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Doping-Experte Mario Thevis: "Es wird mit Gendoping manipuliert"

Das Thema Doping ist bei Olympia allgegenwärtig. Allein zehn russische Sportler wurden vor den Spielen in Peking aus dem Verkehr gezogen, es gibt mehr Tests als je zuvor. stern.de sprach mit dem Kölner Anti-Doping-Experten Mario Thevis über neue Tests, die Tricks der Entwickler illegaler Mittel und Gendoping.

Herr Thevis, Sie werden bei den Olympischen Spielen vor Ort sein, was ist ihre Aufgabe?

Ich bin einer der 15 sogenannten externen Experten. Wir unterstützen die Arbeit in den Doping-Labors und analysieren Blut sowie Urinproben der Sportler. Meine Aufgabe wird die Endkontrolle der Ergebnisse sein. Gibt es Verdachtsfälle, werde ich die melden.

Es sollen insgesamt 4500 Proben getestet werden. Wie ist das zu bewältigen?

Das ist eine gewaltige Aufgabe und bedeutet Schichtarbeit für die Wissenschaftler. Schließlich muss alles ganz schnell gehen. Etwa 500 Substanzen können wir mittlerweile nachweisen. Ein positives Ergebnis sollte innerhalb 48 Stunden, ein negatives innerhalb 24 Stunden vorliegen. Nur die Auswertung des Epo-Tests dauert etwas länger, hier werden bis zu drei Tage eingeplant.

Sind die Tests ausreichend?

Die Kontrolldichte wird in diesem Jahr viel größer sein als bei den letzten Olympischen Spielen. Mit allein 40 Prozent mehr Bluttests wird die Chance, für gedopte Sportler nicht aufzufallen, deutlich kleiner sein. Dennoch gilt auch hier, je mehr man testet, umso klarer das Ergebnis. Dabei geht es nicht nur darum, möglichst viele gedopte Sportler vom Wettkampf auszuschließen. Auch der saubere Sportler will bei einer hervorragenden Leistung nicht im Verdacht stehen, nachgeholfen zu haben. Mehr Kontrollen während der Spiele sind allerdings logistisch schwer umzusetzen. Es wäre sinnvoller, die Kontrollen in der Trainingsphase zu erhöhen. Denn Dopingmittel wie etwa anabole Steroide werden bevorzugt während der Aufbauphase eingenommen. Die Leistungssteigerung hält bis zu den Spielen an - nachweisbar ist der Wirkstoff dann jedoch nicht mehr.

Für die Tests in der Vorbereitungszeit sind die nationalen Doping-Agenturen zuständig. Ist auf deren Arbeit Verlass?

Die europäischen Länder und insbesondere Deutschland haben ein sehr umfassendes Kontrollsystem, bei anderen Ländern ist das in der Tat schwieriger. In China wurden die Kontrollen auf 10.000 Dopingtests pro Jahr erhöht, das ist so viel wie in Deutschland. Allerdings leben in China 30.000 Leistungssportler, deutlich mehr als in Deutschland - optimal ist die Kontrolldichte noch nicht.

Wer wird getestet?

Im Prinzip kann es jeden treffen. Ein Schwerpunkt könnte allerdings bei der Kontrolle von Ausdauersportlern liegen, da diese etwa von Blutdoping besonders profitieren.

Eine Studie weckte kürzlich Zweifel an der Zuverlässigkeit des Epo-Tests. Es soll in verschiedenen Labors zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sein. Ein Proband wurde sogar als sauber bezeichnet, obwohl man ihm Epo gespritzt hat. Wie sicher ist der Test?

Die Studie aus Dänemark ist inhaltlich und sachlich falsch. Hätten Die Forscher sich die Mühe gemacht, die Ergebnisse vernünftig auszuwerten, hätten sie bemerkt, dass die Testresultate überall gleich waren. Der Epo-Test wurde fortlaufend verbessert. So wie er momentan eingesetzt wird, ist er absolut aussagekräftig. Zudem prüfen Wissenschaftler gegenwärtig einen Zusatztest, der das Ergebnis noch eindeutiger machen wird.

Was hat sich in der Doping-Welt verändert seit den letzten Spielen?

Es werden viel mehr Peptidhormone eingesetzt. Dazu zählen Insulin, Epo oder das Wachstumshormon HGH. Da sich diese Pepetide auch natürlicherweise im Körper befinden, ist es schwer, sie nachzuweisen. Mittlerweile haben wir jedoch gute Nachweisverfahren. HGH etwa kommt im menschlichen Körper in sechs verschieden Formen vor, die in einem festen Verhältnis zueinander stehen. Dopt ein Sportler mit HGH, überwiegt eine bestimmte Form im Körper und das können wir nachweisen.

Wie bleiben Sie den Dopingentwicklern auf der Spur?

Wir sehen uns neue Studien zu Wirkstoffen genau an. Könnte das Mittel zur Leistungssteigerung irgendwann einmal eingesetzt werden, versuchen wir noch vor der Markteinführung einen Nachweis zu entwickeln. Manchmal stellen wir auch fest, dass sich beispielweise ein bestimmter Blutwert bei verschiedenen Sportlern zeitgleich geändert hat. Dann gehen wir dem nach, weil es sich um Doping mit einer neuen Substanz handeln könnte.

Wo sind Sie als Dopingfahnder machtlos?

Für manche Wirkstoffe haben wir noch keinen Nachweis oder wir wissen noch nichts von ihrem Einsatz. Es gibt allerdings auch Substanzen, die unsere Nachweisverfahren stören. Man spricht dann von Maskierungsmitteln. Durch das Geständnis einer ehemaligen Sportlerin wurden wir darauf aufmerksam, dass bestimmte Proteasen den Nachweis von Epo unmöglich machen, wenn man sie der Urinprobe zugibt. Das Schlimme ist, dass diese Proteasen, in jeder Apotheke rezeptfrei verkauft werden. Manchmal ist das einfachste Mittel das Effektivste.

Sind wir in der Zeit des Gendopings angekommen?

Niemand kann wirklich abschätzen, was sich in den Doping-Laboren zurzeit abspielt. Ich halte es allerdings durchaus für möglich, dass in wenigen Fällen mit Gendoping-Methoden bereits manipuliert wird. Die technischen Mittel stehen schon zur Verfügung und in der Medizin gibt es entsprechende Ansätze. So werden etwa Stammzellen bei schweren Nerven-Erkrankungen wie etwa Parkinson eingesetzt. Dort führen sie zu einer Neubildung von Nervenzellen. Diese Versuche sind allerdings erst im experimentellen Stadium. Wie Stammzellen bei einem gesunden Sportler zu einer Leistungssteigerung führen sollen, ist mir schleierhaft. Dazu gibt es keine Studien.

In letzter Zeit war im Zuge der Gendoping-Debatte häufiger von einem Wirkstoff namens Repoxygen die Rede. Was verbirgt sich dahinter?

Es handelt sich dabei um ein Verfahren zur Behandlung von Blutarmut, das von der britischen Firma Oxford BioMedica entwickelt wurde, bisher jedoch nur im Tierversuch getestet wurde. Bei Mäusen führt es zu einer vermehrten Produktion von Epo in den Muskelzellen und in der Folge auch von Erythrozyten. Das Verfahren wurde allerdings nicht weiter entwickelt. Die Entwickler-Firma sah zu wenige Vorteile gegenüber dem herkömmlich hergestellten Epo. Aus diesem Grund halte ich es auch nicht für wahrscheinlich, dass es als Doping-Mittel missbraucht wird.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Eigenblutspritzen als Dopingmethode ein?

Da wir keine Nachweismöglichkeiten haben, lässt sich nur schwer abzuschätzen, wie häufig Eigenblutdoping eingesetzt wird. Oft fällt es nur durch Zufall auf, oder durch die extremen Nebenwirkungen dieser Methode. Um die Anzahl der Blutkörperchen zu erhöhen, spritzen sich Sportler ihr eigenes Blut. Fließen irgendwann zu viele Blutkörperchen in den Adern, dann kann das Blut verdicken. Embolien, Schock oder sogar Tod können die Folge sein. Als die Praktiken des spanischen Arztes Fuentes im Mai 2006 aufgedeckt wurden, habe ich erschreckende Bilder aus der Wohnung gesehen, die als Doping-Labor genutzt wurde. Zahllose Blutkonserven wurden dort unter ziemlich widrigen Bedingungen gelagert. Ist die Qualität des Bluts nicht mehr optimal, kann es zu schweren Infektionen kommen. Zudem besteht die Chance, dass Proben vertauscht werden, auch das hat mitunter lebensgefährliche Folgen.

So wie bei THG, der neuen Art des Designer Dopings.

Vielen ist THG noch ein Begriff im Zusammenhang mit der Balco-Affäre. Wissenschaftler der Bay Area Laboratory Co-operative, kurz Balco, haben in ihrem Labor das anabole Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) hergestellt. Seitdem wurden zwölf Sportler gesperrt, darunter auch die dreimalige Olympiasiegerin Marion Jones und die Sprinterin Kelly White. Für dieses Designer-Mittel existieren keine Daten über Tierversuche, klinische Studien und über mögliche Nebenwirkungen der Substanz. Niemand kann abschätzen, wie giftig das Präparat für den Körper ist.

Wäre es naiv zu glauben, dass saubere Spiele möglich sind?

Doping ist ein ständiger Begleiter des Leistungssports. Das war schon immer so. Man kann nur versuchen, es den Dopingsündern schwer zu machen. Das wird unsere Aufgabe sein.

Interview: Nicole Simon

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