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Kommentar: T-Mobile sagt Ja zur Anti-Werbung

Deutschlands größter Sponsor im Radsport macht weiter. Fahrer und Fans dürften die Entscheidung begrüßen, denn ein Ausstieg hätte schwerwiegende Folgen gehabt. Nach den Skandalen der Vergangenheit will T-Mobile sich als Vorkämpfer gegen die Doping-Seuche präsentieren.

Von Nico Stankewitz

Das Aufatmen in der Szene war spürbar, als T-Mobile - Unternehmenssprecher Christian Frommert das weitere Engagement seines Unternehmens im professionellen Radsport bestätigte und gleichzeitig einen Maßnahmenkatalog zur Verstärkung im Anti-Dopingkampf ankündigte. Zu wichtig ist das Engagement des Bonner Unternehmens im Kampf für einen sauberen Radsport, die Zukunft der jungen Fahrergeneration um Linus Gerdemann wäre durch einen Ausstieg des Konzerns in höchste Gefahr geraten.

Die Eigenverantwortung der Fahrer, eine Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit und eine weitere Intensivierung der Kooperation mit den Dopingagenturen NADA und WADA - damit will T-Mobile zukünftig Fälle wie Patrik Sinkewitz verhindern helfen und zumindest für ein sauberes und glaubwürdiges Team im Radsport sorgen.

Bei einem Ausstieg von T-Mobile hätte ja nicht nur der deutsche Radsport gelitten, sondern vor allem der internationale Kampf gegen Doping. Ohne einen weiteren deutschen Sponsor, hätten sich die Profis bei ausländischen Teams verdingen müssen, die zumindest im Moment noch nicht den gleichen strengen Standarts unterworfen sind. Gleichzeitig wären die Auswirkungen in Deutschland bis in den Jugend- und Amateurbereich gravierend gewesen, zwei erstklassige Profiteams in Deutschland sorgen hier für eine lebhafte Szene, im Unterbau dieser Teams leben kleine Rennen, Vereine, Jugendsportgruppen weiter. Im übrigen gibt es auch eine Signalwirkung auf andere Sponsoren, das Engagement von Adidas ist dem Vernehmen nach eng an die Aktivitäten der Telekom gekoppelt.

Erfolgsgeschichte der Neunziger

Seit 1991 ist die Deutsche Telekom im Radsport aktiv. Jürgen Kindervater hieß der Mann, der den Konzern auf den Weg zum Radsport-Sponsoring brachte - eine lange Erfolgsgeschichte begann. Die heute längst durchgesetzte Farbe Magenta wurde wesentlich unter Mitwirkung des Radteams kommuniziert, die Erfolgsgeschichte der Mannschaft gab auch dem Unternehmen Image und Gesicht.

Dabei war der deutsche Radsport damals in sehr schlechtem Zustand, wenige Profis waren in erstklassigen Teams aktiv, in den deutschen Medien fand Straßenradsport so gut wie gar nicht statt. Telekom wurde für viele Jahre eine "Nationalmannschaft", wo fast automatisch (mit wenigen Ausnahmen) die besten einheimischen Profis fuhren. Eingesammelt wurde dabei auch das Erbe des DDR-Radsports an dessen gute und schlechte Traditionen offenbar angeknüpft wurde.

Zu einem spektakulären Erfolg wurde das Engagement ab 1996, nachdem man ein Jahr zuvor kurz vor dem Ausstieg stand. Im Windschatten der Gallionsfiguren Jan Ullrich und Erik Zabel wurde Deutschland zumindest vorübergehend zum Radsportland, Millionen von magentafarbenen Merchandising-Artikeln wurden verkauft und verteilt. Zum "goldenen Jahrzehnt" gehörten zwei Toursiege und ein Triumph bei der Vuelta, sowie als besondere Krönung der Dreifach-Olympiasieg von Sidney, als Ullrich, Vinokourov und Klöden alle Medaillenplätze im Straßenrennen einnahmen.

Blind gegen Doping

Vor dem Thema Doping wurden in dieser glanzvollen Epoche beim Sponsor und bei den deutschen Fans die Augen fest verschlossen. Als 1998 beim damals größten Konkurrenten Festina die wohl immer noch umfangreichste und bedeutendste Doping-Affäre der Radsportgeschichte aufflog, begnügte man sich in Deutschland mit selbstgerechten Gesten - ganz als ob Telekom ohne Doping schneller fahren könnte als die hochkarätige, vollgepumpte Konkurrenz. In Wahrheit wusste oder ahnte man zumindest, dass es ähnliche Zustände wie bei Festina in allen anderen Topmannschaften gab. Umso schlimmer ist die selbstgerechte Heuchelei bei den meisten Medien und Sponsoren nach den "überraschenden" Geständnissen im Mai 2007.

Aus dem damaligen Fehlverhalten ist auch eine besondere Verantwortung des Konzerns für den deutschen Radsport und seine Fans entstanden, sicherlich ein wichtiger Hintergrund für die Fortsetzung des Engagements. Nach dem Ullrich-Gau von 2006 hatte T-Mobile mit dem neuen Teammanager Bob Stapleton einen neuen Weg zum glaubwürdigen Radsport eingeschlagen, der auch schon erste Erfolge gezeitigt hat. Insbesondere durch den Fall Sinkewitz und die Dopingvergangenheit des Sportlichen Leiters Rolf Aldag liegt T-Mobile allerdings in der inoffiziellen "Sauberkeits-Weltrangliste" nur auf Platz 10, noch hinter Gerolsteiner (6.) und Milram (9.). Bis zu einem sauberen Radsport ist es noch ein langer Weg, aber die Telekom scheint entschlossen, diesen - wie in den vergangenen zehn Monaten - aktiv zu begleiten. Solange der Radsport in Deutschland populär ist, scheint sich das Engagement für T-Mobile zu lohnen, um den erwünschten Werbeeffekt zu haben: als Vorkämpfer gegen die Seuche des Dopings.

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