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Linkshänder: Verdrehte Welt

Viele Menschen quälen sich mit rechts, weil sie gar nicht wissen, dass sie Linkshänder sind. Das kann zu Leistungsschwäche, Legasthenie und Sprachstörungen führen. Ist das Problem erkannt, hilft eine Rückschulung - Kindern wie Erwachsenen.

Auf dem Weg vom Kopf in die Hand ist es verloren gegangen, das "t". Frauke hatte genau gewusst, dass es da hingehörte, ans Ende vom "nicht", schließlich war sie ja schon elf und schlau und auf dem Gymnasium. Aber als alles schnell gehen sollte beim Diktat, wollte sich das kleine "t" erneut nicht zu den anderen Buchstaben gesellen. Die Kopfschmerzen kamen, und nach den letzten Sätzen tat Frauke der rechte Arm weh, wie immer. Fehlende Striche und Punkte malte die Lehrerin später selbst zu den Worten, ohne Kommentar, denn sie wusste ja: Frauke war als Legasthenikerin anerkannt. In die Zeugnisse schrieb die Klassenlehrerin immer wieder: "Frauke ist zu ruhig, sie soll sich mehr melden."

Heute ist das Mädchen zwölf, und die Kopfschmerzen sind weg. Die Buchstaben fließen besser, und die Pünktchen finden schneller ihren Platz auf den Äs und Üs. "Im vergangenen halben Jahr hat Frauke einen großen Sprung gemacht", sagt ihre Mutter Antje Dingler. "In vielen Fächern hat sie sich um ein bis zwei Noten verbessert."

Frauke aus Elmshorn ist Linkshänderin - und jahrelang hat es keiner gewusst. Erst als ihre Mutter über mögliche Probleme von Kindern las, die nicht mit ihrer dominanten Hand schreiben, ließ sie Frauke untersuchen. "Ich hatte das Gefühl, ihre Schwierigkeiten in der Schule könnten damit zu tun haben", sagt Antje Dingler. Ein so genannter Händigkeitstest brachte Klarheit. Im Sommer 2003 begann Frauke unter fachlicher Anleitung eine Rückschulung auf ihre starke Seite.

Noch Anfang des

vergangenen Jahrhunderts wurde linkshändigen Kindern der Arm auf den Rücken gebunden. Bis Mitte der 70er Jahre ordneten die meisten Lehrer an, dass alle ihre Schüler mit rechts zu schreiben hätten. Man wurde dann liberaler in den Klassenzimmern, das Thema Umschulung von Linkshändern schien erledigt.

Die Welt aber ist rechts geblieben, und Kinder lernen das jeden Tag. Babys wird die Rassel immer wieder in die rechte Hand gedrückt, genau wie der erste Löffel beim Essen. Hält ein Kind dem Besucher strahlend die Linke hin, hört es: "Das ist das verkehrte Händchen." Im Kindergarten sieht es, dass die meisten mit der rechten Hand Klotzburgen bauen oder malen. Und Kinder wollen dazugehören, mit den richtigen Freunden, den richtigen Klamotten, der richtigen Hand. Als Frauke mit knapp drei Jahren in den Kindergarten kam, machte sie vieles mit links. Als sie in die Schule ging, machte sie das meiste mit rechts. "Ich weiß nicht, ob jemand im Kindergarten etwas zu ihr gesagt hat", erzählt ihre Mutter. "Ich dachte jedenfalls, dass die Linkshändigkeit bei Frauke nur eine Phase war."

"Vor allem aufgeweckte Kinder ahmen stark ihre Eltern, Geschwister, Freunde nach", sagt die Psychotherapeutin Barbara Sattler aus München. "Dabei geschieht es, dass ein Linkshänder sich unbewusst umschult." Sattler ist Autorin des Standardwerks "Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn" und zahlreicher anderer Veröffentlichungen zum Thema. "Wenn Linkshänder mit der rechten Hand schreiben, kann es zu massiven Störungen kommen, wie legasthenischen Schwierigkeiten, sprachlichen Irritationen, Blackouts", sagt sie. Oft führe das zu einem irritierten Selbstbewusstsein.

Welche Hand dominant ist,

steht offenbar von Geburt an fest. "Der vorrangige Grund ist nachgewiesenermaßen genetisch", schreibt der amerikanische Forscher Amar J. S. Klar vom Genlabor des National Cancer Institutes in der jüngsten Untersuchung zur Erblichkeit der dominanten Hand. Zwischen zehn und zwölf Prozent der Menschen, schätzen Wissenschaftler, schreiben mit links. Wie viele darüber hinaus Linkshänder sind, aber mit rechts schreiben, ist nirgends erfasst. "Ich halte es für möglich", sagt Barbara Sattler, "dass 20 bis 30 Prozent der Erwachsenen umgeschulte Linkshänder sind."

Ein Seitenwechsel mit Folgen. Hände sind Spezialisten, so wie die Hirnhälften. Die linke Hand wird von der rechten Hemisphäre gesteuert, die rechte Hand von der linken. Besonders beim Schreiben ist das gesamte Steuerungszentrum gefragt. Kaum eine andere Tätigkeit erfordert ein so ausgeklügeltes Zusammenspiel von Wahrnehmung, Intellekt, Sensorik und Motorik wie das Schreiben mit der Hand. Steigt das linkshändige Kind auf die rechte Hand um, wird die Wechselwirkung zwischen all diesen Komponenten verändert. "Linkshänder haben eine andere Hirnorganisation", sagt Professor Onur Güntürkün vom Institut für Kognitive Neurowissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. "Wenn ein zwei bis sechs Jahre alter Linkshänder mit rechts schreiben lernt, muss die Interaktion der Hirnhälften anders strukturiert werden." Bei dem ohnehin schwierigen Lernprozess sei das "eine doppelte Bürde". Amerikanische Forscher nennen die Umschulung "brain-breaking", das Gehirn werde gebrochen.

Umschulung geschah

oft im besten Willen. Denn Linkshänder, die ihre stärkere Hand benutzen wollen, haben ein Problem. Die Welt gibt ihnen immer die falsche Hand. Am Bankschalter steht die Box mit Kugelschreibern fortwährend rechts, auf dem Tisch liegt das Messer ausschließlich dort.

Auf dem Tennisplatz oder beim Boxen sind Linkshänder erfolgreich und anerkannt. Wer jedoch im Alltag von links kommt, wird gern dort liegen gelassen. Der Korkenzieher windet sich zur anderen Seite, alles Greifen, Geben, Nehmen ist verdreht. Schon Fraukes Großmutter musste das erfahren.

Margot Vießmann, umgeschulte Linkshänderin, kam nur mühsam durch die Schule. Ab 1948 ging sie in die Kochlehre, bediente die Kartoffelschälmaschine mit links, griff immer wieder über die scharfen Kanten hinweg zum Hebel auf der rechten Seite. Die Schrammen sind heute noch zu sehen. "Ich weiß, wie schwer man es im Leben hat als Linkshänder", sagt die 72-Jährige. Auch ihre Tochter Antje war eine aufgeweckte Linkshänderin, die in der Schule mit rechts schreiben musste. Antje Dingler blieb dabei - bis die Suche nach Hilfe für ihre eigene Tochter auch für sie Erklärung und Problemlösung brachte. "Ich war wie elektrisiert", sagt die 34-Jährige. Plötzlich war alles klar. Die Schwierigkeiten ihrer kleinen Frauke in der Schule, der Kampf ihrer Mutter Margot, die eigene Suche nach sich selbst. Die Seiten waren verrückt. Nun durften sie wieder an ihren Platz. Antje Dingler wusste mit einem Mal, dass die persönliche Balance wichtiger ist, als sich der Umwelt anzupassen. Mutter und Kind gingen gemeinsam zur Linkshänderberatung, beide schulten sich zurück. "Jetzt habe ich das Gefühl, ich habe mich gefunden", sagt Antje Dingler.

"Endlich wissen, was eigentlich los ist, befreit viele unglaublich", sagt Sigrid Kahle. Die Lübecker Ergotherapeutin ist eine von knapp 100 Frauen und Männern in der ganzen Republik, die sich durch eine Zusatzausbildung nach der Methode von Barbara Sattler zur Linkshänderberaterin fortbilden ließen. Die Therapeutin hat bereits zahlreiche Kinder und Erwachsene bei der Rückschulung begleitet. Allerdings kann sie nicht jedem helfen. "Ich mache keine Rückschulung bei psychosomatischen Beschwerden, auch bei psychischer Instabilität nicht", sagt Kahle. Schließlich ist der Prozess ein erneuter Eingriff ins Gehirn, und er wirbelt auch psychisch vieles durcheinander. So könnten frühere Verbote und Zurückweisungen wieder hochkommen, heftige Träume seien die Regel. Viele Fachberater empfehlen deshalb eine psychologische Begleitung.

Dreht sich die Welt am Ende wieder richtig herum, sieht sie jedoch aus wie neu. Antje Dingler und ihre Tochter Frauke machen jetzt alles mit links und sind froh darüber. Im Juni schrieb Frauke zum ersten Mal eine Postkarte mit ihrer starken Hand: "Liebe Omi ..." Margot Vießmann lächelt. "Ich freue mich", sagt die Großmutter. Ihre beiden Linkshänderinnen leben, was ihr selbst nicht möglich war.

Joachim Wehnelt / print
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Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?