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Panikstörung: Der Angst ins Auge sehen

Psychologen der Universität Greifswald haben zusammen mit sieben Kliniken einen neuen Ansatz zum Abbau von Panikattacken entwickelt. Eine Verhaltenstherapie kann in relativ kurzer Zeit Betroffene von ihrem Leid befreien, zeigt eine Studie der Forscher.

Viele Menschen, die unter Panikaattacken leiden, werden depressiv

Viele Menschen, die unter Panikaattacken leiden, werden depressiv

Die Herzfrequenz schnellt von einer Sekunde auf die andere auf 150 Schläge pro Minute hoch, Schweiß tritt auf die Stirn, das Gefühl zu sterben oder die Kontrolle zu verlieren übermannt den Betroffenen. Bundesweit leiden etwa 2,5 Millionen Menschen unter einer solchen Panikstörung, sagt Professor Alfons Hamm, Psychologe an der Universität Greifswald. Patienten versuchen, die Angst auslösenden Situationen zu vermeiden: Sie steigen nicht mehr ins Flugzeug, fahren nicht mehr Bus, gehen nicht mehr aus dem Haus - mit enormen Folgen: Sie riskieren den Verlust von Kontakten oder den ihres Arbeitsplatzes, leiden an Depressionen.

Laut einer bundesweiten Studie, die das Bundesforschungsministerium mit 3,5 Millionen Euro gefördert hat, kann den Patienten am besten mit einer Verhaltenstherapie geholfen werden. Dabei wird der Betroffene mit den Situationen konfrontiert, vor denen er sich fürchtet. So überwindet er seine Ängste Schritt für Schritt. "Eine Verhaltenstherapie ist das Mittel der Wahl", meint Hamm. Rund 99 Prozent der Patienten, die im Rahmen der Untersuchung von sieben Forschungseinrichtungen in Dresden, Berlin, Aachen, Würzburg, Bremen, Münster und Greifswald an der Therapie bis zum Ende teilnahmen, konnten seinen Angaben zufolge von ihren Ängsten befreit werden. Etwa zehn Prozent der 364 Probanden brachen die Behandlung ab - eine vergleichsweise geringe Abbrecherquote, erklärt der Psychologe. Die einjährige Studie wurde gerade beendet, daher ist noch unklar, ob die Patienten wieder rückfällig werden.

In der sechswöchigen Therapie setzten sich die Betroffenen zunächst mit den typischen Körpersymptomen wie Schweißausbruch und erhöhte Herzfrequenz auseinander, die mit einer Panikattacke einhergehen. Im zweiten Schritt wurden sie mit heikleren Situationen konfrontiert, etwa mit dem Besuch eines Kaufhauses oder einer Busfahrt. Dabei sollten sie das für Panikgestörte typische Verhalten vermeiden: Statt aus dem Kaufhaus zu flüchten, stellen sie sich ihren Ängsten, bis sie von allein wieder nachlassen.

Nachteile der medikamentösen Behandlung

„Eine medikamentöse Behandlung ist für diese Patientengruppe langfristig kontraproduktiv, weil dadurch die Funktion von Angstvermeidung aufrechterhalten wird“, sagte Hamm. Bestimmte Antidepressiva könnten dazu führen, dass die Krankheit chronisch werde. Zudem können diese Mittel süchtig machen. Hamm zufolge entwickeln 28 Prozent der mit Antidepressiva behandelten Patienten mit einer Panikstörung eine Medikamentenabhängigkeit.

Nach Ansicht der Forscher bietet die über zwölf Sitzungen laufende Verhaltenstherapie einen weiteren Vorteil: Sie sei wesentlich billiger als eine Behandlung mit Medikamenten oder eine tiefenpsychologisch begründete Langzeittherapie. Für eine zweijährige medikamentöse Behandlung inklusive Arzt- und Heilpraktikerbesuchen kämen Kosten in Höhe von mehreren tausend Euro zusammen. Die Verhaltenstherapie dagegen koste knapp 1200 Euro, sagt Hamm.

Im Osten Deutschlands fehlt es an Therapeuten

Viele Menschen leiden jahrelang an einer Panikstörung, gehen aber aus Scheu nicht zum Arzt. Zudem gebe es vor allem im Osten Deutschlands einen Mangel an ausgebildeten Psychotherapeuten, beklagt Hamm. Während sich in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 6,3 Psychotherapeuten um 100.000 Einwohner kümmerten, seien es in Hamburg 47. Die Experten streben an, die Therapie zu verfeinern und vor allem früher mit einer Behandlung zu beginnen. Derzeit vergehen etwa sieben Jahre von der ersten Panikattacke bis zur Therapie. "Viel zu lange", sagt Hamm. "Eine Frühintervention könnte den Betroffenen viel Leid ersparen und den Krankenkassen viele Kosten."

Martina Rathke/DPA / DPA