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306. Geburtstag von Leonhard Euler: Der Mann, der der Mathematik eine Sprache gab

Jeder hat benutzt was er der Menschheit hinterlassen hat, die wenigsten kennen seinen Namen: Leonhard Euler gilt als Begründer der mathematischen Analysis. Google ehrt ihn zu seinem 306. Geburtstag.

Von Oliver Noffke

Sieben Brücken in Königsberg verbinden vier Ufer - die beiden Seiten der Pregel und zwei Inseln in der Mitte des Flusses. Welchen Weg muss man über diese sieben Brücken gehen, wenn man jede genau einmal überqueren will? Im frühen 18 Jahrhundert war dies eines der interessantesten praktischen Rätsel. Nicht für Sonntagsspaziergänger, sondern für Europas Mathematiker – vergleichbar mit dem Gedankenexperiment zu Schrödingers Katze. Die Lösung lieferte 1736 der Schweizer Leonhard Euler. Er brachte damit eine Lawine ins Rollen , welche die Universitäten von Bologna bis nach Cambridge aufrüttelte. Es gab keine mathematische Lösung dieser Aufgabe – zweifellos unmöglich. Schluss. Aus. Punkt. Und nachgewiesen.

Erschütternd war weniger die Enttäuschung darüber, dass der mathematisch perfekte Spaziergang unmöglich schien als die Art und Weise wie Euler die Aufgabe löste. Er visualisierte das Szenarium mit Hilfe von Graphen und zeigte so dessen Unmöglichkeit auf.

Euler gehörte zu einem neuen Typus von Wissenschaftlern, den seine Zeit möglich machte. Im Jahrhundert zuvor musste René Descartes noch die Naturgesetze als einzige rationale Erkenntnisquelle etablieren, um ergebnisorientierte Arbeit vom Staub der Kirchentheorie zu befreien, und Isaac Newton, der sich gern als Theologe sah, beschrieb die Schwerkraft. Die Felder der Wissenschaft waren noch so überschaubar, dass viele große Namen auf mehreren Hochzeiten tanzten und Philosophie mit Physik verbanden oder Dramatik mit Geologie. Jetzt begannen Wissenschaftler sich zu fokussieren und ihre Disziplinen in Unterbereiche aufzuteilen.

Ein wissenschaftlicher Wüterich

Dennoch war die Mathematik zu Eulers Zeit eine Landkarte voller weißer Flecken. Wie unbekannte Kontinente mussten eine Reihe von Problemen zum ersten Mal beschrieben werden. Eckpunkte brauchten eindeutige Bezeichnungen. Ein Großteil der noch heute verwendeten mathematischen Symbolik geht auf den Schweizer zurück. Er wählte π (Pi) zur Beschreibung der unendlichen Kreiszahl und führte das Summenzeichen ∑ ein. Generationen von Schülern ist er durch die Beschreibung des Funktionstermes f(x) in Erinnerung. Sein scharfer analytischer Geist bewog seine Kollegen zu überschwänglichen Komplimenten. Als "fleischgewordene Analysis" wurde er bezeichnet, der so mühelos rechnen konnte wie andere atmeten.

Euler war ein Entdecker mit unfassbarem Tatendrang. 866 Arbeiten publizierte er während seines wissenschaftlichen Schaffens. Er studierte in Basel und lehrte in St. Petersburg und Berlin. Nachdem er sich mit Friedrich dem Großen zerstritt, kehrte er 1766 nach Russland zurück, mit seinem gesamten wissenschaftlichen Werk im Gepäck. Welches bis heute in russischen Archiven aufbewahrt wird.

Eine Augenkrankheit - die ihn mit 33 Jahren zuerst auf dem rechten Auge blind werden ließ und ab 1771 in völliger Dunkelheit gefangen hielt - schmälerte seinen Tatendrang nicht im Geringsten. Tatsächlich gehört sein zweiter Lehrauftrag in St. Petersburg zu seiner eifrigsten Schaffensphase.

Die Brücken von Kaliningrad

Euler gilt heute als Begründer der Analysis. Womit seine Bedeutung für unsere Informationsgesellschaft und den ständigen Optimierungsdrang der Betriebswirtschaft nicht hoch genug bemessen werden kann.

Er beschrieb Lichtbrechungen, versuchte Musik mathematisch zu erklären, widmete sich dem "Springerproblem" in der Schachmathematik und übersetzte Benjamin Robins "Neue Grundsätze der Artillerie", versehen mit zahlreichen Anmerkungen und Erklärungen, ins Deutsche. Diese Ausführungen über die Flugbahnen von Geschossen waren so praktisch und präzise, dass sie wiederum ins Englische übersetzt wurden und sich später zum Standardwerk an europäischen Militärschulen entwickelten. So büffelte schon Napoléon Bonaparte welchen Einfluss der Luftwiderstand auf die Flugbahn hat.

Den 306. Geburtstag von Leonhard Euler ehrt Google mit einer Ansammlung von Graphen. Unter dem ersten "O" sind die Königsberger Brücken zu sehen und Eulers entsprechender Lösungsgraph. In seiner Schweizer Heimat schaffte es Euler bis auf den 10 Franken Schein, auf der ganzen Welt ist kein Lehrbuch über Mathematik oder Physik ohne ihn denkbar.

Da die Brücken im heutigen Kaliningrad nicht mehr dieselben sind wie im preußischen Königsberg des 18. Jahrhunderts, kann man heute getrost jede Brücke ein einziges Mal überqueren und dennoch von jeder die Enten auf der Pregel füttern. Vorausgesetzt man traut sich über je zwei Bahn- und zwei Autobahnbrücken.

Oliver Noffke