Visuelles Gedächtnis Darum merkt man sich nur das Wichtigste

Menschen betrachten nicht alles mit der gleichen Aufmerksamkeit
Menschen betrachten nicht alles mit der gleichen Aufmerksamkeit
© Colourbox
Das menschliche Bilder-Gedächtnis ist nicht besonders gut, längst nicht jedes Detail können wir uns merken. Der Grund: Platzmangel im Kurzzeitgedächtnis. Laut einer neuen Untersuchung nutzen Menschen jedoch einen Trick, um das Wichtigste nicht zu vergessen.
Von Nicole Simon

Wie merken sich Menschen, was sie sehen und wieso prägen sich bestimmte Details besonders gut ein? Die Wissenschaftler Paul Bays und Masud Husain von der University College in London konnten in einer Studie zeigen, dass das visuelle Kurzzeitgedächtnis des Menschen zwar nicht besonders groß ist, dafür allerdings viel flexibler eingesetzt werden kann, als Forscher bisher annahmen. Über ihre Studie berichten sie im Fachblatt "Science".

Seit nunmehr fast 50 Jahren glauben Wissenschaftler, dass Menschen nur drei oder vier Details einer Szene in ihrem Kurzzeitgedächtnis zwischenspeichern können. Diese Annahme galt es für die beiden Forscher zu hinterfragen. Zu diesem Zweck sollten Probanden einen Bildschirm beobachten, auf dem verschiedene Objekte zu sehen waren. Nach kurzer Zeit erlosch das Bild, anschließend kehrte ein Objekt auf die Bildfläche zurück. Die Freiwilligen mussten nun beurteilen, ob das Objekt nun weiter rechts oder weiter links aufgetaucht war. Die Treffergenauigkeit nahm zwar mit der Anzahl der Objekte auf dem Ursprungsbild ab, allerdings kontinuierlich und nicht schlagartig bei vier Personen, wie man nach den alten Theorien vermuten könnte. Es scheint demnach keine festgelegte Anzahl an Dingen zu geben, die man sich merken kann. Bestimmte Details sind allerdings einprägsamer als andere.

Die wichtigsten Infos haben Vorrang

Die Forscher vermuten, dass Menschen sich Details einer Szene nach einer Art Rangliste merken. Passend zu Olympia erklären sie das am Beispiel des Staffellaufs: Menschen schenken der Mannschaft, die sie interessiert, wahrscheinlich besonders viel Aufmerksamkeit und merken sich diese Bilder besser. Zudem behalten sie den Stab im Blickfeld, das wichtigste Detail bei der ganzen Rennerei. Sollte jemand der Läufer pinke lange Haare haben, wird auch das nicht unbemerkt bleiben. Dinge, die jedoch weniger interessant sind, wie etwa die Kleidung der Sportler von anderen Teams rücken in den Hintergrund. Anschließend erinnert man sich nur spärlich an sie.

"Es dreht sich alles darum, das Kurzzeitgedächtnis für die Dinge zu nutzen, die am wichtigsten sind", sagt Bays. "Wenn etwas unsere Aufmerksamkeit erregt, dann stellen wir automatisch den größten Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses zur Verfügung, weil es wichtig sein könnte." Für den Rest bleibe nur wenig Gedächtnisspeicher übrig. "Sehen bedeutet auch die Bilder im Kurzzeitgedächtnis zwischenzuspeichern. Dieser Speicher ist allerdings unglaublich klein." Und so nehmen Menschen Details nicht wahr, obwohl sie in ihrem Sichtfeld liegen.

Nur für kurze Zeit gespeichert

Die Wissenschaftler konnten mit ihren Experimenten zudem zeigen, wie kurzlebig die Informationen im Kurzzeitgedächtnis sind. Probanden konnten sich besser an ein Objekt auf einem Bildschirm erinnern, das sie sich genauer ansehen wollten, als an das Objekt, welches sie zuvor gesehen hatten.

"Wenn wir uns entscheiden, einen Gegenstand oder eine Person anzusehen, erwarten wir, dass es etwas Bedeutsames ist und packen es in unser Kurzzeitgedächtnis", sagt Bays. "Selbst wenn wir es noch nicht genau angesehen haben, erinnern wir uns besser daran, als an den Gegenstand den wir zuvor betrachtet haben."

Sehstörung aufgrund von Platzmangel

Für Masud Husain hat dieses Ergebnis auch eine praktische Bedeutung. Er arbeitet als Neurologe. Dabei steht er immer wieder in Kontakt mit Patienten, deren Gehirn beschädigt ist, etwa nach einem Schlaganfall. Manchmal führt das zu einem Krankheitsbild, bei dem die Patienten bestimmte Sichtbereiche nicht mehr wahrnehmen. "Wenn diese Menschen beispielsweise eine Zeitung lesen, nehmen sie die linke Seite nicht mehr wahr", so Husain.

"Ein Grund dafür ist, dass ihr Speicherplatz im Kurzzeitgedächtnis zu klein ist", sagt Husain. "Dann sehen sie Dinge nicht, obwohl ihre Augen sie wahrnehmen."


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