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Aquarien: Ozeane für Landratten

Großraumaquarien faszinieren weltweit die Menschen - und weisen darauf hin, wie schön und gefährdet der Lebensraum der Meere ist. Der stern hat die aufwändigsten Anlagen besucht.

Von Ute Eberle

Der Anblick ist überwältigend: 18,50 Meter in der Breite und 7 Meter in der Höhe misst die Panoramascheibe des Ocean-Voyager-Beckens im Georgia Aquarium. 130 Quadratmeter Durchsichtigkeit, die Wohnfläche eines ansehnlichen Apartments. Und dahinter: Tausende von Fischen. Ein paar Dutzend Rochen ziehen vorbei, die Ränder ihrer flachen Leiber auf- und ab- schwingend, wie ein Vogelschwarm in Zeitlupe. Ein Riesenzackenbarsch baut sich vor der Scheibe auf und späht scheinbar kritisch auf ein Grüppchen Vorschüler, die mit aufgerissenen Augen zurückstarren. Schwärme leuchtend gelber Fischchen wirbeln durch das Wasser wie Herbstlaub, durch das der Wind stiebt. Ein Sägefisch kreist durch das lichtgetüpfelte Blau.

Viel zu gucken also. Doch die Frau mit der roten Baseballmütze beschäftigt etwas anderes. "Sagen Sie", wendet sie sich beunruhigt an den jungen Freiwilligen, der alle paar Minuten einen Vortrag über das Becken und seine Fische hält, "sind Sie sicher, dass das Glas nicht brechen kann?" Ist er. Schließlich ist das Beckenfenster gut 60 Zentimeter dick, so massiv wie eine Festungsmauer. Und es besteht auch gar nicht aus Glas, sondern aus Kunststoff, der bis zu 17-mal stärker ist. Aber die Sorge ist verständlich. Befinden sich doch hinter der Scheibe gut 23 Millionen Liter Wasser - mehr, als der Laie gewöhnlich zu sehen bekommt, zumal in einer Binnenstadt wie Atlanta, 400 Kilometer von der amerikanischen Ostküste entfernt. Über 80.000 Fische schwimmen im Ocean-Voyager-Becken - das sind 20-mal mehr, als etwa das Sea Life Centre Berlin insgesamt besitzt.

680 Tonnen Salz für ein Aquarium

Allein um das Wasser auf den gewünschten Salzgehalt zu bringen, sind 680 Tonnen Salz nötig. Und Ocean Voyager ist nur eines von 60 Habitaten im Georgia Aquarium. In den anderen Flügeln kann der Besucher Quallen bewundern oder Otter beim Spielen beobachten, sich vor Piranhas gruseln oder elf Japanische Riesenkrabben bestaunen, die ausgewachsen so groß sind wie ein Auto und bis zu 100 Jahre alt werden. Insgesamt leben 120.000 Fische und andere Tiere - von Seegurken bis zu Seelöwen - in den Becken und Gehegen.

Damit ist das erst gut ein Jahr alte Aquarium das größte in der Welt - und die Krönung einer fulminanten Serie von Neueröffnungen, die sich seit einigen Jahren rund um den Globus beobachten lässt. Aquarien sind "in". Sie entsprechen dem modernen Hang zum "Edutainment", dem Verlangen, Vergnügen und Lernen zu kombinieren. Gleichzeitig stillen sie die Sehnsucht des Menschen nach dem Exotischen, denn die Meereswelt ist trotz aller Forschungsfortschritte noch voller Geheimnisse. "Sie fesselt die Vorstellungskraft", sagt Jürgen Lange, Chef des Berliner Zoos und Aquariums und Präsident der Europäischen Union der Aquariumskuratoren (EUAC). Filme wie "Findet Nemo" oder die BBC-Dokumentation "Deep Blue" heizten die Begeisterung weiter an.

Immer spektakulärere Ausstellungen

Das macht Aquarien zu einer Art neuem Statussymbol für Städte. Seit 1990 haben weltweit mindestens 125 reine Aquarien neu eröffnet, hat Peter Dollinger, Direktor des Weltverbands der Zoos und Aquarien (Waza), gezählt. Darunter 2003 das größte Aquarium Europas, das Oceanogràfic in Valencia, 1998 das Oceánario in Lissabon und allein in Deutschland neun Sea-Life-Zentren. Und immer spektakulärer, immer ausgefallener werden die Wasserausstellungen. In Valencia und in Atlanta laufen die Besucher durch Unterwassertunnel, die es ihnen erlauben, die Fische aus einer Perspektive zu betrachten, die gewöhnlich Tauchern vorbehalten ist. Im Berliner Aquadom fahren sie in einem Aufzug minutenlang durch einen Plastikturm, der mit einer Million Liter Seewasser und 1500 Fischen bestückt ist.

Möglich wird dies, weil der Kunststoff, aus dem die modernen Becken gefertigt sind, sich in verschiedensten Formen fast nahtlos zu Panoramascheiben zusammenkleben lässt. Das weltweit größte Beckenfenster befindet sich im japanischen Okinawa Churaumi Aquarium: Mit einer Breite von 22,50 Metern und einer Höhe von 8,20 Metern ist es noch ein wenig imposanter als das von Atlanta. Verstärkt wird der Zauber der Fischkinos oft noch durch sanfte Musik, stimmungsvolle Beleuchtung und fantasievolle Kulissen aus künstlichen Felsen oder versunkenen Booten. "Disneyworlds für Fische", nennt EUAC-Präsident Lange diese Unterwassererlebniswelten.

Mit 18 Metern Länge die gröten Fische der Welt

Große Becken erlauben Aquariumsbetreibern ganz grundsätzlich zweierlei: Sie können viele Fische auf einmal zeigen, und sie können große Fische zeigen. Im Okinawa Churaumi Aquarium leben unter anderem mehrere Mantarochen, deren Spannweite mehr als sieben Meter erreichen kann, sowie drei Walhaie - mit einer Körperlänge von bis zu 18 Metern die größten Fische der Welt. Das Georgia Aquarium besitzt davon sogar vier.

Doch riesige Meerestiere sind längst auch in Europa angekommen. Zur Stoßzeit am frühen Nachmittag sammeln sich im Oceanogràfic in Valencia dicke Menschentrauben in einer Halle, deren Decke so weiß und gewölbt ist wie die eines Iglus. In mächtigen Becken schwimmen hier Kairo und Yulka, die einzigen Belugawale in Europa. Belugas sind weiße, bis zu 1,5 Tonnen schwere Meeressäuger, die in den eisigen Gewässern der Arktik und Subarktik zu Hause sind. Das Oceanogràfic übernahm sie von einem Wasserpark in Argentinien, der nicht adäquat für sie sorgen konnte.

Algensaugen unter erschwerten Bedingungen

Die Besucher wedeln mit Wasserflaschen oder den im Souvenirshop erstandenen Plüschfischen, um die Aufmerksamkeit der Wale zu erregen. Doch Yulka - mit acht Jahren noch ein Teenager - ist anderweitig gefesselt. Neugierig beäugt sie einen der 300 Mitarbeiter des Aquariums, der eben in einem schwarzen Neoprenanzug in ihr Becken gestiegen ist, um es zu reinigen. Immer wieder stupst sie ihn mit der Schnauze an oder zieht spielerisch an dem Schlauch der Maschine, mit der er die Algen von den Wänden saugt; der Taucher muss sich regelrecht dagegenstemmen, um nicht fortgezogen zu werden. "Schau mal", ruft ein blond bezopftes Mädchen. "Der Fisch ist ein Freund von dem Mann."

Das tägliche Reinigen der Becken ist nur ein geringer Teil des Aufwands, der in Aquarien betrieben wird, um die Bewohner am Leben zu erhalten. Abseits der freundlich gestalteten Besucherpfade eilt Eduardo Sanchez durch einen dämmrigen Gang mit wasserfleckigem Betonboden, das Walkie-Talkie griffbereit am Gürtel. Eduardo ist ein Kaugummi kauender, gut gelaunter Mann, einer von zwei Leitern des technischen Teams, die das Oceanogràfic rund um die Uhr betreuen. Seine Welt besteht aus einem Labyrinth fensterloser Hallen, in denen die Luft stickig ist und Kondenswasser von salzverkrusteten Rohren tropft. Alle zwei Stunden kontrollieren er oder einer seiner Kollegen sämtliche Komponenten der Pumpen, die täglich 1200 Kubikmeter Wasser durch diverse Filter schleusen, in denen Stoffwechselabfälle herausgefangen werden und Sauerstoff zugeführt wird. Auch die Stromversorgung behalten die Ingenieure scharf im Blick. Im August, wenn das Oceanogràfic bis Mitternacht geöffnet ist und neben der Klimaanlage, den Kühlanlagen für das Becken der Belugas und den Pumpen auch alle Lichter eingeschaltet sind, verbraucht das Aquarium manchmal so viel Elektrizität wie 4000 Haushalte. Für den Fall eines Stromausfalls hält das Aquarium eigene Generatoren parat. "Die Tiere können nicht warten, das ist immer das Problem", sagt Eduardo.

Delfine sind anfällig für Magengeschwüre

Das Oceanogràfic pumpt sein Wasser über eine sechs Kilometer lange Pipeline direkt aus dem Meer. Die Wasserqualität aller Becken wird täglich im hauseigenen Labor überprüft. Es ist Teil der marinebiologischen Veterinärstation, der größten in Europa. Sie ist ausgestattet mit Röntgenapparat, Ultraschallgerät und Endoskopieanlage, mit der die Tierärzte regelmäßig in die Mägen der Delfine und Belugas spähen. "Delfine sind anfällig für Magengeschwüre", erklärt Tierarzt Daniel García.

Auch um verletzte Fische kümmern sich die Ärzte, notfalls im eigens dafür eingerichteten Operationssaal. Zwar repräsentieren selbst die Megabecken der Großaquarien noch kein vollständiges Ökosystem - "Dinge wie die Meeresströmung oder die Vertikalschichtung des Lebensraums lassen sich einfach nicht nachbilden", sagt Lange - doch für simple Räuber-Beute-Beziehungen reicht es: In einem schlichten Plastikbecken in der Quarantänestation des Oceanogràfics kreist ein Rochen. Seine rechte Körperhälfte ist teilweise zerfetzt, das Fleisch dumpfrot, dort, wo ihn ein Hai angefallen hat. "Zum Glück heilen Rochen schnell", sagt einer der Pfleger.

Qualitätsansprüche wie im Restaurant

Futtermangel dürfte nicht der Grund für die Hai-Attacke gewesen sein. Zu essen gibt es reichlich - und nur das Beste: Die Muscheln, Tintenfische, Shrimps, Heringe und anderen Meerestiere, die in Großaquarien verfüttert werden, sind in der Regel so hochwertig, dass sie auch in Restaurants serviert werden könnten. Schon eine winzige Macke in der Haut kann Grund genug sein, einen ganzen Futterfisch auszusortieren - es könnten sich Bakterien eingenistet haben. "Wir arbeiten nach der Regel: Im Zweifelsfall weg damit", sagt Timothy Binder, leitender Tierpfleger des Georgia Aquariums. Gut 900 Kilo Fisch verfüttern seine Mitarbeiter jeden Tag. Und etwa 45 Kilo werfen sie weg.

Das geht ins Geld. In der Fischküche des Florida Aquariums, einer mittelgroßen Einrichtung in Tampa, hängt zwischen den blanken Stahltresen und den Haltern mit den scharfen Messern eine Liste der Futterkosten, 82.000 Dollar im Jahr. In einem Mega-Aquarium wie dem in Atlanta deckt diese Summe gerade einmal den Bedarf für einen Tag.

Dass Grossaquarien diesen Aufwand lohnen, liegt an ihrer Publikumswirkung. Jährlich besuchen laut Waza-Informationen mindestens 200 Millionen Menschen ein Aquarium. Und: Es kommen überdurchschnittlich viele 30- bis 44-Jährige mit gutem Einkommen, denen das Geld oft locker sitzt. Häufig entstehen um Aquarien herum beachtliche Ansammlungen von Restaurants und Läden. Vor der Eröffnung des Georgia Aquariums schätzte eine Studie, dass der Aquazoo der regionalen Wirtschaft im ersten Jahr 2951 Jobs und 175 Millionen Dollar einbringen würde und durchschnittlich 91 Millionen Dollar in jedem weiteren Jahr. Ersten Zahlen zufolge werden diese Erwartungen möglicherweise noch übertroffen: Statt der erhofften zwei Millionen Besucher kamen im ersten Jahr 3,6 Millionen.

Aquarien entstehen in Problemvierteln

Gern werden Großaquarien deshalb in sanierungsbedürftigen Stadtvierteln gebaut. Wo heute das Oceanogràfic als Teil der "Ciutat de les Arts i de les Ciències" - Stadt der Kunst und Wissenschaft - prangt, war früher ein trockengelegtes Flussbett, das die Menschen mieden. "Die Gegend war nicht sehr sicher. Kaum jemand ging freiwillig dorthin", sagt Aquariumssprecherin Patricia Picó. Heute ist das Viertel so attraktiv, dass Papst Benedikt XVI. bei seinem Antrittsbesuch in Spanien im Juli vergangenen Jahres hier eine Freiluftmesse abhielt. Hotels haben sich angesiedelt, Restaurants eröffnet. Und wenn die Delfine bei den täglichen Shows ihre Saltos weit in die Luft schlagen, liefern nagelneue Apartmenthäuser die Kulisse.

Hier wie anderswo wird sich manch einer der vielen Besucher aber wohl auch fragen: Muss man sich schlecht fühlen, wenn man ein Mega-Aquarium besucht? Und dort nicht nur Clownfische oder Quallen betrachtet, sondern immer öfter auch erwiesen intelligente Tiere wie Riesenkraken und Belugas? "Das Halten von großen Meeressäugern ist für mich am meisten konfliktbeladen", gibt Francisco Torner zu, zuständig für das Management des Oceanogràfic. "Wenn mich jemand fragt, finde ich natürlich, dass ein Beluga im Meer besser aufgehoben ist."Torner tröstet sich damit, dass das Zurschaustellen solcher Tiere einem guten Zweck dient. "Es ist nicht dasselbe, ob man einen Delfin in einem Dokumentarfilm sieht oder in echt", sagt Torner. "Nur Letzteres erlaubt eine emotionale Reaktion, die einen dann auch eher bereit macht, sich für den Schutz der Meere zu engagieren."

Umweltfrevel haben weitreichende Folgen

Den Besuchern die Gefährdung der marinen Welt vor Augen führen - das wollen viele Großaquarien. In Lissabon ist der Bau des Ozeanariums so gestaltet, dass er zum Nachdenken anregt. Vier Meereshabitate - Atlantik, Antarktik, Pazifik und Indischer Ozean - wurden so um einen zentralen Tank gruppiert, dass das Publikum stellenweise durch mehrere Becken gleichzeitig blickt. So scheint sich ein Lebensraum mit dem anderen zu vermischen, jeder Fisch im selben Wasser zu schwimmen. Die Besucher sollen die Idee mit nach Hause nehmen, dass alle Meere zusammenhängen. Dass jeder Umweltfrevel weitreichende Folgen haben kann. Im Oceanogràfic in Valencia hängt direkt neben dem populären Unterwassertunnel ein Foto. Es zeigt Henderson Island, eine unbewohnte Insel im Südpazifik. Obwohl sie 4500 Kilometer von der nächsten großen Landmasse entfernt liegt, ist der Strand übersät mit Autoreifen, Konservendosen und zerbrochenem Plastik. "Genießen Sie den Anblick des Mülls, den wir ins Meer schmeißen - und wie großzügig es uns alles zurückgibt", lautet der sarkastische Kommentar. Allerdings: Kaum ein Besucher nimmt sich die paar Sekunden, Bild und Text zu studieren. Auch bedienen sich die meisten Aquarien zumindest gelegentlich selbst aus dem Meer, um die eigenen Becken aufzufüllen. Obwohl vielerorts Zuchtprogramme laufen und die Aquarien untereinander tauschen, reicht dies noch lange nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Trotzdem sei ihr Engagement mehr als ein Feigenblatt, sagen Aquariumsbetreiber. Viele packen beim Meeresschutz mit an; schicken Taucher, um den Seeboden zu entmüllen, pflegen durch Schiffsschrauben verletzte Schildkröten, klären über bedrohte Arten auf oder entwickeln Ratgeber für verantwortungsbewussten Fischkonsum. Und jedes Jahr werden unzählige Schulklassen in die Aquarien eingeladen - Hoffnung auf die nächste Generation. Solche Gedanken scheinen auch Greenpeace zu bewegen. Die Umwelttruppe kooperierte jahrelang mit verschiedenen deutschen Sea-Life-Zentren.

Ahnt die Beluga-Dame Yulka, wie sehr ihre Artgenossen den Menschen als Verbündeten brauchen? Immer wieder schwimmt sie an jenem Nachmittag in Valencia zu dem Taucher, der ihr Becken reinigt, schmiegt sich an ihn und reißt ihr Maul auf, als wollte sie ihm etwas erzählen. Die Besucher sind hingerissen. Kameras surren, und Handys werden für Fotos gezückt. Es ist, als hätte der Meeressäuger Torners Leitmotto verinnerlicht: "Man muss die Tiere zu Botschaftern der Meere machen."

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