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Viagra & Co.: Männer berichten

Weit mehr als eine Million deutsche Männer nehmen die Potenzpillen Viagra, Cialis oder Levitra.

Günther Brockmann, 62, Journalist, Hamburg

Es war seine Frau, die Günther Brockmann damals sagte: "Du weißt, ich liebe dich deswegen nicht weniger. Aber du hast doch ein so gutes Verhältnis zu deinem Hausarzt. Rede mit ihm. Es wäre doch schön, wenn es wieder ginge." Sie hatte irgendwo von Viagra gelesen. Das Paar hatte sich auch über die schwierigen Jahre Zuneigung und Zärtlichkeit bewahrt. "Ich habe mich nicht zurückgezogen." Als Brockmann dann von Viagra zu Cialis wechselte, war auch die Anspannung wegen der kurzen Wirkungsdauer vorbei. "Sonst klingeln nach einer halben Stunde die Enkelkinder an der Tür, und es ist vorbei." Heute kann er gelassen über alles reden. "Für mich ist das nur ein Medikament, das mir hilft, eine Fehlfunktion in meinem Körper zu beheben." Und über sich selbst und sein Schicksal zu lachen: "Meine erste Frau hätte frohlockt, wenn sie erfahren hätte, das ich Erektionsprobleme habe." Denn früher hatte er "nichts anbrennen lassen." Seit 17 Jahren lebt er nun mit seiner zweiten Frau zusammen. "Wir haben alles zusammen gemeistert, auch das."

Gaby und Rüdiger Riemer aus Haste

Gaby Riemer hatte es anfangs kaum bemerkt. "Das war mehr seine Sorge", sagt sie. Sicher, es gab Phasen von Funkstille, und sie machte sich schon Gedanken über ihre Attraktivität. Ob sie zu sehr zugenommen hatte? Oder ob es eine Abstumpfung durch seinen Beruf gab? Als Physiotherapeut sah er jeden Tag nackte Patientinnen. Dabei hatten die beiden immer alles offen besprochen, schon damals, vor zehn Jahren, als sie heirateten, beide nicht zum ersten Mal. Auch über seine Sorgen wegen der schwachen Erektion. "Das hätte uns nie auseinander gebracht", sagt die Sekretärin. Geborgenheit war wichtig, Vertrauen, Zuverlässigkeit, die gemeinsame Verantwortung für die Kinder. "So lange das stimmt, kann passieren, was will. Die Liebe zählt, die man gibt und die erwidert wird." "Ich werde nicht auf dem Marktplatz klingeln", erklärt Rüdiger Riemer, "aber die Betroffenen sollten endlich frei darüber sprechen und einander Mut machen. Für mich ist Viagra eine Revolution."

Mirko Briese, 31, aus Berlin

Es war nur eine Gefälligkeit. Mirko Briese säuberte für einen Bekannten ein Glasvordach und brach durch. Das war vor sechs Jahren. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. "Von einem Moment zum anderen war alles weg." Während er noch im Krankenhaus lag, lösten die Eltern die Wohnung auf, die Freundin besuchte ihn noch ein-, zweimal, dann nicht mehr. "Und ich bekam eine panische Angst, dass sich dieses Thema für alle Zeit erledigt hat", sagt er. Mut machte es ihm, als er merkte, dass es Frauen gibt, "denen der Rollstuhl egal ist". Er lernte die eine oder andere kennen, aber ein Problem blieb: Vom Punkt der Lähmung abwärts hatte er keine körperlichen Reaktionen mehr: "Was sonst unter Sex läuft, fand bei mir nur noch im Kopf statt." Vor drei Jahren nahm er Viagra und war überrascht: "Ich hatte endlich wieder eine lang anhaltende Erektion." Einige Monate später lernte er seine neue Freundin kennen. Sie wird jetzt aus München zu ihm nach Berlin ziehen. "Wir können jetzt all das machen, was wir machen wollen."

Hans Büttgen, 59, Köln

Dass so etwas ausgerechnet ihm passierte. Hans Büttgen konnte es nicht fassen. "Aber es tat sich nicht mehr allzu viel bei mir." Dabei war Sex für Büttgen "immer sehr schön". Eigentlich schon seit damals, "als das Kindermädchen mit dem Grashalm...", und dann in der Schulzeit - "ich war sehr frühreif". "Ich konnte mich ja nicht einmal vor der Ärztin ausziehen, ohne dass sich da was regte." Er war 50, als die Erektionsstörungen begannen. Der Psychologe fand nichts, sagte zu Büttgen: "Von Ihnen kann ich ja noch vieles lernen." Er schickte den Patienten zurück zum Urologen. Waren es die drei Schachteln Zigaretten am Tag? Das eine oder andere Glas Kölsch? Der Kummerspeck? War es die Folge einer länger zurückliegenden Operation am Nebenhoden? Bittner hat dann einiges versucht. Jetzt nimmt er Viagra. Es funktioniert. "Ich könnte auf der Bühne glatt Geld damit verdienen", sagt er.

Günther Steinmetz, 61, Ingenieur, München

Damals, vor sieben Jahren, ging es ums Überleben. Bei der Diagnose "Prostatakrebs" denkt man an vieles und zuallerletzt an Sex. Dennoch bat Günther Steinmetz um eine schonende Operation: "Sexualität war und ist für mich wichtig." Mit der Erleichterung über die glücklich verlaufene Operation kam die Trauer über die dennoch verlorene Erektionsfähigkeit. Allein damit fertig werden? Er suchte den Austausch mit anderen betroffenen Männern. Die Suche war schnell zu Ende: Es gab nicht eine passende Selbsthilfegruppe. Ein Jahr lang hat er Urologen angeschrieben, mit Journalisten gesprochen und bei Veranstaltungen nach Mitstreitern gesucht. Im Juni 1998 kamen endlich acht Männer zum ersten Treffen zusammen (www.impotenz-selbsthilfe.de). Auch heute sind es selten mehr. Eine ideale Gruppengröße für offene Gespräche. "Ich habe dadurch Freunde gefunden, Männer, denen ich sonst nie begegnet wäre." Es bedrückt, auf natürlichem Weg keine Erektion zu bekommen. "Aber das Gespräch mit anderen hilft mir, zu sehen, was möglich ist. Und das ist sehr viel." Er wünscht sich, dass Männer offen mit ihrer Erektionsstörung umgehen. Dafür wirbt er in vielen persönlichen Gesprächen, Vorträgen und Medienauftritten.

Helmut Müller, 65, Ingenieur, München

Nach der Prostata-OP begann der Kampf um ein anderes Leben. "Sex ohne Erektion war mir früher unvorstellbar. Mich ergriff eine große Verlustangst." Aber Helmut Müller machte eine Erfahrung: dass spontaner und für beide Partner befriedigender Sex auch ohne Erektion möglich ist, "eine beglückende Erfahrung, auf die mich übrigens zuvor kein Arzt hat hinweisen können". PDE-5-Hemmer wirken bei ihm nach der Durchtrennung der Nerven nicht. Und er empfindet Erektionshilfen jeglicher Art als lusthemmend. In einer Münchner Selbsthilfegruppe will er Paaren neuen Mut machen, erklären, dass lustvoller Sex weiterhin möglich sein kann. Er beantwortet einen großen Teil der an die Gruppe gerichteten Mails. Er bewundert die Frauen, "die so mutig dieses Thema für ihre Männer ansprechen. Ihr Problem ist oft, dass sich ihre Partner aus Scham und Verzweiflung wortlos zurückziehen".

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