Eldorado im ewigen Eis Der Kampf um die Arktis


Eine russische Flagge in der Tiefe: Spätestens damit eröffnete Moskau das Rennen um die Arktis - und den Kampf um dort verborgene Bodenschätze. Auch Kanada und Dänemark melden Ansprüche an. Doch woher kommt die plötzliche Arktis-Gier? stern.de begibt sich auf Spurensuche.
Von Matthias Lauerer

Schummerig und verwackelt waren die ersten Bilder aus der Tiefe, die von der symbolischen Inbesitznahme des 1,2 Millionen Quadratkilometer großen Teils der Arktis sprachen. Wladimir Putin hatte seine Forscher auf dem Schiff "Akademik Fjodorow" inklusive eines Eisbrechers und zweier "Mir1- und Mir2-" benannten U-Boote geschickt, um in einem symbolischen Akt einen Teil der Arktis für sich zu reklamieren.

Der Grund: der vermutete Reichtum an Bodenschätzen im Wert von 1000 Milliarden Dollar. Mit dieser Zahl jonglierte zumindest die russische Zeitung "Iswestija". Öl, Gas und sogar mögliche Diamantenschätze wecken Begehrlichkeiten in der Arktis. Auch Kanada und das kleine Dänemark melden sich nun zu Wort und verurteilen die rechtlich unverbindliche Landnahme Russlands.

So reiste der kanadische Premierminister Stephen Harper jüngst nach Norwegen, um die Arktis-Ansprüche Kanadas geltend zu machen. Kanada will seine militärische Präsenz in der Nähe des Nordpols verstärken und einen Hafen am Osteingang der Nordwest Passage bauen, um seinen Anspruch auf die strategisch wichtige Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik zu untermauern. Dänemarks Regierung entsandte ein Forschungsschiff zum Nordpol, um wissenschaftliche Daten zur Untermauerung der Gebietsansprüche Kopenhagens zu sammeln.

Die 200-See-Meilen-Zone

Ungewöhnlich ist das russische Verhalten, da es bereits seit 1996 den Arktischen Rat ("Arctic Council") gibt. Noch bis 2008 führt Norwegen dieses Gremium an. Es kümmerte sich bisher um den Schutz der Natur und der Ureinwohner. Zudem ist ein Großteil der Arktis "Internationales Gebiet."

Die "Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ)" gibt den Staaten des Rates das Recht, in einer 200 See-Meilen-Zone ausschließlich über die natürlichen Ressourcen, also beispielsweise Bodenschätze, zu verfügen. Die Staaten messen dabei vom eigenen Festland aus in Richtung Nordpol. Geregelt wurde die "200-See-Meilen-Zone" in der UN-Seerechtskonvention aus dem Jahr 1982.

Viele Staaten machen Ansprüche geltend

Doch was versteht man eigentlich unter der Arktis? Laut Microsoft Encarta wird "das Gebiet nördlich der zehn Grad Celsius Juli-Isotherme, also diejenige Linie, die alle Orte gleicher mittlerer Julitemperatur von zehn Grad Celsius verbindet", als Arktis bezeichnet. Sie bedeckt laut Brockhaus eine Fläche von 18 Millionen Quadratkilometern. Damit ist die Fläche ungefähr so groß wie Nordamerika.

Zwei Drittel bestehen aus Meerwasser-Gebieten. Das Nord-Polarmeer ist in den Wintermonaten fast vollständig von einer durchschnittlich zwei bis drei Meter dicken Eisschicht bedeckt. Teile der drei Kontinente Europa, Nordamerika und Asien zählen zur Arktis. Außer Russland erheben auch die anderen Anrainer-Staaten, die sich "Polarstaaten" nennen, nationale Ansprüche. Dazu gehören die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen.

Dieser Anspruch mag zunächst unspektakulär klingen, doch hier entsteht der Grund für die PR-Aktionen. Denn alle Staaten vermuten unter dem Eispanzer reiche Energie-Vorkommen, deren Anspruch darauf es nun zu sichern gilt.

So plante man schon in der untergegangenen UDSSR in den 1980er Jahren eine große Gaspipeline auf der Jamal-Halbinsel, die zur Arktis gehört. Unter ihr liegt eine der ausgedehntesten russischen Lagerstätten für Erdgas in Nordsibirien. Der Aufschrei der Naturschützer verhinderte den Bau, und so legte man den Plan 1989 ad acta. Doch diese Idee ließe sich jederzeit wieder auftauen.

Ein Milliarden-Euro-Geschäft

Heute möchte Russland den knapp 1800 Kilometer langen und bis zu 3700 Meter hohen Lomonossow-Rücken für sich beanspruchen. In ihm werden Bodenschätze vermutet, die Russland dort in der Zukunft abbauen möchte. Diamanten, die aus Jakutien über Flüsse dorthin gespült worden sein sollen, hofft Russland zu finden.

Doch hier schließt sich eine Frage an: Was geschieht dann mit den Menschen der Arktis, meist Ureinwohnern, wenn eine Ausbeutung der Bodenschätze beginnen würde? Nach vorsichtigen Schätzungen leben in diesem Gebiet immerhin knapp eine Million Menschen, darunter Inuits, Jakuten, Nenzen sowie Europäer und Amerikaner.

Die Eroberung der Arktis

Die Urweinwohner der Arktis sind jedoch an ungebetene Gäste gewohnt. Die weiten weißen Gebiete locken seit Jahrhunderten Abenteurer in den hohen Norden. Die Eroberung der Arktis begann mit einer Expedition 1594. Der niederländische Seefahrer Willem Barents erreichte die Westküste von "Nowaja Semlja". 1728 folgte der Niederländer Vitus Jonassen Bering und fand die Nordküste Sibiriens, Alaskas und die Alëuten. Sein Auftrag-Geber: der russische Zar. Heute wird die Meerenge zwischen Russland und Alaska nach ihrem Entdecker "Beringstraße" genannt.

Der vielleicht bekannteste deutsche Arktis-Forscher ist Arved Fuchs. Der 54-Jährige hält sich noch bis Ende September in Spitzbergen auf. Fuchs bereist die Polar-Region bereits seit 1985. Im Sommer 2002 gelang ihm im vierten Anlauf die Durchfahrung der Nordostpassage mit seinem Segel-Schiff, der "Dagmar Aaen". Damit kann er die erste komplette Umrundung des Nordpols mit einem Segel-Schiff vorweisen.

Das größte Rätsel deutscher Polargeschichte

So wie Arved Fuchs hat auch der Geophysiker Dr. Wilfried Jokat, der am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven arbeitet, nichts mit der Ausbeutung von Bodenschätzen zu tun. Doch Jokat erzählt eine interessante Geschichte über die Arktis: "Mir fällt spontan die deutsche Arktis-Expedition aus dem Jahr 1912/13 dazu ein."

Die Vorexpedition von Herbert Schröder-Stranz, bei der er und sechs weitere Teilnehmer ums Leben kamen, gilt weithin als größtes Rätsel der deutschen Polargeschichte. Denn bis heute ist unbekannt, was mit den sieben Männern geschah. Seit 1904 hatte Schröder-Stranz eine Befahrung der Nordostpassage geplant. Und gilt seitdem als verschollen.

Wegen der vermuteten Rohstoffe bleibt die Zukunft des Arktis-Gebietes fraglich. Denn es ist gut möglich, dass der Energiehunger der Industrieländer dazu führt, dass dem Eis Öl und die anderen Bodenschätze entrissen wird.


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