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Stadtarchäologie: Bodenschätze unter Manhattans Asphalt

Unter der Bebauung von Großstädten ist jeder Quadratmeter gespickt mit archäologischen Resten. Auch in New York: In Lower Manhattan fand eine Archäologin Reste der ersten Wasserleitung der Stadt, den Wohlstandsmüll eines reichen Händlers und den alten Uferverlauf des East River.

Von Angelika Franz

Normalerweise ist der Arbeitsalltag eines Straßenbauarbeiters ziemlich eintönig. Straße aufreißen, Kabel und Rohre reparieren oder austauschen, Straße wieder zu machen. Straße auf, Straße zu. Tag ein, Tag aus. So sah auch der Alltag eines Bautrupps des New Yorker Department of Design and Construction (DDC) in Lower Manhattan aus. Aber dann, im August 2006, passierte es. Straße auf... Halt! Unter einem Straßenabschnitt der Beekman Street zwischen Pearl und Front Street lagen zwar Rohre, aber das waren nicht die üblichen städtischen Wasserleitungen. Das waren Rohre aus Holz. Und die waren offensichtlich alt. Sehr alt.

In einem solchen Fall verlangt es das Gesetz, dass die Bauarbeiten sofort gestoppt werden. Normalerweise ein Alptraum für jeden Bauunternehmer. Trotzdem reagierte das DDC schnell und rief Alyssa Loorya auf die Baustelle. Die junge Archäologin ist auf solche Zwischenfälle spezialisiert. Stoßen Bauarbeiter irgendwo im New Yorker Stadtgebiet auf archäologische Reste, begleitet ihre Firma Chrysalis Archaeological Consultants den Fortgang der Arbeiten. "Etwa sieben bis acht Mal pro Jahr werde ich auf eine neue Baustelle gerufen," sagt Loorya. "Aber dieses Mal war es definitiv spannender als sonst."

New Yorks erste Wasserleitung

Der Ausgräberin war sofort klar, um welche hölzernen Rohre es sich da handelte: die älteste Wasserleitung New Yorks aus dem frühen 19. Jahrhundert. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war nämlich die Versorgung der Stadt mit Frischwasser zunehmend zum Problem geworden. Die Frischwasserteiche waren von der wachsenden Industrie bis zur Untrinkbarkeit verschmutzt, das Wasser aus den flachen Brunnen schmeckte moderig. Immer mehr Pferdewagen waren notwendig, um Trinkwasser von außerhalb in die innerstädtischen Gebiete zu schaffen. 1789 erhielt die Manhattan Company den Zuschlag von der Stadt, diesen Zustand durch den Bau eines flächendeckenden unterirdischen Leitungssystems zu beenden.

Ausgehöhlte Gelbkiefer-Stämme

Wer künftig Wasser haben wollte, musste dies der Manhattan Company abkaufen. Dem kapitalistischen Prinzip folgend war jedoch die neue Konstruktion vor allem eins: billig. Statt Eisenrohren verwendete die Company ausgehöhlte Stämme von Gelbkiefern. Die Pumpen, die das Wasser zum Fließen bringen sollten, waren schon nach damaligem Stand antiquiert und wurden zum Teil noch von Pferden betrieben. Die Arbeiter bekamen einen Dollar am Tag. Auch viele Sklaven arbeiteten an der Verlegung der Holzleitungen, den Lohn bekamen ihre Besitzer.

1801 hatte die Manhattan Company endlich genügend Leitungen verlegt, um mit der Auslieferung des kostbaren Nasses zu beginnen. Doch das fand nicht immer den Weg zu den Kunden. Die Rohre leckten an den Verbindungsstellen, und was in den Häusern ankam, stammte nur allzu oft nicht aus Frischwasserreservoirs, sondern aus brakigen kleinen Brunnen. Zunehmend litten die New Yorker an Magenproblemen. Nur bis 1842 waren die Leitungen in Betrieb, dann floss endlich verlässlich Wasser über das neue Croton Aquädukt nach Manhattan.

Bauarbeiter auf Abwegen

Die Geschichte der alten Wasserrohre faszinierte auch den Bautrupp. Statt sich über die Verzögerung ihrer Arbeit zu beschweren, begannen die Arbeiter, Alyssa Loorya mit Fragen zu löchern. Die Archäologin nutzte die Gelegenheit und lernte die Crew kurzerhand als Ausgräber an. "Die Jungs waren ein archäologisches Dream Team", schwärmt sie. Der Einsatz hat sich gelohnt. Inzwischen sind sowohl die Bauarbeiten als auch die Ausgrabung abgeschlossen. Termingerecht und mit mehreren tausend geretteten Artefakten - genug, um eine ganze Ausstellung mit Funden aus der Stadtgeschichte New Yorks bestücken zu können.

Unter der maroden Wasserleitung ließ der nächste Fund nicht lange auf sich warten. In etwa 1,80 Metern Tiefe stießen die Arbeiter auf eine dicke Mauer. Das Fundament eines Hauses, wie sich herausstellte. Ein Blick auf das alte Kataster konnte schnell klären, um welches Anwesen es sich handelte: Bis 1821 stand hier das Haus 52 Queene Street (heute Pearl Street). Darin wohnte einst der angesehene Händler Robert Crommelin (1717 - 1791). Nach seinem Tod residierte seine Witwe Elizabeth noch mindestens zehn Jahre weiterhin in dem großen Stadthaus.

In einer Ecke des Kellers fand die Crew Reste des Haushalts, der fast 200 Jahre lang unter dem hektischen Treiben Lower Manhattans geruht hatte. 3226 große und kleine Gegenstände konnten Loorya und ihr Männer aus dem Kellerraum bergen. Ihr Lieblingsstück ist ein Teil eines verzierten Möbels, mit Blumen aus Perlmutt. "Es ist so hübsch", sagt sie, "und so zart, und es hat all diese Jahrzehnte im Boden überdauert. An dem Tag, als wir es fanden, goss es in Strömen, der ganze Boden war matschig. Dass wir es überhaupt gefunden haben, grenzt fast an ein Wunder." Auch eine kleine Spritze aus Knochen fanden sie in der Kellerecke, nur die Nadel war abgebrochen. Und ein Wandteller, der zum Tode George Washingtons im Jahr 1799 herausgegeben worden war. Darauf hält eine Lady Liberty ihren Schild mit 15 Sternen darauf - so viele wie es US-Staaten im letzten Jahr des 18. Jahrhunderts gab.

Perlhuhn und Hummer bei Crommelins

Schließlich lag auch noch ein wenig Hausmüll auf dem Kellerboden herum. Knochenreste zeugen von den Mahlzeiten, die Robert und Elizabeth Crommelin in dem Haus mit ihren Gästen einst verspeisten. Die Speisekarte war selbst für einen reichen New Yorker Haushalt recht ausgefallen. Lammkeule gab es, natürlich Truthahn, aber auch Perlhuhn und Hummer. Steaks dagegen, schon seit jeher beliebt bei den Amerikanern, hat es anscheinend nur selten zu essen gegeben. Die wenigen Kuhknochen, welche die Ausgräber fanden, waren vielmehr zur Herstellung von Knöpfen verwendet worden.

Als die Crew des DDC weiter nördlich vorrückte, in den Abschnitt der Beekman Street zwischen Front Street und Water Street, veränderte sich der Boden. Hier endete im frühen 18. Jahrhundert die Stadt. Die Küstenlinie verlief entlang der heutigen Pearl Street. Wo jetzt die Straßenbauarbeiten den Untergrund aufwühlten, stand damals die Schiffswerft von John Daly. Erst zur Mitte des Jahrhunderts wurden die neu gewonnenen Meter Land von der Stadt geschluckt, die Gegend bekam den Namen "Crane Wharf". Hier ließen sich Händler und Schmiede nieder. 1822 eröffnete der Fulton Market. Dafür bekam die Beekman Street zwischen South Street und Pearl Street erstmals eine Pflasterung, damit die Marktkarren nicht bei Regen im schlammigen Grund versanken.

Karibische Korallen in New Yorker Erde

Entsprechend durchwühlt war der Boden, den die Arbeiter nun unter der Schaufel hatten. Nur manchmal fanden sie Abfall zwischen den Erdschichten, oder sogar kleine Kostbarkeiten wie Keramikscherben oder ein Stück Koralle, das einst aus der Karibik nach New York gekommen war. Versteinerte Korallen dienten den Schiffen des 19. Jahrhunderts oft als Ballast. War der Hafen sicher erreicht, warfen die Seeleute, was davon unnütz war, einfach über Bord. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es in New York keine Müllbeseitigung. Aller Abfall landete entweder in Brunnenschächten, in Sickergruben oder im East River. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Müll in diesem Grabungsareal um Treibgut aus den trüben Gewässern des Flusses.

Genau auf der Kreuzung von Beekman und Water Street fanden die Ausgräber wieder Holzbohlen. Diesmal waren es solide Balken, fünf Meter unter dem heutigen Straßenbelag. Die Holzkonstruktion war zu groß, um sie zwischen dem Spinnennetz der heutigen Leitungen sicher freilegen zu können. Also grub Alyssa Loorya zur Abwechslung in den Tiefen der Stadtarchive. Und fand tatsächlich eine Anzeige eben jenes Kaufmannes Robert Crommelin aus 52 Queene Street, die er auf der Suche nach großen Mengen Kiefernholz aufgegeben hatte. Damit, so die Annonce, wolle er für Crane Wharf eine Sicherungswand errichten. Welch ein Zufall, dass die Ausgräber über 200 Jahre später zugleich sein Wohnhaus und sein Wirken, die von ihm finanzierte Landbefestigung, ans Licht holten.

Eine Cola-Flasche aus den 60ern

Da der Boden jedoch auch hier sehr gestört war, lagen zwischen den alten Balken ebenfalls viele Fundstücke jüngeren Datums. Bei vorangehenden Wartungsarbeiten hatte ein Arbeiter seine Colaflasche in der Baugrube vergessen. Anhand der Flaschenform lässt sie sich leicht datieren: Die Brausebuddel stammte aus den 1960er-Jahren.

Auf der Nordseite der Beekman Street fand die Crew schließlich noch vier Gewölbebögen eines weiteren Kellers aus dem 19. Jahrhundert. In ihnen lagen aber keine Schätze mehr, sondern nur der Bauschutt vom Abriss der zugehörigen Gebäude im 20. Jahrhundert. Alyssa Loorya hat jedenfalls mehr als genug archäologische Kostbarkeiten aus dem Boden geborgen. "Die Dichte der Funde in diesem kleinen Ausschnitt der Stadt war schon außergewöhnlich hoch", sagt die New Yorker Archäologin. Jetzt hilft sie erstmal bei der Planung für die Ausstellung der Artefakte. Die Bauarbeiter indes reißen wieder Straßen auf, reparieren Leitungen und Rohre, und machen die Straßen wieder zu. Und hoffen, Loorya bald wieder anrufen zu müssen. "Und ich vermisse meine Crew!", gibt die Ausgräberin zu.

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Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.
  • Angelika Franz