweiter Versuch mit Caverject, der Penis-Spritze. Premiere vor einer Woche. Ich sagte Renata, es sei mir vorläufig egal, ob sie mit mir schlafen wolle, sollte ich eine brauchbare Erektion bekommen. Ich wolle bloß herausfinden, wie viele Mikrogramm für mich nötig seien, damit er stehe. Damit befreite ich uns vom Zwang, es müsse gleich beim ersten Mal funktionieren.

Reni und ich parkierten uns im Schlafzimmer, nachdem ich mein Chassis einer Unterflurwäsche unterzogen hatte. Sie legte sich in BH und Slip aufs Bett und rezitierte aus dem Zettel: "Der Wirkstoff von Caverject, Alprostadil (Prostaglandin E1) ist eine natürlich im Körper vorhandene Substanz mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften. Nach der Injektion in den Schwellkörper des Penis wird durch die Erweiterung der Blutgefäße und die Entspannung der Muskulatur eine Erektion bewirkt. Die Wirkung setzt 10 bis 30 Minuten nach der Verabreichung ein."

Das Prinzip ist einfach: Das weiße Pulver muss im Fläschchen mit der Flüssigkeit aus der Spritze vermischt werden. Anschließend wird die Lösung wieder aus dem Fläschchen in die Spritze aufgezogen und in den Penis gespritzt.

Ich sorgte mich ein bisschen, ich könnte in die Harnröhre stechen oder in eine große Vene. Aha, auch der Hersteller macht sich seine Gedanken: "Stechen Sie nicht in Venen oder andere sichtbare Blutgefäße unter der Haut." Das tönt verwirrend. Unter der Haut gibt es keine anderen sichtbaren Gefäße als Venen. Die Arterien oder Schlagadern liegen tiefer. Sollte man eine Vene getroffen haben, den Penis einige Minuten fest mit der Faust zusammendrücken.

Als Linkshänderwählte ich die linke Seite. Ich musste mich überwinden. In 23 Jahren Arztdasein hatte ich noch nie einem Mann an so delikater Stelle eine Injektion gemacht. Ein Novum auch an mir selbst. Der Einstich war kaum zu spüren. Auch kein Brennen, die Lösung demnach gewebefreundlich.

Hier brach Reni die medizinisch- technische Vorlesung ab. Gebrauchsanweisung, Slip und BH glitten zu Boden. Nun lagen wir beieinander und warteten. Starrten auf den lahmen Lahmen. Hie und da hob ich ihn hoch. Nichts. Und jetzt? Dort, wo ich gestochen hatte, schwoll er ein wenig an, als ob man versuchte, ihn aufzublasen. Stehen wollte er nicht. Oder tat sich nicht doch etwas? Und wieder warten, warten ...

Reni sagte ganz sachlich: "Wie eine Rose, die zu wenig Wasser hat." Ich machte die Windel bereit. "Zu wenig Wasser? Eben gerade nur Wasser. Geben wir auf?" "Für heute, glaub ich - ja."

Renata schlief bald ein. Etwa eine halbe Stunde lang schmerzte mich der Penis irgendwo inwendig. Dann war auch ich weg.

Das war der erste Versuch. Nun der zweite. Reni ist auch heute wieder das Publikum. Und ich sitze nackt am Bettrand, ziehe die Lösung aus dem Fläschchen auf, desinfiziere die Haut. Dieses Mal ist die rechte Seite dran. Spritze und Penis liegen mir bereits ein bisschen besser in den Händen, als fixierte ich den Finger eines Patienten für eine Lokalanästhesie. Der Stich erneut fast schmerzlos. Liegen und warten. Schlapper als schlapp. Weniger als nichts.

Halt, was ist das? Er schwillt an, vorerst wieder bei der Injektionsstelle, diesmal sieht's aus wie ein verstopfter Schlauch. Aber dann wird er größer. Größer und größer. Und dicker. Nach vier Monaten zum ersten Mal das schmerzhaft gute Gefühl: Er steht! Er steht wirklich.

Und es funktioniert, und zwar gar nicht so schlecht - mit ein bisschen Führungshilfe mit der Hand. Allerdings muss ich zum Abdichten ein Kondom überstreifen. Trotz der Erektion, die ja beim Gesunden das Urinieren verhindert, bleibe ich eine Spur undicht. Er steht, aber er tröpfelt! Und das Amüsante oder Ungewohnte: Nach dem undefinierbaren Gefühl eines Orgasmus bleibt er hart. Auch noch nach anderthalb Stunden. Reni greift ziemlich forsch nach dem Gebilde. "Soll ich die Nachbarin rufen? Hier sei ein harter Typ, der ihr noch etwas bieten könnte!"

Jetzt schmerzt er aber richtig. Wie steht's in der "Information für Patienten": "Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schmerzen im Penis, wie Brennen und Spannen während der Erektion (...) Tritt eine verlängerte (das heißt mehr als 4 Stunden dauernde) Erektion auf, ist sofort der behandelnde Arzt aufzusuchen."

Nach ungefähr zwei Stunden Steife und Schmerz gibt das Objekt nach. Sogleich werde ich wohlig müde. Wie gut. Nächstes Mal etwas weniger spritzen. Immerhin ein Erfolg. Welt wieder ein bisschen in Ordnung.

7. April

Heute vor einem Jahr Krebsoperation. Ja und? Ein Jahr überlebt - und eigentlich ganz gut überlebt. PSA tief geblieben. Seicherei trotz Beckenbodentraining nicht im Griff. Spritze und Impotenz: Eine Krücke ist immer noch besser als Kriechen. Im Übrigen: Zum Teufel mit dem Selbstmitleid.

15. Mai

Gestern unter der Praxispost eine Werbung für ein "Vakuum-Erektions-System" gefunden. Ich suchte zu diesem Thema einen Fachartikel heraus, der mir früher schon einmal zwischen die Finger gekommen war. Vorhin habe ich Reni am Telefon daraus vorgelesen: ",Das Wirkprinzip besteht darin, dass ein Kunststoffzylinder luftdicht über das Glied gestülpt und dann mit einer Pumpe ein negativer Druck von bis 225 mm Quecksilber hergestellt wird. Der Penis füllt sich passiv mit Blut. Nach Erreichen einer genügenden Festigkeit wird ein Gummiring auf die Penisbasis abgestreift, wodurch eine Obstruktion des venösen Rückflusses entsteht. Das distal vom Ring abgeschlossene Blut wird von der Zirkulation abgeschaltet' - hörst du überhaupt noch zu? 'Die Blockade wird auf 30 Minuten Dauer beschränkt. Die fehlende Zirkulation führt zu einer Temperaturabnahme von etwa 1 Grad Celsius und einer blauvenösen Verfärbung.'"

"Also nichts für langsame Liebespaare", unterbrach sie. "Und kalt und blau wird er auch noch. Aber wir sind ja schon einiges gewöhnt und auch schon schnell und hitzig gewesen. Meinst du, wir könnten es noch so Tempo, Tempo?" "Im Tessin, da gebe ich 3M-Garantie bei Muße, Mondschein und Merlot." "Mein Okay hast du", sagte Renata.

19. Mai

Die Vakuumpumpe ist eingetroffen. Ein Hebelchen klemmt. Auch regt sich mein Verdacht, die Tube mit dem Gel zum Abdichten zwischen Penisbasis und Kunststoffzylinder sei schon einmal offen gewesen; das Stannioldeckelchen fehlt.

Das Ganze enttäuscht zurück an den Absender. Ich will ein fabrikneues Modell, oder die Bestellung ist annulliert. Allerhand Leute und allerhand Firmen scheinen mit der Impotenz Geschäfte zu machen. Aber im Grund genommen vermarkten sie nicht ihre Produkte. Sie vermarkten unsere Not.

9. September

Renata hat mich ermuntert, mich nochmals nach einer Vakuum-Erektionshilfe zu erkundigen. Die Urologische Uni-Klinik in Bern wusste Rat. Nach wenigen Tagen war die Lieferung da. Das Gerät ist sehr robust und nicht störanfällig. Die Anleitung übersichtlich, die Bedienung scheint einfach. Ich werde mit Üben anfangen, sobald ich mich innerlich vom Spritzen verabschiedet habe.

16. - 21. Oktober

Casa Lucertolina. Die Sache mit der Vakuumpumpe. Seit Mitte September übe ich. Anfänglich, ohne danach einen Spannungsring vom Zylinder auf den Penis abzustreifen. Die Erektion ist beachtlich. Sie wäre vermutlich imposant, wären die Schwellkörper noch intakt. Nach einigen Tagen startete ich mit dem schwächsten, dicksten Ring. Die Erektion hielt nur kurz. Mit dem stärkeren, beigen, spazierte ich dann etwa zehn Minuten herum. Der Penis wurde blau und kühlte sich ab, wie in der Anleitung beschrieben. Trotzdem ein gutes Gefühl, ihn groß zu sehen.

Vorgestern der erste Probe-Paarlauf. Die Liebeswut war nicht allzu groß, die Neugier überwog, wie bei jedem Test. Bald zeigte sich auch das Problem dieser Methode. Streift man den Ring von Anfang an über, heißt's aber hopp, hopp! Für eine amouröse Aufwärmrunde bleibt wenig Zeit, die Stauung sollte ja nicht länger als eine halbe Stunde dauern.

Wir wählten zur Premiere eine Variante ähnlich der TV-Unterbrecher-Werbung, das heißt: Wenn's nahezu am schönsten ist, aus dem Bett springen, im Badezimmer pumpen, mit aufgekratztem Gefühl und groß gesogenem Objekt zurück ins leicht abgekühlte Vergnügen. Nicht nur das. Es zeigte sich, dass auch mit dem mittelstraffen Ring die Stauung im Liegen bald einmal ungenügend wurde. Ich setzte mich an den Bettrand - und ohne mein Dazutun war er wieder bereit. Und irgendwie ging's.

Es war immerhin ein Anfang. Auch war man sich wieder viel nähergekommen. Mit dem Körper oder auch mit den Herzen? Nächster Versuch mit dem engsten Ring, Farbe Rosa.

27. Februar

Gestern am Symposium zur Emeritierung von Professor Richard Dirnhofer, Direktor am Berner Institut für Rechtsmedizin. Im Foyer zupft mich jemand am Ärmel. Albert R. steht neben mir und zwinkert mir unter seinen markanten dunklen Augenbrauen zu. Seit einem Jahrzehnt pensioniert, vor fünf Jahren die Diagnose Prostata-CA. Ich schlucke fünfmal leer. Das Thema für unsere Pausenunterhaltung ist gegeben. Als Antwort auf meinen Lagebericht prostet Albert mir mit Orangensaft zu. "Also auch du!", konstatiert er trocken. "Wir beide sind die Realität, die Statistik ist irgendwo. Auch was die Nebenwirkungen betrifft. Lange Zeit habe ich die Windeln von einem ganzen Tag aufbewahrt und sie sogar gewogen, um die Verbesserung der Kontinenz zu verfolgen."

Anfang November

Vor wenigen Tagen bin ich aus der Urologie entlassen worden. Der künstliche Blasenschließmuskel ist implantiert, aber noch nicht aktiviert. Trotz dicken Schaumgummipolstern schmerzt die Narbe im Damm beim Sitzen. Von Zeit zu Zeit erhole ich mich auf den Knien vom Schreiben am Computer.

26. März

Ich habe immer noch Glück, in vielerlei Hinsicht. Nur ein winziger Teil meines Körpers funktioniert nicht mehr. Ich lebe noch. Bloß das Ding zwischen meinen Beinen ist tot. Wie witzelt man doch, um das demütigende Handicap von uns Männern auf den Punkt zu bringen: tote Hose. Richtig. In meiner Hose ist es seit nunmehr drei Jahren still. Aber ist das die Realität, die ganze Wahrheit?

In der Hose mag es tot sein und tot bleiben. Dafür ist anderes lebendig geblieben oder erst durch meine Behinderung zum Leben erwacht. Mit dem Krebs und mit der Impotenz habe ich Renata enorm viel zugemutet. Unsere Beziehung wurde jahrelang auf heikle Proben gestellt. Wir haben sie bestanden. Unsere Beziehung ist nicht gestorben. Sie ist lebendiger geworden, fester und tiefer. Soll meinetwegen kommen, was noch kommen muss. Ich werde versuchen, auch das zu verstehen und zu akzeptieren. Mag es in der Hose tot sein - das Leben geht weiter.

Das Buch

Alle Auszüge stammen aus dem Buch "Tote Hose - worüber Männer schweigen" von Walter Raaflaub (320 Seiten, 21,50 Euro, Wörterseh).

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