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Aktuelle Geomar-Studie: Fischsiegel sind unzuverlässig

Um nachhaltig Fisch einzukaufen, verlassen sich Verbraucher auf Gütesiegel. Was sie taugen, hat das Kieler Geomar-Institut untersucht. Die Wissenschaftler kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

Überfischte Meere, rabiates Ausräubern von schrumpfenden Beständen wie Seelachs, Makrelen oder Thunfisch - Verbraucher, die das nicht unterstützen wollen, greifen beim Fischkauf oft zu Produkten mit den Gütesiegeln MSC oder FOS. MSC steht für "Marine Stewardship Council", FOS ist die Abkürzung für "Friend of the Sea". Beide Zertifikate versprechen, dass die Tierbestände von der Fischerei schonend behandelt werden. "Leider kann man sich auf die Label nicht verlassen", sagte der Fischereibiologe Rainer Froese vom Geomar-Institut für Ozeanforschung in Kiel. Dennoch rät er zum Kauf von Produkten mit MSC- und FOS-Siegel.

Das Institut hatte für eine Studie rund hundert MSC-zertifizierte Bestände und rund dreißig FOS-zertifizierte Bestände überprüft. "Wir haben uns angeguckt, wie groß der Bestand ist und wie stark er befischt wird", sagte Froese. Nur etwa die Hälfte der MSC-zertifizierten Produkte stamme aus nachweislich gesunden Beständen und sei nicht zu oft und zu stark befischt worden. "Etwa ein Drittel der zertifizierten Fischbestände war zu klein und wurde gleichzeitig zu hart befischt, so dass sich die Bestände nicht erholen können und schrumpfen. Die übrigen Bestände waren entweder zu klein, oder zu hart befischt, oder es lagen keine belastbaren Informationen vor", sagte Froese.

Vergabekriterien in der Kritik

Die Kritik zeigt dem Wissenschaftler zufolge Wirkung: MSC und FOS sei die Studie vorab zugänglich gemacht worden. FOS habe daraufhin drei Beständen sein Siegel entzogen, MSC habe die Zertifizierung von vier Beständen vorübergehend ausgesetzt.

Für Verbraucher sind solche Nachrichten dennoch ernüchternd. Lohnt es sich, beim Fischkauf noch auf die Gütesiegel achten? "Ja", sagt Froese. "Weil trotz aller Fehler der Anteil gesunder Bestände hier höher ist als bei nicht-zertifizierter Ware." MSC-Deutschland war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Dass der MSC bei der Studie so schlecht abschneidet, hat Froese zufolge mehrere Gründe: "Wie es dem Fischbestand eigentlich geht, wird bei der Vergabe zu schwach bewertet. Das fließt nur zu rund acht Prozent ein, sonst geht es vor allem um Verwaltung und ähnliches." Außerdem vergebe nicht der MSC selbst das Siegel, sondern überlasse das unabhängigen Firmen. "Diese Firmen werden oft von den Fischereien bezahlt und haben ein Interesse daran, dass ihre Klienten das Siegel bekommen, auch wenn der Bestand tatsächlich überfischt ist", kritisierte Froese.

Siegel muss auch entzogen werden

Für die FOS-zertifizerten Produkte hätten oft zu wenig belastbare Informationen vorgelegen, um überhaupt eine Aussage treffen zu können, sagte der Experte. Er forderte: "Die Zertifizierer müssen ihre Kriterien verschärfen und dann auch einhalten. Überfischten Beständen muss das Siegel entzogen werden." Als Beispiel nannte Froese Seelachs aus der Nordsee: "Nach der Zertifizierung schrumpfte der Bestand unter immer stärkerer Befischung. Jetzt ist die Grenze zum Zusammenbruch erreicht, das MSC-Siegel soll aber nicht entzogen werden."

Die Kritik an dem MSC-Siegel ist nicht neu. Bereits 2010 hatten Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature" kritisiert, dass Fischbetriebe das Siegel erhielten, die nicht nachhaltig arbeiten.

lea/DPA / DPA
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