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Radsport: Gerolsteiner rollt nicht mehr

Das Team Gerolsteiner löst sich endgültig auf. Für den deutschen Radsport und die Tour de France ist dies ein herber Verlust. Bis zuletzt hatte Teamchef Michael Holzcer versucht einen neuen Sponsor für seinen Rennstall zu finden - ohne Erfolg. Für die Angestellten gibt es aber bereits eine Lösung.

Einen Tag vor dem Start der Deutschland-Tour hat der deutsche Profi-Radsport eine bittere Pille schlucken müssen. Nach einem monatelangen Überlebenskampf, in dem die erfolgreichste Tour de France der Team-Geschichte nochmals trügerischen Mut gemacht hatte, gab Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer die Einstellung des Rennbetriebs zum Jahresende bekannt: "Kein Sponsor hatte den Mut und das Vertrauen, in diese Sache einzusteigen, weil sie sich nur oberflächlich damit beschäftigt haben". Die Vertrösterei seiner Fahrer um den WM-Dritten Stefan Schumacher und Tour-Überraschung Bernhard Kohl habe er nicht länger verantworten können, begründete der Schwabe den erwarteten Schritt.

Scharping zeigt sich bestürzt

Für die knapp 60 Angestellten zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab. Der nationale Rivale Milram will sich aus der Konkursmasse bedienen und "so viel Fahrer und Personal wie möglich aus dem Gerolsteiner-Team verpflichten", kündigte Milram-Teamchef Gerry van Gerwen an. "Ich will nicht, dass alle arbeitslos werden." Die auslaufenden Verträge der meisten seiner derzeitigen Mitarbeiter aus Italien würden nicht verlängert. Zugleich betonte der Niederländer, nicht froh darüber zu sein, dass Milram das einzige deutsche ProTour-Team ist, nachdem sich der langjährige Branchenführers T-Mobile bereits zurückgezogen hatte: "Ich bin keine Hyäne. Es ist kein Tag der Freude für uns."

Auch Präsident des Bundes deutscher Radfahrer Rudolf Scharping reagierte einen Tag vor dem Prolog der Deutschland-Tour in Kitzbühel ernüchtert. "Das ist ein sehr schwerer Rückschlag, weil es ein Team trifft, das ebenso durch sportlichen Erfolg wie durch einen klaren Anti-Doping-Kurs glänzte", sagte der Verbandschef. Vielleicht gebe es ja noch "einen Strohhalm" für das Team, das bei der Tour durch die beiden Zeitfahrsiege Schumachers und den dritten Gesamtrang von "Bergkönig" Kohl für Furore gesorgt hatte.

Kein bekannter Doping-Fall in der Geschichte des Rennstalls

Doch Holczer machte unmissverständlich klar, dass er zehn Jahre nach Gründung des Rennstalls nicht mehr aktiv auf Sponsorensuche gehen werde: "Wir haben es am Schluss mit der Brechstange versucht."

Obwohl Gerolsteiner in keinen der bekannten Doping-Skandale verwickelt gewesen sei, habe er sein "Premiumprodukt des deutschen Sport-Sponsorings" nicht verkaufen können, berichtete der 54-Jährige. "Radsport ist verseucht wie der Teufel, Finger weg", heiße es oft über die krisengeplagte Sportart. In Unkenntnis, dass ein Lernprozess im Gang sei und - wie in keiner anderen Sportart - im Kampf um saubere Leistungen eine Reihe von Topleuten aussortiert worden sei.

Im Oktober droht der Ausverkauf

Van Gerwens Gesprächsangebot will sich Holczer nicht verschließen. Neben dem Österreicher Kohl, den Brüdern Markus und Thomas Fothen sowie dem deutschen Meister Fabian Wegmann gilt auch Gerolsteiner-Sportdirektor Christian Henn als möglicher Milram-Neuzugang. Schumacher werden indes Kontakte zum neuen Katjuscha-Team nachgesagt. "Eine Paketlösung ist jetzt greifbar", meinte Ex-Profi Henn nach der "traurigen Nachricht". Noch innerhalb der kommenden Woche will er Klarheit über seine eigene Zukunft haben. Bei der Deutschland-Tour erwartet er von seiner Equipe eine Trotzreaktion: "Die Mannschaft wird wie bei der Tour de France einen wahnsinnigen Zusammenhalt haben."

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Holczer ausgerechnet im Jahr der besten Gerolsteiner-Tour das Aus verkünden musste. Sollten die noch bestehenden Sponsorenkontakte wie alle bisherigen im Sand verlaufen, werde es Ende Oktober in der Teamzentrale in Gültstein zum materiellen Ausverkauf des Teams kommen - "bis zur letzten Schraube", erklärte Holczer. Dann wird der Mathematiklehrer eventuell auch schon wissen, ob er einen neun Job im Radsport gefunden hat oder in den Schulbetrieb zurückgekehrt. Ein positives Fazit für sein zehnjähriges Schaffen zieht Holczer so oder so: "Das Ding wird Kult."

Von Benjamin Haller/DPA / DPA

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