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Soziale Phobie: Eine Frau ansprechen? Nie im Leben!

Selbst der Gang in die Kantine wird zur Mutprobe: Wer an sozialer Phobie erkrankt ist, zieht sich zurück und leidet Höllenqualen. Doch woher kommt die Angst vor anderen Menschen? stern.de traf zwei Betroffene zum Gespräch.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Werde ich akzeptiert? Mache ich was falsch? Solche Gedanken quälen viele Sozialphobiker

Werde ich akzeptiert? Mache ich was falsch? Solche Gedanken quälen viele Sozialphobiker

Ob wohl einer guckt? Sarah (Name geändert) sitzt in der Kantine, an einem Tisch mit Arbeitskollegen. Das Schnitzel und die Kartoffeln, die auf ihrem Teller liegen, hat sie seit Minuten nicht angerührt. Gabel und Messer liegen in ihren Händen. Sarah weiß nicht richtig wohin damit. Was, wenn das Messer beim Schneiden quietscht? Was, wenn Soße über den Tellerrand schwappt? Was, wenn sie sich verschluckt? "Hast wohl keinen Hunger heute?", fragt ein Kollege. Sarahs Wangen laufen rot an, ihr Herz rast, sie hat das Gefühl, schneller atmen zu müssen, ihr Mund ist trocken. "Bloß weg hier", denkt Sarah, bleibt aber sitzen und stochert mit der Gabel in den Kartoffeln herum, so lange, bis sie in viele kleine Stückchen zerfallen.

Ob wohl einer guckt? Heute denkt Sarah das nicht mehr. Heute kann die Münchnerin sogar über sich selbst lachen, während sie an der Isar entlang spaziert, jeden Hund streichelt, der vorbei kommt und erzählt, wie es damals war. Damals, vor knapp zweieinhalb Jahren, litt Sarah an sozialer Phobie. Als "Angst vor anderen Menschen" wurde die soziale Phobie erstmals vor über 2000 Jahren beschrieben und gilt heute als eine der häufigsten Angststörungen - in Deutschland zählen Angststörungen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen

Wie sehe ich aus? Wie komme ich an? Bin ich gut genug?

Wie viele Menschen deutschlandweit an sozialer Phobie erkrankt sind, können Experten nur schätzen. Die Zahlen schwanken zwischen zwei und vierzehn Millionen Betroffenen. Genaue Aussagen sind deshalb so schwer zu treffen, weil sich Menschen mit sozialer Phobie im Hintergrund halten. "Eine soziale Phobie wird oft erst Jahre oder Jahrzehnte später diagnostiziert, oft auch überhaupt nicht", sagt Carolin Nothdurfter, Ärztin in der Angstambulanz an der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Doch wann spricht man von sozialer Phobie? Fast jeder kennt das typische Magengrummeln vor einer Prüfung oder einem wichtigen Gespräch. Wohl jeder ist mal mehr, mal weniger sicher im Umgang mit anderen Menschen. Die Angst dauert gewöhnlich nur kurz und belastet das Leben kaum oder gar nicht. Anders bei der sozialen Phobie: Betroffene ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück, sie entwickeln eine chronische und übersteigerte Angst, sich in zwischenmenschlichen Situationen lächerlich zu machen, von anderen beobachtet und negativ bewertet zu werden. Kaum jemand ahnt, welche Kraft es sie kostet, harmlose zwischenmenschliche Kontakte, wie beispielsweise ein Gespräch, durchzustehen.

Zwanghafte Gedanken quälen: Wie sehe ich aus? Wie komme ich an? Bin ich gut genug? Werde ich akzeptiert? Mache ich etwas falsch? Dazu kommen die vegetativen Reaktionen: der Blutdruck steigt, das Herz rast, Schweißausbrüche, Zittern, roter Kopf. Das steigert sich oft bis zur Panik.

Sie verbarrikadieren sich in ihrem Zimmer oder flüchten ins Internet

Um nicht in diesen Strudel zu geraten, gehen Sozialphobiker Angst auslösenden Situationen aus dem Weg. Auch Sarah wurde erfinderisch, um bloß nicht mehr mit den Kollegen am Mittagstisch sitzen zu müssen. Sie behauptete, eine Diät zu machen, und nahm sich Bananen und Äpfel an die Arbeit mit. Die aß sie heimlich am Schreibtisch, während die anderen in der Kantine waren. "Der Aktionsradius der Betroffenen wird immer kleiner, der Leidensdruck größer", sagt Carolin Nothdurfter.

Viele suchen sich sichere Nischen, wählen etwa einen Beruf, bei dem sie keinen Kundenkontakt haben, lehnen private Einladungen ab. In besonders schlimmen Fällen verbarrikadieren sie sich in ihrem Zimmer, oft jahrelang. Depressionen oder der Griff zu Suchtmitteln, vor allem zu Alkohol, sind mögliche Folgen. Oder die Flucht ins Internet. "Uns sucht kaum einer auf, weil er glaubt, er sei viel zu schüchtern. Die meisten kommen erst, wenn sie die Folgeerkrankungen, beispielsweise eine Sucht, nicht mehr in den Griff bekommen", sagt Nothdurfter. Die Schamgefühle der Betroffenen machten es oft schwer, zu der eigentlichen Angst vorzudringen: "Die Patienten sind sich der Unsinnigkeit ihrer Ängste sehr bewusst."

"Umbringen kann ich mich ja immer noch"

Soziale Phobien beginnen meist in Kindheit und Pubertät - dann gelten sie in bestimmtem Rahmen noch als normal. Martin (Name geändert) stand als kleiner Junge immer am Rand, weit weg von den anderen Kindern. Er wollte mitspielen, traute sich aber nicht. Am liebsten, sagt er, hätte er sich in Luft aufgelöst, vor allem im Unterricht. Die Eltern bedrängten ihn: "Junge, jetzt sag doch mal was." Ebenfalls ein häufiger Auslöser für Streit: Martin hatte sein eigenes Tempo für die Dinge, die er lernen wollte. Das brachte den Vater regelmäßig zur Explosion. "Warum kannst du das noch nicht, die anderen Kinder können das schon längst!"

Nun sitzt Martin bei einer Tasse Cappuccino in einem Café in der Münchner Innenstadt. Das Gesicht des 32-Jährigen verdüstert sich, als er von seinen Eltern spricht: "Hätten sie nicht so einen Druck aufgebaut, vielleicht wäre es mit mir anders gekommen." Mit dem Erwachsenwerden stieg die Panik, für immer allein zu bleiben. Die Sehnsucht, eine Freundin zu haben, wurde größer und größer. Doch eine Frau ansprechen? Nie im Leben. "Was hätte das auch gebracht? Eine Verabredung hätte ich doch niemals durchgestanden", sagt Martin.

Viele Sozialphobiker versuchen ihre Angst mit Alkohol zu betäuben

Viele Sozialphobiker versuchen ihre Angst mit Alkohol zu betäuben

Er arrangierte sich irgendwie mit seiner Einsamkeit: "Ich dachte, ich lebe mal ein bisschen so weiter, umbringen kann ich mich ja immer noch." Dass er an sozialer Phobie leide, dass es soziale Phobie überhaupt gibt, hat er erst spät erfahren. Er war wegen diverser physischer Probleme häufiger beim Arzt, klagte über Herzbeschwerden und Schwindelkrämpfe. Keiner stellte die richtige Diagnose, bis Martin selbst im Internet über den Begriff "Soziale Phobie" stolperte. Er suchte sich Hilfe beim Therapeuten und fand Gleichgesinnte in einer Selbsthilfegruppe. "Endlich war ich mit meiner Angst nicht mehr allein", sagt Martin.

Gene, Kindheit, Persönlichkeit

Martins Krankheitsgeschichte ist typisch. Psychoanalytiker glauben an frühkindliche Auslöser, etwa wenn jemand, wie Martin, in seiner Kindheit hohen Anforderungen durch die Eltern ausgesetzt war, denen er nicht gerecht werden konnte, und deshalb schon früh beschämenden Erlebnissen ausgesetzt war. Vermutet wird auch ein genetischer Zusammenhang, da soziale Ängste gehäuft familiär vorkommen. Auch die Persönlichkeit des Menschen spielt offenbar eine entscheidende Rolle. "Introvertierte Menschen sind anfälliger für soziale Phobien", sagt Nothdurfter.

Soziale Phobien werden laut Nothdurfter erfolgreich behandelt mit einer Kombination aus medikamentöser und kognitiver Therapie, in der negative Denkstile entknotet und umstrukturiert werden. Statt beispielsweise zu denken: "Die anderen finden mich blöd", lernt der Patient sich zu sagen: "Die anderen haben auch ihre Fehler, nicht nur ich".

Heute macht Martins Angst ihm nicht mehr so zu schaffen wie früher, er unternimmt viel, hat inzwischen sogar einige Freunde und - er lächelt, als er das sagt - "irgendwann bestimmt auch eine Freundin". Wenn er Fremde ansprechen muss, wie neulich, als er nach dem Weg fragte, dann bekommt er zwar immer noch leichtes Herzklopfen, weiß aber: "Ein bisschen nervös ist man immer, aber das sind die anderen auch, das ist normal."

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