Affäre Sinkewitz "Kein natürlich erhöhter Wert"

Der Dopingfall Sinkewitz erschüttert den deutschen Radsport und das Team T-Mobile. Was bedeutet ein so hoher Testosteronwert? Ist es sicher, dass der 26-Jährige gedopt hat? Was wird die B-Probe bringen? Dopingexperte Dr. Mario Thevis beantwortet für stern.de die wichtigsten Fragen.
Von Ralf Meutgens

Der Fall Patrik Sinkewitz scheint auch eines zu bestätigen: Zwischen Gerücht und Wahrheit liegt im Radsport nur der Faktor Zeit. Gerüchte gibt es schon lange, wie zu vielen anderen Radprofis auch. Doch der Fall Sinkewitz macht eben auch deutlich, wie tief die Dopingproblematik im Radsport verwurzelt ist.

Ist Stapleton glaubwürdig?

Junge Radprofis im alten System sind genau so anfällig wie alle anderen auch, aber vielleicht wird Sinkewitz jetzt der Erneuerer wider Willen. Doch die alte Grundhaltung kann nicht über Nacht geändert werden, nicht über die Radsportler allein, nicht allein national und nicht nur durch Repression.

Man kann dem Manager des jetzt betroffenen T-Mobile Teams, Bob Stapleton, nur schwerlich nachsehen, dass er vor geraumer Zeit mit einem durch die Fuentes-Unterlagen belasteten Radprofi wie Alejandro Valverde in Kontakt getreten ist. Kann man ihm - und damit der Mannschaft von T-Mobile - den Glauben abnehmen, den Radsport reinigen zu wollen und zu können?

"Erste Erfolge der Trainingskontrollen"

Für Professor Dr. Mario Thevis vom Zentrum für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln ist der Fall Sinkewitz ein Beleg dafür, dass "offenbar die Vorschläge unangemeldete Trainingskontrollen durchzuführen bereits erste Erfolge verbuchen". Der bei Sinkewitz gemessene Wert von 24 sei ein hoher Quotient, "den ich aber nicht überbewerten würde, da es rein mathematisch bereits durch einen sehr geringen Epitestosteronwert dazu kommen kann. Der Testosteronwert muss dafür nicht einmal besonders hoch sein."

Über den möglichen Zeitraum der Nachweisbarkeit könne man nur schwer eine Aussage treffen, da die Urinprobe eine Momentaufnahme ist. Der Begriff 'Glückstreffer' sei in diesem Fall vermutlich angebracht, was die Qualität dieser intelligenten Dopingkontrolle aber in keiner Weise schmälern solle.

Man habe sich offenbar im Training fernab der Heimat relativ sicher gefühlt. Thevis kann den Einsatz von Testosteron nachvollziehen. "Testosteron sowie andere anabole Steroide können die Regeneration von Athleten beschleunigen, auch wenn derzeit viel diskutierte medizinische Arbeiten zum Teil das Gegenteil beschreiben. Daher ist der Einsatz in Trainings- und Vorbereitungsphasen durchaus zu vermuten. Über das angewendete Produkt kann aufgrund der vorliegenden Daten keine Aussage getroffen werden, aber es handelt sich mit Sicherheit um ein synthetisches Produkt und nicht um einen "natürlich" erhöhten Wert."

Kein abweichendes Ergebnis zu erwarten

Ein abweichendes Ergebnis der B-Probe ist bei einem derart klaren Analyse-Ergebnis der A-Probe nicht zu erwarten. Und es ist zu vermuten, dass Sinkewitz nicht der letzte Prüfstein für den Radsport war. Sinkewitz, als Vertreter einer neuen und vermeintlich sauberen Generation von Radprofis, manipuliert mutmaßlich mit einem nachweisbaren Produkt. Was machen dann andere, ältere Radprofis? Die Lücken des Kontrollsystems sind immer noch groß und zahlreich. Vielleicht werden sie durch das Jahresgehalt von Sinkewitz, das er vermutlich an wen auch immer für die Doping-Bekämpfung zahlen muss, ein klein wenig geringer.

Doch was muss noch passieren, bis allen klar wird, dass Doping im Radsport eine unausweichliche strukturelle Systematik ist? Dieser neuerliche Dopingfall, das Abschalten einiger deutscher Medien, der angedachte Rückzug von Sponsoren und ein vielleicht verändertes Bewusstsein der Zuschauer könnten dem professionellen Radsport in Deutschland eine Überlebenschance einräumen. Doch dazu muss er die überwiegende Zahl seiner Aktiven und Umfeldakteure begraben. Ob er das will und kann?

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