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Beben in China: Tiere als Erdbeben-Detektoren?

Können Tiere eine nahende Katastrophe spüren - und durch ihr Verhalten davor warnen? Nach dem Beben in China wird diskutiert, ob das Auftauchen Tausender Kröten in der Stadt Mianzhu ein Warnzeichen war, das die Behörden missachtet haben.

Ein Teich, dessen Wasserspiegel urplötzlich deutlich sinkt, tausende Kröten auf den Straßen, nervöses Verhalten von Zootieren: Nach dem verheerenden Erdbeben in China mit möglicherweise zehntausenden Toten fragen zahlreiche Menschen in Internetforen, warum die Behörden auf solche Zeichen der Natur nicht reagiert haben. Wenn die Seismologen professionell genug gehandelt hätten, dann hätten das Beben korrekt vorhersagen können, meint ein Kommentator.

Experten weisen solche Kritik zurück: In mehreren Ländern habe man bereits versucht, Veränderungen in der Natur als Hinweise auf eine drohende Katastrophe zu deuten. Bislang gebe es aber keine verlässliche Methode, Tiere als Warnsysteme vor Erdbeben einzusetzen, sagt der britische Seismologe Roger Musson. Die Diskussionen und Gerüchte im Internet bleiben von solchen Aussagen unbeeindruckt. Selbst die Zeitung "China Daily" stellte die Frage, warum die Regierung nicht vor der Erdbebenkatastrophe gewarnt habe.

Erste Anzeichen schon vor drei Wochen?

Das erste Anzeichen gab es Medienberichten zufolge bereits vor rund drei Wochen: Aus einem Teich in Enshi in der Provinz Hubei verschwand plötzlich eine große Menge Wasser. Die Stadt liegt rund 560 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Drei Tage vor dem Erdstoß tauchten in den Straßen von Mianzhu mehrere tausend Kröten auf - in dieser Stadt starben mehr als 2000 Menschen durch das Beben. Die Einwohner sorgten sich, die Kröten könnten auf eine drohende Naturkatastrophe hindeuten, doch das Amt für Forstwirtschaft habe das Ereigniss als völlig normal bezeichnet, schrieb die Zeitung "Huaxi Metropolitan" am 10. Mai, zwei Tage vor dem Beben.

Am 12. Mai, als sich das Erdbeben der Stärke 7,9 ereignete, wurde der Zeitung "Wuhan Evening Paper" zufolge bei Zootieren ein ungewöhnliches Verhalten beobachtet: Zebras schlugen ihre Köpfe gegen die Tür ihres Geheges, Elefanten schwenkten wild den Rüssel. Die rund 20 Löwen und Tiger, die sonst üblicherweise einen Mittagsschlaf halten, liefen unruhig umher. Wenige Minuten vor dem Erdstoß hätten Dutzende Pfaue zu kreischen begonnen, berichtete das Blatt weiter.

Was die Tiere bemerken

Mitarbeiter des Tiergartens erklärten, das Verhalten der Tiere deute möglicherweise auf ein Erdbeben hin. Wuhan liegt etwa 1000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Es gebe mehrere Gründe für die Beobachtungen im Zoo, sagt der Seismologe Musson. Der wahrscheinlichste: Die Bewegung unterirdischen Gesteins vor dem Beben hat elektrische Signale zur Folge, die einige Tiere spüren können. Eine andere Theorie: Manche Tiere können schwache, für Menschen nicht erkennbare Erschütterungen vor einem Erdstoß fühlen. Zhang Xiadong vom Chinesischen Seismologischen Büro erklärt, in den vergangenen 20 Jahren seien mehrfach Veränderungen in der Natur als mögliche Hinweise auf Erdbeben genau beobachtet worden. Die Zusammenhänge seien jedoch "ziemlich vage".

Im Winter 1975 ordneten die Behörden nach Berichten über ungewöhnliches Verhalten von Tieren die Evakuierung der Stadt Haicheng in der nordöstlichen Provinz Liaoning an - einen Tag später kam es zu einem Erdbeben der Stärke 7,3. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme kamen mehr als 2000 Menschen ums Leben. Ein Jahr später wurden vor einem Beben der Stärke 7,6 in Tangshan im Nordwesten des Landes keine Warnungen veröffentlicht, die Folge: 240.000 Todesopfer. In der Region seien zuvor ebenfalls ungewöhnliche Naturphänomene beobachtet worden, sagt der Experte Musson, darunter Veränderungen beim Pegelstand von Brunnen. Ein Team von Seismologen, das in der Region arbeitete, kam aber zu dem Schluss, dass es keine Hinweise auf ein drohendes Erdbeben gebe. In der Stadt Tangshan, wo die Gruppe über Nacht einkehrte, wurden die Experten dann bei dem Beben verschüttet und getötet.

Henry Sanderson/AP / AP
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