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Tour de France: Chaostag bei der Spritzen-Tour

Doping-Sumpf und kein Ende: Nach dem Fall Winokurow wurde auch die Königsetappe am Mittwoch von einem positiven Doping-Befund überschattet. Cofidis-Profi Cristian Moreni wurde mittlerweile von der Polizei abgeführt. Für Tagessieger Michael Rasmussen, selber ja im Fokus der Doping-Vorwürfe, wird die Tour immer mehr zu einem Spießrutenlauf.

Polizei-Razzia, Rückzug zweier Mannschaften und nur ein Thema: Doping, Doping, Doping. Die 94. Tour de France wandelt mit dem tiefen Fall von Alexander Winokurow und seinem Team Astana sowie dem neuen Betrugsskandal des Italieners Cristian Moreni auf den Spuren der Skandal-Tour von 1998 und legt offen: Die Hauptdarsteller haben kaum etwas gelernt. Angesichts der immer neuen Doping-Enthüllungen sorgten die zwei kleinen Sprengsätze, die von mutmaßlichen ETA-Terroristen auf der 16. Etappe am Mittwoch gezündet worden waren, kaum noch für Aufregungen.

"Der Radsport ist am Ende. Es muss etwas Neues kommen", sagte Tour-Legende Eddy Merckx und drückte damit auch seine Ratlosigkeit beim Thema Doping aus. Hans-Michael Holczer, Manager des Teams Gerolsteiner, flüchtete sich am Start zur 16. Etappe in Orthez, wo am Mittwoch die Fahrer mit einem Streik die Abfahrt verzögerten, in Sarkasmus: "Gestern habe ich gesagt, wir stehen am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter."

Nur einen Tag nach Bekanntgabe des positiven Tests von Winokurow wurde mit Moreni der zweite Doping-Fall der Tour bekannt. Nach der 11. Etappe am vergangenen Donnerstag (19. Juli) zwischen Marseille und Montpellier wurden in seinem Urin Testosteronspuren entdeckt. Der suspendierte T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz war einen Monat vor dem Start getestet worden, sein Positiv-Bescheid platzte in die Tour.

Anfeindungen gegen Rasmussen

Morenis Team Cofidis bestätigte den Fall am Abend. "Er hat sein Fehlverhalten eingestanden und verzichtet auf die Öffnung der B- Probe", sagte Teammanager Eric Boyer. Die Polizei nahm Moreni vorübergehend mit. Auch die Cofidis-Mannschaft hat sich mittlerweile von der Frankreich-Rundfahrt zurückgezogen.

Derweil werden in Deutschland die Stimmen für einen sofortigen Abbruch der Frankreich-Rundfahrt sowie eine Absage der Deutschland-Tour und der Radsport-WM in Stuttgart immer lauter. "Der Radsport ist zu retten, wenn er bereit ist, sehr einschneidende Maßnahmen ohne Tabu zu ergreifen", sagte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Auch die ganze Radsportnation Frankreich wurde mittlerweile vom Katzenjammer angesteckt. "Das Chaos" titelte das Tour-Zentralorgan "L’Équipe". Als der Däne Michael Rasmussen, selber im Fokus der Doping-Vorwürfe, zur letzten Pyrenäen-Etappe auf den Aubisque startete, wurde er vom Publikum ausgepfiffen. Das hinderte ihn aber nicht, das Teilstück von Orthez auf den Col d’Aubisque vor Levi Leipheimer und Alberto Contador zu gewinnen. "Auf mich entlädt sich nach dem Astana-Weggang der ganze Frust der Zuschauer. Angesichts dieser ständigen Anfeindungen, wächst mein Respekt vor Lance Armstrong von Tag zu Tag", sagte Rasmussen.

Astana-Haus bis auf den letzten Winkel durchsucht

Auch durch das Fahrer-Feld geht ein tiefer Riss. Die Profis jener acht Mannschaften, die sich zur "Bewegung für einen sauberen Radsport" vereint haben, starteten erst mit mehreren Minuten Verzögerung hinter der Gruppe um Rasmussen und seinem ebenfalls unter Doping-Verdacht stehenden Rivalen Contador vom Team Discovery Channel. Sie bildeten das Peloton der "Anständigen". Die beiden deutschen Teams gehörten dazu.

Tour-Direktor Christian Prudhomme hat es trotz der schwelenden Unruhe vorerst bei einem glühenden Plädoyer für eine "ethische Revolution" bewenden lassen. Mut zu harten Entscheidungen hat der neue Tour-Chef bisher vermissen lassen. Trotz drohender Regress- Ansprüche hätte er die leidige Geschichte Rasmussen mit einem Rausschmiss beenden können.

Zu den Verlierern der Tour gehört Andreas Klöden, der erst die Tour gewinnen und dann wieder aufs Treppchen in Paris kommen wollte. Doch am Dienstag konnte er erst als letzter Astana-Fahrer das von rund 30 Polizisten umstellte Mannschafts-Hotel in Pau verlassen. Das Haus wurde bis in den letzten Winkel durchsucht. Sogar in den Mülltonnen suchten die Beamten nach Spuren. Nach mehreren Stunden, in dessen Verlauf unter anderem Team-Chef Marc Biver und Klöden befragt wurden, zog die Polizei wieder ab.

Klöden niedergeschlagen

"Ich sitze jetzt zu Hause, muss den Rest der Tour vor dem Fernseher verfolgen und verstehe ehrlich gesagt die Welt nicht mehr", schrieb der 32-Jährige tief enttäuscht auf seiner Webseite (www.andreas-kloeden.de). "Mit einem Schlag soll meine ganze Arbeit und Vorbereitung in dieser Saison für die Katz gewesen sein." Zu dem Doping-Fall um seinen Teamkollegen Alexander Winokurow wollte er keine Stellung nehmen. "Mein Team hat mich gebeten, mich bis zum Resultat der B-Probe nicht öffentlich zu äußern", sagte Klöden, dessen sportliche Zukunft in den Sternen steht. Mit der Auflösung des Astana-Teams ist zu rechnen.

Dopingsünder Winokurow hatte bei der Tour eine Achterbahn-Fahrt im Stil des im Vorjahr überführten Floyd Landis hingelegt. Am Samstag gewann er das Zeitfahren in Albi, am Folgetag auf dem Plateau de Beille verlor er 28:50 Minuten auf den Tagessieger Contador, um am Montag in der Pyrenäen-Etappe in Loudenvielle im Alleingang zu triumphieren. Die "L’Équipe" jubelte über die "Wiedergeburt" des Kasachen, über dem seit Tour-Beginn ein Doping-Schatten hing.

DPA/kbe

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