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Gendoping-Nachweis: Maus-Experiment auf dem Mount Everest

Experten fürchten, dass beim Kampf um olympisches Gold auch Athleten antreten, die ihren Körper mit Gendoping manipuliert haben. Nachweisen lässt sich das bisher nicht. Um die Entwicklung eines Tests voranzubringen, haben zwei Mediziner mit acht Mäusen im Gepäck den Mount Everest bestiegen.

Von Claudia Wüstenhagen

Es war nach Mitternacht, als Gabriel Willmann merkte, dass der erste Proband tot war. Es musste die Kälte gewesen sein. Ein eisiger Wind blies durch die Nacht, die Temperatur war auf 20 Grad unter null gesunken. Eine zwei Zentimeter dicke Eisschicht hatte sich an Willmanns Jacke und seinem Rucksack gebildet, während der Wissenschaftler mit seinen Steigeisen die Felsen hoch kraxelte, sich an vereisten Seilen immer weiter hinaufzog. Fast 8500 Meter über dem Meeresspiegel waren er und sein Bergbegleiter mittlerweile. Vor ihnen am sternenklaren Himmel zeichnete sich das Ziel der Expedition ab, der Gipfel des Mount Everest. Doch erreichen würden sie ihn nicht.

"Ich musste und wollte das Experiment retten", sagt Willmann nach seiner Rückkehr, um zu erklären, warum er nach sechs Wochen Bergtour nur 350 Höhenmeter vom Gipfel entfernt kehrt machte. Das Experiment, das der deutsche Mediziner von der University of Pennsylvania und sein Professor Tejvir Khurana veranstalteten, bestand darin, acht Mäuse auf den Mount Everest zu tragen. Untergebacht waren sie in einem beheizten Käfig in Willmanns Rucksack. "Wir wollten herausfinden, welche Gene sich in den Mäusen verändern, wenn sie dem extremen Sauerstoffmangel in großer Höhe ausgesetzt werden", sagt er. Doch auf der letzten Etappe, dem nächtlichen Aufstieg zum Gipfel bahnte sich unter der Eisschicht in seinem Rucksack ein Drama an. Die kleinen Heizkissen funktionierten schlecht, der Käfig war ausgekühlt, eine Maus fand er nur noch leblos vor. Willmann versuchte die Tiere zu wärmen, legte seine Handschuhwärmer in den Käfig. Vergeblich. Er musste umkehren, um die übrigen sieben Mäuse lebend ins Camp zurückzubringen.

Große Bedeutung für den Profisport

Was die beiden Wissenschaftler aus Philadelphia auf dem Berg untersuchten, hat große Bedeutung für den Profisport. Ihre Erkenntnisse könnten dabei helfen, ein Nachweisverfahren für molekulares Doping zu entwickeln. Bei dieser, oft auch als Gendoping bezeichneten Manipulation wird einem Körper zur Leistungssteigerung beispielsweise genetisches Material zugeführt. Laut Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gehören auch pharmakologische Substanzen und Verfahren dazu, mit denen man die Aktivität der körpereigenen Gene steuern kann.

Was sich nach gruseligen Hulk-Experimenten anhören mag, ist kein Science-Fiction mehr. Dank großer Fortschritte der Molekularbiologen weiß man heute sehr genau, wie die Zellen im menschlichen Körper funktionieren. Pharmazieforscher können gezielter denn je in diese Mechanismen eingreifen und Gene manipulieren. Solche Verfahren, die eigentlich für die Medizin entwickelt werden, dürften verlockend für Athleten sein, denen jedes Mittel recht ist, um auf das Treppchen zu kommen.

Ob solche Methoden tatsächlich schon im Sport missbraucht werden, weiß niemand genau. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, wie Athleten derart ihre Leistungen steigern könnten (siehe Kasten). Das von der Wada unterstützte Mäuse-Experiment auf dem Mount Everest soll zu einem Test verhelfen, der nachweisen kann, ob jemand die Sauerstoffversorgung seines Körpers durch solches Doping verbessert hat. Eine Schlüsselrolle bei dieser Manipulation spielt das körpereigene Hormon Erythropoetin (Epo). Es steigert die Konzentration der roten Blutkörperchen und fördert so die sportliche Ausdauer und Leistungsfähigkeit. Normalerweise müssen Sportler in großen Höhenlagen trainieren, damit ihr Körper vermehrt Epo ausschüttet. Der Sauerstoffmangel in der Höhe regt die Produktion an. Diese Methode ist legal. Mithilfe neuer molekularer Verfahren könnten Sportler an ihrem Körper aber auch so herumtricksen, dass er von selbst vermehrt Epo produziert.

Gefährliche Wundermittel

"Ich halte es für absolut möglich, dass bei den Olympischen Spielen in Peking Athleten an den Start gehen, die mit solchen Verfahren gedopt haben", sagt Patrick Diel, Gendoping-Experte vom Zentrum für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Die entsprechenden Mittel gibt es schon. Gedacht sind sie für Menschen, die an Blutarmut leiden, etwa infolge einer Chemotherapie oder eines Nierenschadens. Wissenschaftler testen die Verfahren in klinischen Studien bereits an Patienten. "In diesem Stadium ist die Gefahr sehr groß, dass solche Mittel nach draußen gelangen", sagt Diel. Geraten sie in die falschen Hände, dürften sie schnell den Weg in den Sport finden. "Es wäre nicht das erste Mal", sagt Diel. Und viele Athleten würden nicht zögern, ein solch riskantes Wundermittel einzusetzen. Das könnte jedoch fatale Folgen haben, denn eine der klinischen Studien musste mittlerweile abgebrochen werden, nachdem ein Proband gestorben war.

Ob in Peking tatsächlich derartig gedopte Teilnehmer antreten, wird wohl niemand erfahren. Denn anders als künstliches Epo, das bei der Tour de France für Schlagzeilen sorgte, lässt sich durch Gendoping erzeugtes Epo nicht im Urin oder Blut nachweisen. Denn statt dem Athleten das Hormon zu spritzen, stellt sein eigener Körper es her.

Wie die Bergsteiger-Mäuse der Forschung helfen

Gabriel Willmann und Tejvir Khurana wollen dazu beitragen, dass sich diese Nachweislücke schließt. Noch auf dem Berg, in einem Camp auf 6500 Metern Höhe haben sie ihren Mäusen Blut- und Gewebeproben entnommen. Die werden sie mit den Proben einer Kontrollgruppe vergleichen, die in Kathmandu wartete, während ihre Artgenossen als erste Mäuse der Welt auf dem Mount Everest Geschichte schrieben. Im zweiten Schritt werden die Forscher das genetische Profil von Mäusen ermitteln, an deren Genen mithilfe von molekularem Doping herumgetrickst wurde. Erst wenn man die verschiedenen Genprofile kennt, wird man unterscheiden können, ob ein Athlet beim Training ehrlich im Gebirge geschwitzt hat oder lediglich seine Gene manipulieren ließ.

Es wird sich zeigen, ob die spektakuläre Expedition der beiden Mediziner aus Philadelphia die Forschung tatsächlich voranbringen kann. Im Herbst wollen sie die Proben der Nager ausgewertet haben. Bis dahin werden die Olympischen Spiele in Peking vorbei sein - ohne Doping sicherlich nicht, aber wenn es gut geht, ohne Todesfälle durch Gendoping. Doch Experte Patrick Diel ist sich sicher: "Früher oder später wird jemand sterben."

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