Abfallverwertung "Gold" aus Abfall gewonnen


Aus Tiermehl mach Rohöl. In Gießen wurde ein simples Verfahren entwickelt, mit dem sich Abfall in "Gold" verwandeln lässt.

Es ist eine erstaunliche Wandlung: Erhitzt man Tiermehl und Klärschlamm im Labor auf 350 Grad Celsius, tropft plötzlich Rohöl aus der Versuchsapparatur. Das "schwarze Gold" wollen Wissenschaftler von der Fachhochschule Gießen-Friedberg künftig in großem Stil produzieren. Anfang März geht ihr von der Bundesstiftung Umwelt gefördertes Pilotprojekt in einen eineinhalb Jahre dauernden Praxistest: Der «Diesel vom Abdecker» soll in einer eigens gebauten mobilen Anlage rund um die Uhr fließen. Ob das bereits zum Patent angemeldete Verfahren aber ökonomisch und ökologisch Sinn macht, ist bei Experten umstritten.

Auf die Idee kam der Chemiker Prof. Ernst Stadlbauer auf dem Höhepunkt der BSE-Krise vor mehr als zwei Jahren. Seit Ende 2000 darf Fleisch- und Knochenmehl nicht mehr verfüttert werden, um Infektionen mit dem Erreger des Rinderwahnsinns zu verhindern. "Aber nur weil ein Stoff auf einmal zu Abfall erklärt wird, ändern sich ja seine chemischen Eigenschaften nicht", sagt der 57-Jährige. Statt das Tiermehl zu verbrennen, wollte Stadlbauer den Reststoff - der teuer entsorgt werden muss - in "Produkte mit Marktwert" umwandeln. Denn allein in Deutschland fielen jedes Jahr rund eine Million Tonnen Tiermehl und etwa drei Millionen Tonnen kommunaler Klärschlamm an.

Erhitzen von Tiermehl produziert nützliche Stoffe

Neben Rohöl entsteht Stadlbauer zufolge beim Erhitzen unter Ausschluss von Sauerstoff auch Aktivkohle, die zum Reinigen von Gasen und Flüssigkeiten verwendet wird. In dieser Kohle sind zahlreiche Mineralien enthalten. Phosphor wird als Düngemittel und zur Herstellung von Grundchemikalien gebraucht.

Ein Kilogramm Tiermehl wird mit dem Verfahren der Hochschule in rund 30 Prozent Rohöl, etwa 40 Prozent Kohle sowie Wasser, Gase und Salze gespalten, wie Stadlbauers Mitarbeiter Sebastian Bojanowski berichtet. "Es ist ein ganz simpler Prozess: Es kommt schlicht darauf an, dass die Moleküle an der richtigen Stelle geknackt werden." Werde statt des Tiermehls solargetrockneter Klärschlamm erhitzt, komme höchstens 15 Prozent Öl heraus - denn einen Teil des übel riechenden Schlamms zersetzen Bakterien bereits in der Kläranlage zu Methangas.

Das Verfahren muss noch verfeinert werden

Das aus Tiermehl gewonnene Rohöl habe zur Zeit die Qualität eines schweren Heizöls, berichtet Stadlbauer. "Unser Ziel ist ein leichtes Heizöl, das die Anforderungen der Mineralölwirtschaft erfüllt. Noch ist es aber zähflüssiger als Heizöl aus der Raffinerie." Doch nur wenn ein hochwertiges Öl weiter verarbeitet werden könne, lohne sich der Kosten- und Energieaufwand, erklärt Bernt Johnke vom Umweltbundesamt in Berlin. "Sonst kann man auch gleich das Tiermehl zur energetischen Nutzung verbrennen - und muss nicht mit überzogener Technikfreudigkeit den teuren Umweg über das Verfahren machen."

Zudem müsse garantiert werden, dass in den Produkten trotz der niedrigen Temperaturen keine Prionen verbleiben, fordert der Experte für Tiermehl-Verbrennung. Zur Vernichtung dieser kleinen, krankhaft veränderten Eiweiße, die für BSE verantwortlich sind, werde Tiermehl normalerweise bei 850 Grad Celsius behandelt.

Methode hat steigende Marktchancen, muss aber gegen Erdöl-Lobby kämpfen

"Das Verfahren klingt wahnsinnig einfach, und es ist auch einfach", lobt dagegen Rainer Schweppe vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie im baden-württembergischen Pfinztal. Ob Spaltprodukte aus Plastikmüll, Klärschlamm oder Tiermehl: Angesichts des gestiegenen Ölpreises hätten solche Methoden steigende Marktchancen. Auch ein Patent zum Erzeugen von Dieselöl und Benzin aus Kunststoffen und Abfallölen liege bereits vor. Doch die Idee müsse sich erst gegen Widerstände der Erdöl-Lobby durchsetzen. "Technisch wäre es schließlich kein Problem, das Öl ins Auto zu kippen."

Auch der "sehr schöne" Gießener Ansatz müsse aber wirtschaftlich arbeiten, erklärt Schweppe. "Beim Tiermehl rechnet sich das nur, wenn man es vom Abfallentsorger bis vors Haus gekarrt bekommt." Weil die Natur bei dem Entsorgungsweg Pate gestanden habe, ist die Gruppe um Stadlbauer von der Effizienz des Verfahrens überzeugt. "Wir ahmen nur nach, wie sich über lange Zeiträume Erdöl- und Kohlelagerstätten gebildet haben", sagt Projektmitarbeiter Andreas Frank.

Julia Ranniko

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker