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Postpartale Depression Ekel vor dem eigenen Baby


Sonja Rulff dachte nach der Entbindung, dass sie vor Freude strahlen müsste. Doch ihr Wunschkind widerte sie an. Sie litt an postpartaler Depression. Die Krankheit, die im Kinofilm "Das Fremde in mir" thematisiert wird, kommt erstaunlich häufig vor. Und trifft besonders junge Akademikerinnen.
Von Johannes Gernert

Irgendwann irrt Rebecca durch den Wald. Ihre Haare sind zerzaust, der Blick starr und tot. Sie stolpert, torkelt, legt sich zwischen die Bäume und bleibt liegen. Es wird immer dunkler und kälter, aber sie rührt sich nicht. Liegt da wie in einem Sarg. Ihr Baby ist weit weg, allein, zu Hause. Zuvor hat sie es einmal im Kinderwagen stehen gelassen. Mitten in der Stadt. Und ist in die Straßenbahn gestiegen. Ein andermal hat sie seinen Kopf ins Badewasser getaucht. Ganz langsam. Und darüber nachgedacht, wie es wäre, den Kopf unter Wasser zu halten. Länger, viel länger noch. Es ist ihr alles zu viel. Sie kann dieses Baby nicht mehr ertragen.

Rebecca ist eine fiktive Figur aus einem Film, der "Das Fremde in mir" heißt und am Donnerstag in die Kinos kommt. Die Geschichte von der jungen Frau, die nach der Geburt ihres Kindes in eine schwere psychische Krise gerät, hat sich die Regisseurin Emily Atef zwar mit ihrer Drehbuchautorin ausgedacht. Sie basiert aber auf den sehr realen Symptomen einer Krankheit, die sich postpartale Depression nennt. Eine Erkrankung, unter der nach der Geburt zwischen 10 und 15 Prozent aller Mütter leiden. Es ist eine Krankheit, über die selten gesprochen wird, weil sich die Frauen oft dafür schämen.

Als der "Baby-Blues" nicht abklingt

Sonja Rulff (Name geändert) hat zwei Monate gebraucht, bis sie endlich bei einer Therapeutin anrief. Ihre Tochter Miriam war ein Wunschkind gewesen. Rulff, Ende zwanzig, hatte nach ihrem Mathematik-Studium einen Job als Controllerin am Frankfurter Flughafen gefunden. Sie freute sich darauf, Mutter zu werden. Die Geburt allerdings dauerte lange. Sie verlor viel Blut und fühlte sich anschließend extrem schwach. Aber die Hebamme beruhigte sie: Das liege am Eisenmangel. Die schlechte Stimmung werde bald verschwinden. Dass Frauen, die gerade entbunden haben, gereizt sind, erschöpft oder traurig und manchmal stundenlang weinen, ist tatsächlich nicht ungewöhnlich. In den ersten fünf Tagen nach der Entbindung leidet fast jede zweite Mutter darunter, haben Studien festgestellt. Es gibt ein Wort dafür: den "Baby-Blues".

Bei Rulff klang dieser Blues aber nicht ab. Sie nahm in den Wochen nach der Geburt 15 Kilo ab. "Ich konnte kaum noch gerade gehen", erinnert sie sich. Sie irrte ähnlich durch die Gegend wie Rebecca aus dem Film. Kraftlos und matt. Das Haus verließ sie fast gar nicht mehr. Für ihre Tochter Miriam empfand sie immer weniger. Wenn sie schrie, weil sie Hunger hatte, wurde Rulff schlecht. Ihr Mann kam abends von der Arbeit nach Hause und versuchte, sie zu beruhigen. Sie müsse sich erst nach und nach auf die ungewohnte Mutterrolle einstellen. Das werde schon alles. Rulff konnte ihm nicht erzählen, wie schlimm es ihr wirklich ging. Sie dachte selbst, dass sie das irgendwie schaffen musste. Alleine. So sehr sie auch Angst davor hatte, dabei zu versagen.

Junge Akademikerinnen haben ein höheres Risiko

Die postpartale Depression tritt häufig gemeinsam mit Angststörungen und Panikattacken auf, beobachtet die Psychologin Corinna Reck, die seit mehreren Jahren an der Heidelberger Uniklinik zu dem Thema forscht. Sie hat auch eine der wenigen Studien geleitet, die in Deutschland zu dem Phänomen existieren. Es gibt demnach eine Gruppe, bei der das Risiko besonders hoch ist, an einer postpartalen Depression zu erkranken: Frauen, die jünger als 30 sind und einen hohen Schulabschluss oder ein abgeschlossenes Studium haben. Auch Frauen, die möglicherweise vorher schon psychisch krank waren oder traumatische Erlebnisse nicht richtig verarbeitet haben, leiden eher an einen postpartalen Depression. Frauen wie Sonja Rulff.

Acht Monate nach der Entbindung hatte Rulff morgens keine Lust mehr aufzustehen und zu stillen. Das Kind widerte sie immer mehr an. Sie würde es alleine nicht schaffen, das wurde ihr langsam klar. Rulff rief bei der Psychotherapeutin an, die sie einige Jahre zuvor wegen einer Angststörung behandelt hatte. Die schickte sie zum Psychiater. Einige Tage später saß sie im Büro einer Therapeutin im Mutter-Kind-Zentrum Heppenheim. Ihr Mann weinte. Er fing gerade erst an zu begreifen, dass seine Frau wirklich krank war.

Wenige Zentren für Mütter und Kinder

Es gibt in Deutschland nur wenige Einrichtungen wie jene in Heppenheim. Dort befindet sich das Mutter-Kind-Zentrum in einem eigenen Haus. Die Pfleger sind spezialisiert. Anderswo werden die Frauen in die gewöhnliche Psychiatrie aufgenommen. "Das kann belastend sein, wenn sie plötzlich einen Mann mit Halluzinationen bei sich im Zimmer stehen haben", sagt Sabine Surholt, die vor zwölf Jahren den Selbsthilfeverein "Schatten und Licht" gegründet hat. Ihrer Ansicht nach ist auch die Finanzierung solcher Angebote nach wie vor schwierig. Die Kassen würden zwar die Behandlung der Mutter zahlen, aber nicht die des Babys. Dabei haben verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass eine depressive Mutter auch die Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen kann.

In Heppenheim hat Sonja Rulff sich ihrer Tochter Miriam wieder angenähert. Gegen die Depressionen bekam sie Psychopharmaka. Sie machte Ergotherapie, besuchte eine Sportgruppe. Sie lernte, wieder ein Gefühl für ihr Kind zu entwickeln, dessen Regungen richtig zu deuten und natürlich darauf zu reagieren. Und sie beschäftigte sich mit den Ursachen ihrer Depressionen, die weiter zurückreichten, als sie jemals gedacht hätte. Ihre eigene Mutter wäre bei Rulffs Geburt fast gestorben. Ihre Nerven versagten, sie erlitt einen Hirnschlag und ist seitdem schwer behindert. Der Vater hat danach sechs Jahre lang gegen das Krankenhaus prozessiert. Und Rulff hatte permanent Angst, dass er ihr auf die Frage, was sich denn in diesem Ordner mit den Gerichtsakten befinde, einmal antworten würde: "Da steht drin, dass du schuld bist." In den 15 Wochen, die sie in Heppenheim verbrachte, wurde ihr zum ersten Mal klar, wie sehr diese Kindheit sie geprägt und verunsichert hat.

Die Ursachen sind vielfältig

Die Ursachen für die postpartale Depression sind vielfältig. Besonders Frauen, die verletzlich sind, können daran erkranken, sagt Psychologin Reck. Auch Schwierigkeiten in der Beziehung spielen eine Rolle, finanzielle Probleme oder ungewollte Schwangerschaften. Die Depression könnte außerdem dadurch ausgelöst werden, dass die Geburt zum traumatischen Erlebnis wird. Denn auch nach schweren Operationen treten ähnliche psychische Symptome auf. Eine Ursache, die lange als erwiesen galt, wird mittlerweile angezweifelt: Die Hormonschwankungen, die bei werdenden Müttern auftreten, sind zwar beträchtlich, aber sie sind es sowohl bei depressiven als auch bei gesunden Frauen.

Dass das Risiko gerade für junge Akademikerinnen sehr hoch ist, könnte auch an der derzeitigen "Mutterschaftsideologie" liegen, vermutet Reck. Eine stets grinsende Familienministerin mit sieben Kindern suggeriert, dass das alles strahlend hinzubekommen sein muss. In der Windelwerbung haben die Frauen immer einen Gute-Laune-Blick. "Dass die Realität anders aussieht, erfährt man erst später", stellt Sabine Surholt von "Schatten und Licht" trocken fest. Auch Sonja Rulff sagt, sie habe anfangs gedacht: "Du müsstest doch freudestrahlend durch die Gegend laufen."

Die Mutter bemuttern

Seit sechs Wochen ist Rulff mittlerweile wieder zuhause bei ihrem Mann. Sie hat gelernt, sich helfen zu lassen. Wenn sie nicht mehr kann, ruft sie ihre Eltern an. Das bemuttern der Mutter sei ganz entscheidend, sagt auch Surholt. Man brauche ein entlastendes Netz, das einen nach der Entbindung auffange. Leute, die Essen bringen, einkaufen, bügeln. Untersuchungen zeigen, dass postpartale Depressionen in Kulturen, in denen die Mütter effektiv unterstützt werden, deutlich seltener auftreten. Es wäre schon viel geholfen, findet Surholt, wenn in Deutschland vor der Geburt besser über die Gefahren informiert würde. Auch bei Rulff ist das nicht passiert. Obwohl sie der Hebamme von ihrer früheren Angststörung erzählt hatte.

Sonja Rulff zwingt sich dazu, offen mit der Krankheit umzugehen. Als sie neulich beim Baby-Schwimmen war, hat die Trainerin alle aufgefordert, davon zu erzählen, was sie in den vergangenen drei Monaten so gemacht hätten. "Ich war in der Psychiatrie", hat Rulff geantwortet. Sie muss sich immer wieder sagen, dass sie sich nicht schämen darf. Aber seit sie weiß, dass sie nicht alleine ist, fällt ihr das leichter. Sie wird sich bald "Das Fremde in mir" ansehen, auch wenn sie ein bisschen Angst davor hat. Rulff freut sich, dass so noch mehr Menschen erfahren, was postpartale Depression bedeutet. Emily Atef, die Regisseurin, sagt, dass sie einfach einen Film machen wollte und nie die Absicht hatte, damit ein Tabu zu brechen: "Aber es ist ein Traum, wenn wir Leuten damit helfen können."


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