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Doping: Schwere Vorwürfe gegen Andreas Klöden

Ein weiterer Schock für den deutschen Radsport: Laut einem "Spiegel"-Bericht soll Andreas Klöden, Tour-Zweiter von 2004 und 2006, bei seiner ehemaligen Mannschaft Team Telekom und T-Mobile mit Eigenblut gedopt haben. Bislang schweigt Klöden zu den Vorwürfen.

Andreas Klöden und mit ihm der deutsche Radsport werden erneut mit voller Wucht von der Doping-Vergangenheit eingeholt. Dem besten deutschen Etappenfahrer droht ein Verfahren, da er nach einer Untersuchung zu den Vorfällen an der Uni-Klinik Freiburg ins systematische Doping-Programm des Teams Telekom und T-Mobile eingebunden gewesen sein soll. Laut dem Magazin "Der Spiegel", das vorab aus dem Abschlussbericht zitierte, soll das organisierte Doping bei der früheren Vorzeige-Equipe noch abenteuerlicher abgelaufen sein, als im März 2008 im Zwischenbericht geschildert: Per SMS und Mail sollen T-Mobile-Fahrer Doping-Rationen geordert haben, Patrik Sinkewitz soll bei einer Eigenblut-Transfusion gar in eine lebensbedrohliche Lage versetzt worden sein.

"Ich bin platt, was der 'Spiegel' alles weiß. Ich habe mir geschworen, dass ich kein Wort dazu sage", erklärte der Kommissions- Vorsitzende Hans Joachim Schäfer am Wochenende. Der Jurist beteuerte, dass weder er noch seine Mitautoren Wilhelm Schänzer und Ulrich Schwabe dem "Spiegel" den Bericht vorab zukommen ließen: "Ich habe kein Interesse, das Pulver zu verschießen, bevor es losgeht." Das Dokument sei noch gar nicht fertig und solle erst Mitte Mai vorgestellt werden, ergänzte Uniklinik-Sprecher Rudolf-Werner Dreier.

Die Karriere von Klöden, der die Tour de France im Juli an der Seite seiner Astana-Kapitäne Lance Armstrong und Alberto Contador fahren soll, dürfte nun auf der Kippe stehen. Noch aber wiegelt seine Teamleitung ab. Solange keine Beweise vorlägen, könne Astana nichts unternehmen, ließ Team-Sprecher Philippe Maertens wissen. Klöden, der den ihn teilweise belastenden Zwischenbericht als "Grundlage substanzloser Spekulationen" abgetan hatte, schweigt.

Klöden soll mit Eigenblut gedopt haben

Laut "Spiegel" soll der Bericht der Expertenkommission, die seit zwei Jahren die Vorwürfe gegen Sportmediziner der Freiburger Uni-Klinik untersucht, die Profis Klöden und Matthias Kessler, noch bis 26. Juli wegen Testosteron-Dopings gesperrt, mit Doping in Verbindung bringen. Aus dem rund 60 Seiten starken Papier gehe hervor, dass den beiden und dem Kronzeugen Sinkewitz am 2. Juli 2006 während der Tour von dem ehemaligen T-Mobile-Teamarzt Andreas Schmid Eigenblut infundiert worden sein soll. "Die Kommission geht davon aus, dass an diesem 2. Juli nicht nur der geständige Sinkewitz, sondern auch Kessler und Klöden mit Eigenblut gedopt haben", schreibt der "Spiegel" über den zuvor vielfach zitierten "Rhein-Konvoi".

"Wir haben mit Klöden über die Vorwürfe gesprochen, und er hat seine Aussagen wiederholt, dass er mit der ganzen Sache nichts zu tun hat", sagte Maertens. "Solange keine Beweise gegen ihn auf dem Tisch liegen, können wir nichts machen. Sollten diese Beweise existieren, haben wir ein Problem und werden dann handeln", sagte der Belgier. Klöden, 2004 und 2006 Tour-Zweiter, beendete am Samstag seinen Auftritt beim Giro del Trentino, bei dem er den Prolog gewonnen hatte. "Jetzt macht er eine Pause und bereitet sich auf die Tour vor", sagte Maertens. Klöden hat Doping stets bestritten.

Ausgeklügeltes Dopingsystem

Die Sportmediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid sollen dem Bericht zufolge von 1995 bis mindestens 2006 ein systematisches Dopingsystem errichtet und betrieben haben. Bislang hatten beide nur zugegeben, in dem strafrechtlich nicht mehr relevanten Zeitraum bis 1999 Dopingmittel verabreicht zu haben. Die Ärzte sollen Atteste gefälscht und Zahlungen verschleiert haben. Per SMS oder Mail sollen die Profis um Doping-Nachschub gebeten haben. Keiner der beiden Beschuldigten soll vor den Dopingkuren die Athleten vor möglichen Nebenwirkungen gewarnt haben. Die Mediziner hätten nach Ansicht des Magazins "sogar den Tod der Athleten riskiert". Nach einer Panne beim Blutdoping sei Sinkewitz dem Risiko "schwerster Komplikationen" ausgesetzt gewesen.

Nach Erkenntnissen der Kommission, die 77 Zeugen angehört habe, soll eine Apotheke in dem Schwarzwald-Städtchen Elzach der Hauptlieferant der zu Dopingzwecken bestellten Medikamente gewesen sei. Allein für die Saison 2006 hätten Schmid und Heinrich dort für 20.855 Euro etwa zwei Drittel aller Präparate geordert. Die beiden Mediziner hatten sich laut "Spiegel" für eine Anhörung durch die Kommission nicht zur Verfügung gestellt, ebenso wenig Klöden, Kessler und ihre früheren Team-Kollegen Udo Bölts und Jan Ullrich, der alle Doping-Vorwürfe stets zurückwies.

Die illegalen Transaktionen sind zynischerweise über den Arbeitskreis "Dopingfreier Sport" vorgenommen worden. Die Einrichtung war vom Telekom-Konzern nach der Skandal-Tour 1998 gegründet worden. Von den insgesamt 792.500 Euro aus Bonn soll der Arbeitskreis (Schriftführer: Lothar Heinrich) etliche wissenschaftliche Projekte Schmids gefördert haben. Die Uni-Klinik hatte Heinrich und Schmid 2007 fristlos entlassen. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren, ihre Approbation ist ihnen bislang nicht entzogen worden.

"Wir werden alles daran setzen, dass konkrete Ergebnisse schnell auf den Tisch kommen und den zuständigen Gremien des Schweizer Radsport-Verbandes, die für die dort ansässigen Athleten Klöden und Kessler zuständig sind, sowie dem Welt-Radsportverband Uci zugestellt werden", sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping zu dem Kommissions-Bericht. Er rechtfertigte die Nicht-Nominierung Klödens für die WM 2008 in Varese. "Nach den neuesten Erkenntnissen hatte es also durchaus seine Gründe, wie die Nationalmannschaft für die WM im letzten Jahr zusammengesetzt war."

DPA/Andreas Zellmer/Benjamin Haller / DPA

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