Artenvielfalt Der Samen-Bunker

Bis Ende 2008 will die norwegische Regierung eine Arche Noah für die Samen der Welt errichten. In einer alten Mine entsteht ein Archiv mit Millionen verschiedenen Pflanzensamen - sie sollen dort auch einen Atomkrieg überdauern können.
Von Matthias Lauerer

Zunächst war es nur eine Frage, die jahrelang in den Schubladen der norwegischen Regierung gelegen hatte: Was tun, wenn der Genpool und der Artenreichtum der Welt einmal ernsthaft in Gefahr geriete? Ausgelöst durch einen nuklearen Krieg oder den Einschlag eines Asteroiden wäre es möglich, dass diese Vielfalt für immer verloren ginge. Wo ließen sich solche wertvolle Informationen also langfristig und sicher lagern?

Die Lösung: eine alte Kohlemine in Spitzbergen. Dort sollen, wenn alles reibungslos verläuft, bis zu drei Millionen Saatgutproben von Pflanzen eingelagert werden - im "Svalbard International Seed Vault". Der Clou: Die Umgebungstemperatur in der ehemaligen Mine beträgt zwischen minus vier und minus sieben Grad. Zudem werden die Proben in dem 120 Meter langen Tunnel wasserdicht verschweißt eingelagert. Auch an einen möglichen Anstieg des Meeresspiegels hat man dort gedacht: Der Tunnel-Eingang liegt in 130 Meter Höhe über dem Meeresspiegel.

"Tresor des jüngsten Gerichts"

Nur einmal pro Jahr soll ein Wissenschaftler die Anlage auf ihre Intaktheit überprüfen. So will man gewährleisten, dass dem wertvollen Saatgut über Jahrzehnte nichts geschieht. Auch der Eingang ist symbolträchtig gestaltet und wird, je nach Lichteinfall, unterschiedlich aufleuchten. Oder wie es der zuständige Projektleiter Magnus Bredeli Tveiten bereits im Februar 2007 dem Medium "Al Jazeera English" malerisch beschrieb: "In der Mitternachtssonne wird er aussehen wie ein großer Diamant und im Winter wird er in der Dunkelheit leuchten."

Die Bauarbeiten der auch als "Tresor des jüngsten Gerichts" titulierten modernen Arche begannen medienwirksam im April 2007. Gebaut wird auf einer Insel, die knapp 1000 Kilometer nördlich des norwegischen Festlands liegt. Bereits im Spätsommer 2008 werden sie ersten Samen deponiert.

Mais, Reis und Weizen im Bunker

Die norwegische Regierung kommt für die Baukosten in Höhe von fünf Millionen US-Dollar auf. Interessant ist auch der spätere Betreiber der Anlage: Der "Global Crop Diversity Trust", übersetzt der Globale Fonds für die Nutzpflanzenvielfalt, gründete sich 2004. Hinter ihm stecken die Welternährungs-Organisation und das Internationale Institut für Pflanzengenetische Ressourcen. Deutschland steuerte seit dem vergangenen Jahr jährlich 1,5 Millionen Euro bei und will dieses Projekt bis zu einer Gesamtsumme von 7,5 Millionen Euro 2010 auch noch weiterhin sponsern. Zu den anderen Geberländern zählen unter anderem Australien und Brasilien.

Und was kommt in den Bunker? Zunächst die 21 häufigsten Nutzpflanzen der Erde, also beispielsweise Mais, Reis und Weizen. Allein von den "glorreichen 21" gibt es 165.000 Variationen. Weiter will man möglichst viele andere Pflanzensamen sammeln und aufbewahren.

Wider Naturkatastrophen und Gentechnik

Sorgen machen sich die Forscher aus zweierlei Hinsicht um den Pflanzen-Genpool der Erde. Zum einen sind die existierenden Sammelstellen ständig gefährlichen Unwägbarkeiten ausgesetzt. So vernichtete der Krieg im Irak die alte Sammelstelle in Abu Ghraib. Und auf den Philippinen raste ein Taifun Mitte September 2006 durch die wertvolle Reis-Sammlung. Schlammmassen begruben dort die Schätze.

Zum anderen verändert sich der Gen-Pool durch den Einsatz genetisch veränderten Samen und Pflanzen. In Mexiko gab es laut Informationen von Greenpeace bereits eine Verseuchung herkömmlicher Maissorten: "Mehr als 95 Prozent der Maisfelder in den Bundesstaaten Oaxaca und Pueblo zeigten eindeutige Anzeichen einer Verseuchung durch transgene Pflanzen." Greenpeace beruft sich dabei auf eine mexikanische Regierungsstudie. Spannend daran: Noch ist völlig unklar, wie der gentechnisch veränderte Mais ins Land kam. Denn der Anbau ist dort bereits seit neun Jahren verboten.

Nachbestellungen nicht möglich

Diese weltweit einsetzende Veränderung will man mit dem Projekt beeinflussen und den Ist-Zustand bewahren. Im Rahmen des Projekts schaffen die Initiatoren auch eine weltweit einsehbare Datenbank, die mit den bis zu 1500 kleinen weltweit verstreuten Datenbanken so verlinkt ist, dass deren Lager später virtuell einsehbar wird.

Auch in Deutschland gibt es eine dieser Sammelstellen: Im sachsen-anhaltinischen Gatersleben kümmert sich die Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik (IPL) und Kulturpflanzenforschung darum, dass alte Sorten nicht verloren gehen. Das IPL verfügt über mehr als 140.000 Samen von Kulturpflanzen-Arten und Wildarten. Hier dürfen Wissenschaftler und Züchter auch Samen nachbestellen. Bei der Lagerstätte in Spitzbergen wird dies nicht möglich sein - schließlich geht es um nichts weniger als um die Bewahrung der Artenvielfalt bis zum Tag des jüngsten Gerichts.


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