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England nach Johnson-Rücktritt: Alles chaotisch außer Fußball - über die Lage eines Landes, das sich nach einem Gegengift sehnt

Minister treten zurück, eine Frau kommt mit Nowitschok in Berührung und stirbt. Das ist die Lage der Nation. Einerseits. Andererseits berauscht sie sich gerade an ihrer jungen Nationalmannschaft. Das ist gesunder Eskapismus.

Boris Johnson: abgedankt, David Davis: ebenfalls

Boris Johnson: abgedankt, David Davis: ebenfalls, dann stirbt noch eine Frau nach Nowitschok-Kontakt - immerhin: England steht im Halbfinale der WM.

Getty Images

Der Sonntag in England machte seinem Namen alle Ehre. Es war heiß und sonnig, die Pubs voll. Auf der Themse bei Henley lief die berühmte Royal Regatta, die ganze Nation wirkte fast mediterran heiter nach Englands Sieg über die Schweden. Über dem Land lag fröhlicher Singsang, "Football's coming home", komponiert in den 90er Jahren für die EM im eigenen Land. Es war auch der Beginn von "Cool Britannia".

Ein Hauch davon weht wieder über die Insel. Halbfinale. Bei einer Fußball-WM. Das gab es zuletzt vor 28 Jahren. Die Zeitungen ergo voll mit Lobeshymnen auf diese junge englische Mannschaft und ihren grundsympathischen Trainer, die in drei Wochen das erreicht haben, woran sich die Politik vergebens abarbeitet: die tief gespaltene Nation zu einen, wenigstens einen sonnigen Monat lang.

Struktur auf dem Platz, Chaos in der Regierung

Denn die Wahrheit liegt nur beim Fußball auf dem Platz. Am späten Abend holte die Realität Land und Leute wieder ein. Im Krankenhaus von Salisbury verstarb Dawn Sturgess, jene Frau, die eine Woche zuvor auf immer noch nicht geklärte Weise mit dem Nervengift Nowitschok in Berührung gekommen war. Sie überlebte das nicht, anders als vor Monaten Sergeij Skripal und dessen Tochter Julia, die sich an einem unbekannten Ort von der Gift-Attacke erholen. Und auf diese Eilmeldung folgten prompt die zweite und die dritte: Erst trat der für Brexit zuständige Minister David Davis von seinem Posten zurück, weil er die Position von Premierministerin May nicht mit seiner in Einklang bringen konnte. Und anderntags folgte Außenminister Boris Johnson. May plädiert für eine möglichst weiche Version, Davis und Boris Johnson für einen harten und klaren Schnitt.

Der vermeintliche Frieden von Chequers war längst Makulatur. Am Freitag hatte May ihr Kabinett auf den Landsitz der Regierung geladen, und dort nach langen Verhandlungen ihre Vorstellungen eines eher zahmen Brexit absegnen lassen – obschon sich auch dort Widerstand regte. Boris Johnson, der in jeder Hinsicht strubbelige Frontmann der Leave-Bewegung, nannte ihre Pläne reichlich unverblümt "a big turd", einen Haufen Scheiße. Und alle kosmetischen Korrekturen daran "polish the turd". Scheiße, meinte das, könne niemand zum Glänzen bringen. Er setzte sich mit dieser rustikalen Sichtweise nicht durch, gab klein bei. Vorerst zumindest. Und auch Davis, so schien es zunächst, stellte sich zähneknirschend hinter May.

Das Ganze hielt nicht mal 48 Stunden.

Am Montag ernannte die Premierministerin Dominic Raab, 44, zum Davis-Nachfolger; einen erklärten EU-Skeptiker, der vor zwei Jahren für den Ausstieg warb. Aber die Chaos-Tage sind damit längst nicht beendet. Es gärt und brodelt im Kabinett und Parlament. Inzwischen ist auch ein Misstrauensvotum gegen May nicht mehr ausgeschlossen, und Johnson wetzt die Messer. Er galt schon vor zwei Jahren als Favorit auf die Nachfolge von David Cameron, der sich nach dem Referendum aus dem Staub machte. Seinerzeit meuchelten sich Johnson und sein Kollege Michael Gove gegenseitig auf offener Bühne. Und am Ende eines shakespearehaften Dramas blieb als einzige Überlebende Theresa May. Die kann es seither niemandem Recht machen und mäandert zwischen den Fronten der eigenen Partei. Nun also der offene Bruch.

Und das nur wenige Tage, ehe Donald Trump auf die Insel reist. Die angeschlagene May konferiert auch mit ihm vorsichtshalber auf dem Land in Chequers wegen der Massenproteste in London und möchte bei dieser Gelegenheit die speziellen Beziehungen zur früheren Kolonie festigen. Ob das mit dem erratischen Amerikaner gelingt, ist ebenso fraglich und unübersichtlich wie die Situation in Salisbury, wo die Behörden nach wie vor nach dem Nervengift suchen. So viel zur Lage der Nation.

Man kann insofern verstehen, dass die Engländer zur Zeit einem für die Psyche gesunden Eskapismus frönen: Fußball. Die schönste Nebensache der Welt wird zur Hauptsache. Und dieses Spiel dauert länger als 90 Minuten. Das Land steht still, wenn England kickt und sogar gewinnt. Und das auch noch ansehnlich und überzeugend wie am Samstag gegen Schweden. Der Trainer Gareth Southgate, ein bescheidener und kluger Mann, findet stets den richtigen Ton. Er hat sich und seinen Spielern eine angenehme Sachlichkeit verordnet. Da steht ein echtes Team auf dem Platz, das das exakte Gegenteil vor dem symbolisiert, was in der Politik passiert. Die WM wirkt als Gegengift zur toxischen Gemengelage.

Deshalb träumt die Nation. Sie träumt den ganz großen Traum vom ersten Titel seit 1966. Fast 30 Millionen erlebten im Fernsehen den Sieg über Schweden, am Mittwoch gegen Kroatien werden es noch mehr sein. Ein Land summt versonnen und beseelt die neue alte Hymne vom Fußball, der nach Hause kommt. Remainer und Leaver, Konservative und Labour, Junge und Alte.

Die sich in einem einig sind: mehr Gareth Southgate und weniger Boris Johnson.