Spitzensport Ist Gendoping schon Realität?


Kaum eine Form des Dopings regt die Fantasie so stark an wie die Vorstellung vom gentechnisch optimierten Athleten. In einem heute vorgestellten Bericht klären Experten, was heute schon möglich ist - und ob es in Zukunft den genetisch manipulierten Superathleten geben wird.
Von Grit Hartmann

Vom Anbruch einer "neuen Ära " orakelte die Szene Anfang 2006, als die Staatsanwaltschaft im Mailverkehr des Magdeburger Sprinttrainers Thomas Springstein auf die Gendoping-Substanz "Repoxygen" stieß. Nun, zwei Jahre später, hat das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) den Bundestagsausschüssen für Sport und Bildung/Forschung einen 148 Seiten starken Bericht vorgelegt, der eine Frage beantworten soll: Wie real ist die Gefahr des Gendopings wirklich?

Das Papier basiert auf neun wissenschaftlichen Gutachten. Einig sind sich die Experten in einem Punkt: Sobald solche Verfahren verfügbar und praktikabel sind, werden sie auch genutzt, um Spitzensportlern zu mehr Leistung zu verhelfen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren, so schätzen die Experten, ist eine dauerhafte Veränderung der genetischen Ausstattung von Athleten sehr unwahrscheinlich. Gemeint ist damit ein "Superathlet", dessen Erbgut durch zusätzliche Gene, beispielsweise für Wachstumshormon HGH, dauerhaft manipuliert wurde.

Die Meinungen der Experten gehen dagegen auseinander, wie nah eine weniger komplizierte Variante liegt - nämlich mit gentherapeutischen Medikamenten die Muskeln aufzupumpen, den Energieumsatz im Körper zu tunen oder die Sauerstoffaufnahme im Blut zu erhöhen.

"Erheblich beunruhigt"

Den Bundestagsabgeordneten Winfried Hermann (Grüne) hat die Lektüre "erheblich beunruhigt". Dass mit Medikamenten Turbo-Gene aktiviert oder andere lahmgelegt werden, hält er für mehr als eine düstere Zukunftsvision: "Gendoping ist nicht nur ante portas, sondern vermutlich schon im Sport." So mehrt sich etwa die Muskelmasse schneller, wenn das Gen abgeschaltet wird, das für die Produktion des Eiweißes Myostatin sorgt. Myostatin bremst nämlich übermäßiges Muskelwachstum. Bei einigen grotesk muskelbepackten Rinder-Rassen kommt diese Mutation natürlicherweise vor, und auch - selten - beim Menschen. Forscher schalteten schon vor zehn Jahren bei Mäusen das Myostatin-Gen aus: Die derart manipulierten Tiere waren um ein Drittel kräftiger als gewöhnliche Artgenossen. Seit drei Jahren testet die US-Firma Wyeth ein Medikament gegen Muskelschwund. Bodybuilder preisen angebliche Myostatin-Hemmer in Nahrungsergänzungsmitteln schon jetzt.

Auf der Hand liegt auch das leistungssteigernde Potenzial von so genannten HIF-Stabilisatoren, die es bald als Pillen geben soll. Sie könnten den Sauerstoff im Sportlerblut mehren wie Epo-Spritzen. Denn HIFs (Hypoxie-induzierte Faktoren) regen das Gen an, das Epo produziert. Ist der gesunde Körper ausreichend versorgt, baut er die HIFs ab. Tests für ein Medikament gegen Blutarmut wurden nach einem Todesfall 2007 gestoppt. Keiner weiß, ob andere Versuche laufen.

Umwandlung von schnellen in langsame Muskelfasern

Ausdauersportler könnten ihren Energiestoffwechsel tunen. Dafür kann ein Gen manipuliert werden, das ein Eiweiß namens PPAR-Delta herstellt. Mehr von diesem Protein bewirkte bei Mäusen die Umwandlung von schnellen in langsame Muskelfasern. Diese Fasern sind auf Dauerbetrieb ausgelegt, sie ermüden viel später als schnelle Fasern. Die veränderten Nager liefen doppelt so lange Strecken. Medikamente für Übergewichtige, die ähnlich wirken, sind in Arbeit: Übergewichtigen würden langsame Muskelfasern nutzen, da diese die Fettverbrennung ankurbeln.

Eine deutliche Entwicklung gibt es laut TAB-Bericht auch beim Einschleusen von zusätzlichen Genen - dem ersten Schritt zum Superathleten, der "auf absehbare Zeit" droht. Bisher versuchten Wissenschaftler vor allem, die zusätzlichen Gene mithilfe von Viren ins Muskelgewebe einzuschleusen. Inzwischen forscht man auch verstärkt an einer verträglicheren Variante: Erbgutschnipsel können auch pur - als "nackte DNS" - in die Zellen eingebracht werden. Längst nicht alle Forschungsprojekte sind bekannt. China zum Beispiel fehlt in der Statistik der 1300 veröffentlichten klinischen Studien. Dabei wurde dort 2003 das weltweit erste Gentherapeutikum zur Tumor-Behandlung zugelassen. In Deutschland sollen solche Arzneien erst in zehn Jahren auf dem Markt sein.

"Dopende Athleten nehmen enorme Risiken in Kauf

Der TAB-Bericht bewertet diesen Umstand nicht als beruhigend: "Dopende Athleten und ihr Umfeld werden nicht solange warten, bis sich eine therapeutische Strategie in klinischen Studien als wirksam erweist. Vielmehr werden sie bereits vorher, unter Inkaufnahme enormer Risiken, nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum verfahren." 20 Gendoping-Nachweise fördert die Weltantidopingagentur, und wenigstens die beurteilt der Grüne Winfried Hermann als "nicht ganz aussichtslos". Vielversprechend ist das so genannte intelligente Biomonitoring, das eindeutige Hinweise liefert, wenn die Genaktivität manipuliert wurde, und so zumindest einen Anfangsverdacht begründet.

Noch sieht der Bericht die größte Barriere für Gendoping an ganz anderer Stelle: in der Nichtnachweisbarkeit derzeitiger Dopingmittel und -methoden. "Solange aktuell praktizierte Methoden nicht nachgewiesen werden können, ist der Druck, auf neue, nichtnachweisbare Dopingmethoden mit unbekanntem Risiko auszuweichen, vergleichsweise gering." Damit wird allerdings kaum zu verhindern sein, dass die Schattenwelt des Sports zum Versuchsfeld für die Optimierung des defizitären Menschen wird. Diesen weiteren Horizont reißt der Bericht nur an: Er verweist darauf, dass Fortschrittsgläubige genetische Eingriffe schon als "Alltags-Enhancement " preisen, als Rezeptur für beruflichen Erfolg und höhere Lebensqualität.

Diese Gefahr, schlägt der Bericht vor, "wäre ein aktuelles, in die Zukunft weisendes Thema für die Technikfolgenabschätzung und die Fachausschüsse des Deutschen Bundestages." Im Sport bündele sich diese Problematik nur "wie in einem Brennglas".


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