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Interview

Fragen an Mario Thevis: Wie einfach ist es, das Doping-Kontrollsystem auszuhebeln?

Die Vorwürfe gegen Russland wiegen schwer: Haben russische Wintersportler bei den Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi ihre Dopingproben systematisch manipuliert? Dopingexperte Mario Thevis erklärt, was an den Vorwürfen dran sein kann.

Dpoingexperte Professor Mario Thevis

Dpoingexperte Professor Mario Thevis

Herr Professor Thevis, Ihr Kollege Grigori Rodschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, hat ausgesagt, während der Winterspiele 2014 in Sotschi Dopingtests manipuliert zu haben. Er habe nachts belastete Proben von Landsleuten gegen saubere ausgetauscht. Ist es wirklich so einfach, ein ganzes Kontrollsystem auszuhebeln?

Im Gegenteil. Es mag simpel klingen, nach einer Trickserei, aber um eine mutmaßlich positive Dopingprobe auszutauschen, braucht es mehr als die Expertise und die kriminelle Energie eines Einzelnen. Eine Dopingkontrolle ist ein mehrstufiges Verfahren, von der Entnahme beim Sportler bis zur Analyse im Labor. Nur wenn sich mehrere Personen, die in diesem Prozess Schlüsselpositionen besetzen, zum Betrug verabreden, ist eine Manipulation möglich, wie Herr Rodschenkow sie beschrieben hat.

Wie muss man sich das konkret vorstellen? Wurden in Sotschi Glasbehälter mit Urinproben ausgewechselt?

Das ist schwer möglich. Jede Glasflasche ist seitlich und auf dem Deckel mit einem eingravierten Code gekennzeichnet. Die Schweizer Firma, die diese Flaschen herstellt, vergibt jeden Zahlencode jeweils nur ein einziges Mal. Wenn ich Rodschenkows Schilderungen gegenüber der New York Times richtig deute, sind wahrscheinlich bestimmte Flaschen geöffnet, der Urin ausgetauscht und das Siegel wieder verschlossen worden.

Die Versiegelung der Proben galt bislang als absolut sicher.

So wie es einigen Menschen gelingt, gesicherte Geldschränke zu öffnen, sind hier offenbar mit großer Könnerschaft Siegel manipuliert worden. Ein mutmaßlicher Betrug in Sotschi muss daher von langer Hand geplant und unter Einsatz umfangreicher Ressourcen vorbereitet gewesen sein.

Hat man sich in der Anti-Doping-Arbeit zu stark auf die Entwicklung biochemischer Nachweisverfahren konzentriert und dabei das Handwerk vernachlässigt - nämlich die Proben gegen Zugriffe von außen zu schützen?

Nach den Vorkommnissen in Russland scheint es angebracht, den Kontrollprozess als solchen auf den Prüfstand zu stellen. Auch auf meine Zunft, die Doping-Analytik, kommen neue Aufgaben zu. Es wäre hilfreich, Verfahren zu entwickeln, die klären, ob wir es mit einer frischen Dopingprobe zu tun haben oder ob sie beispielsweise monatelang im Kühl- oder Gefrierschrank gelagert und zum Austausch verwendet wurde.

Im Moment steht allein Russland im Zentrum der Kritik: Die Leichtathleten sollen betrogen haben, die Wintersportler auch, und bei all dem hat das Moskauer Anti-Doping-Labor geholfen und angeblich auch der russische Geheimdienst. Haben wir es nur mit dem Problem eines einzelnen Landes zu tun? Oder besitzt dieser Fall eine globalere Aussagekraft?

Wir erleben zur Zeit eine Zäsur. Systematisches Doping, wie es derzeit kolportiert wird, ist mir in meiner aktiven Zeit in solch einem Ausmaß zuvor nicht begegnet. Dennoch: Es kann nicht darum gehen, ein einzelnes Land an den Pranger zu stellen. In der Bekämpfung von Doping müssen wir in Zukunft noch feinmaschiger arbeiten - und auch das, was wir bislang als sicher und resistent gegen Manipulationen erachten, sollten wir permanent hinterfragen.

Interview: Christian Ewers

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