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Doping: Ärzte ohne Grenzen

Wenn Radprofis dopen, riskieren sie ihren Job. Die Doktoren hingegen, die an den Manipulationen kräftig verdienten, müssen nichts fürchten. Sie nutzen rechtliche Schlupflöcher - und praktizieren munter weiter.

Von Christian Ewers, Christian Parth, Thomas Purschke

Bernhard Kohl trägt noch immer diese engen T-Shirts, die früher aus seinem Oberkörper eine Art Landkarte machten, Muskeln, Sehnen, Adern, alles zeichnete sich fein unter dem Tuch ab. Heute ist Kohls Bauch eher ein Mittelgebirge. Sein Wettkampfgewicht hat er verloren, Kohl, 27, bester Bergfahrer der Tour de France 2008 und Dritter der Gesamtwertung, ist raus aus dem Radsport.

Kohl war im Herbst bei der Nachkontrolle von Proben, die während der Tour de France genommen wurden, positiv auf das Blutdopingmittel Cera getestet worden. Im Mai erklärte der Österreicher, der für das deutsche Team Gerolsteiner fuhr, seinen Rücktritt: "Ich will nicht mehr, ich bin froh, dass ich jetzt nicht mehr lügen muss. Ich bin frei."

Doch so ganz los lässt Kohl der Radsport noch nicht. "Es tut weh zu sehen, dass vor allem ich den Kopf hinhalten muss", sagt er. "Es wundert mich, dass der eine oder andere Arzt seinen Job macht, als wäre nichts gewesen."

Ungleich verteilte Risiken

Die Namen der Ärzte will Kohl freilich nicht nennen, "aus Angst vor juristischen Auseinandersetzungen", wie er sagt. Und so sitzen einige seiner ehemaligen Mediziner auch in diesem Jahr in den Teamwagen der 96. Tour, die am Samstag in Monaco startete.

Tatsächlich sind die Risiken beim Doping ungleich verteilt. Ein Athlet wird nach den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) beim ersten Vergehen für zwei Jahre gesperrt, beim zweiten für mindestens vier - was in der Regel das Karriereende bedeutet. Ärzte hingegen, für die das Dopen von Sportlern ein einträgliches Geschäft ist, haben kaum etwas zu befürchten.

Selbst für den spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes, den Großmeister des systematischen Blutdopings, blieben bislang seine illegalen Transfusionen ohne Konsequenzen. Bei einer Razzia in seiner Praxis vor drei Jahren waren Dopingpräparate und Hunderte von Blutbeuteln gefunden worden. Bis zu 35.000 Euro pro Patient und Saison soll Fuentes für seine Dienste abgerechnet haben. Heute arbeitet Fuentes unbehelligt in einem Ärztezentrum auf der Urlaubsinsel Gran Canaria.

39.000 Euro, um Ruhe zu haben

Auch in Deutschland lebt es sich offenbar gut mit alten Sünden. Til Steinmeier, ehemaliger Arzt des Hamburger SV und Betreuer des mittlerweile aufgelösten Radcross-Teams Stevens, soll mehrere Athleten mit Epo versorgt und als Wettkampfarzt Dopingkontrollen manipuliert haben. Im Juni 2008 akzeptierte er einen Strafbefehl über 300 Tagessätze à 130 Euro. Steinmeier zahlte die 39.000 Euro - allerdings nur, um Ruhe zu haben, wie er sagt. "Ich gestehe null Komma null Schuld ein." Steinmeier praktiziert weiterhin als niedergelassener Arzt in der Hamburger Innenstadt.

"Wir haben eine zu lasche Gesetzeslage in Deutschland, die dopenden Ärzten viele Schlupflöcher bietet", sagt Urban Wiesing, Leiter der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer. "Den Kampf gegen Doping hat man zu lange den Sportverbänden überlassen. Es ist an der Zeit, dass der Staat sich direkt des Problems annimmt."

Im Fall des Mediziners Markus Choina ist es nicht nur der Biss, der den Ermittlungsbehörden fehlt - sie sind offensichtlich schlicht überfordert. Choina wurde im Zuge der "Operación Puerto" aufgespürt, dem 2006 von der Guardia Civil eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen Eufemiano Fuentes. Choina, ein gebürtiger Pole, ist den Recherchen zufolge im Harz der deutsche Zweig des Fuentes-Netzwerks gewesen und soll darüber hinaus Medikamente nach Spanien verschickt haben. Bei der Staatsanwaltschaft Göttingen ist der Fall drei Jahre später zur Karteileiche verkommen. Schuld an der zähen Ermittlung seien die spanischen Kollegen, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hans-Hugo Heimgärtner, denn sie hätten entscheidende Amtshilfeersuchen wiederholt abgelehnt. Das mache es schwierig, einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz zu beweisen.

Verdacht auf Körperverletzung

Dabei wäre die Göttinger Behörde längst nicht mehr allein auf die Akten der Guardia Civil angewiesen. Schon im Juli 2007 hatte der Radprofi Jörg Jaksche beim Bundeskriminalamt umfangreich über den Narkosearzt ausgesagt und ihn dabei schwer belastet. Choina soll im Auftrag von Fuentes bei Jaksche mehrmals Eigenblut-Doping durchgeführt haben. Das legt zumindest den Verdacht auf Körperverletzung nahe.

Doch der Göttinger Oberstaatsanwalt reagiert reserviert. "Sofern es um Blutdoping geht, dürfte es nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. Ob der Tatbestand der Körperverletzung erfüllt sein könnte, wird derzeit geprüft", erklärt Heimgärtner. Choinas Anwalt Jorg Estorf hält das für unwahrscheinlich. Entscheidend bei Körperverletzung sei, ob eine rechtfertigende Einwilligung des Sportlers vorliegt. "Dies ist hier zweifelsohne gegeben, wie Herr Jaksche ja selbst bestätigt."

Auch die Freiburger Andreas Schmid und Lothar Heinrich, ehemalige Teamärzte des Radrennstalls T-Mobile, sind noch nicht belangt worden. Dabei ist die Indizienlage erdrückend. Die Staatsanwaltschaft und eine von der Uni-Klinik Freiburg eingesetzte Untersuchungskommission ermittelten, dass Heinrich und Schmid tief in ein Dopingsystem verstrickt waren. Es geht um Eigenblut- und Medikamenten- Doping sowie den Missbrauch von Forschungsergebnissen. In einem besonders schweren Fall soll Schmid sogar ein Menschenleben aufs Spiel gesetzt haben.

Missgeschick mit Eigenblut

Vor der Tour de France 2006 hat Schmid laut Untersuchungsbericht versucht, dem T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz Eigenblut zu reinfundieren. Zweimal musste er abbrechen, weil das Blut klumpte. "So ein Pech", kommentierte Schmid damals sein Missgeschick gegenüber Sinkewitz - und schickte ihn trotzdem zum Rennen.

"Schmid hat einen septischen Schock oder eine Lungenembolie mit eventuell tödlichem Ausgang billigend in Kauf genommen", sagt Werner Franke, Professor für Zell- und Molekularbiologie in Heidelberg. "Das ist kriminell, menschenverachtend und muss bestraft werden." Auch aus der Politik kommt Kritik. Christoph Bergner, Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, äußerte sich in einer Sitzung des Sportausschusses verwundert darüber, dass Heinrich und Schmid noch ihre ärztliche Zulassung besitzen. "Wir brauchen ein Mustergerichtsverfahren, das eine Abschreckung erreicht", fordert der CDU-Politiker.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg versucht, zumindest im Fall Schmid etwas zu relativieren: Da der Arzt den Vorgang abgebrochen habe und Sinkewitz letztlich nichts passiert sei, komme bei Schmid "ein strafbefreiender Rücktritt vom Versuch der Körperverletzung in Betracht", erklärt ein Sprecher. Der Tübinger Medizinethiker Wiesing hofft dennoch auf eine Bestrafung mit Signalwirkung. "Der Widerruf der Approbation ist generell die Ultima Ratio. Es muss schon eine gewisse Größenordnung von Verfehlungen erreicht worden sein. Im Fall der beiden Freiburger Ärzte ist dies nach meinem Urteil gegeben." Besonders schwer dürfte zudem wiegen, mit welcher Chuzpe gerade Heinrich finanzielle Mittel für die Anti-Doping-Forschung genutzt habe, um sie wie ein Doppelagent genau für das Gegenteil einzusetzen.

Schwammige Kriterien für ein Berufsverbot

Für einen Entzug der Approbation ist der Staat zuständig, und das für die Freiburger Ärzte verantwortliche Regierungspräsidium Stuttgart ist bereits dabei, einen Approbationsentzug auf Grundlage des Untersuchungsberichts zu prüfen. Doch das muss nichts heißen. Die Kriterien für ein Berufsverbot sind schwammig. Den Medizinern müssen gemäß Bundesärzteordnung "Unwürdigkeit und Unzuverlässigkeit" nachgewiesen werden. Hilfreich bei einer solchen Beurteilung ist in der Regel eine Empfehlung der Ärztekammer. Ob eine solche im Fall von Schmid und Heinrich abgegeben wurde, will die Landesärztekammer Baden-Württemberg aus Datenschutzgründen nicht mitteilen.

Heinrich, der sich von einem Spezialisten für Prostitutionsrecht vertreten lässt, soll bei einer deutschen Radsportfirma untergekommen sein. Der Arzt ist dem Unternehmen bereits seit Jahren ein wichtiger Partner. Es lieferte der Freiburger Uni-Klinik Equipment für die Leistungsdiagnostik, Heinrich wiederum erwähnte das Unternehmen regelmäßig auf Vorträgen und in Fachpublikationen. Heinrich soll im Moment in der amerikanischen Filiale jobben.

Kollege Andreas Schmid, der bei Patrik Sinkewitz mit verklumptem Blut hantierte, arbeitet inzwischen in einer Klinik in Süddeutschland. Termine nur nach Absprache.

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