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Bienenforschung: Mr. Biens Welt

Bienen sind ein Triumph der Evolution: Seit 40 Millionen Jahren gründen sie Staaten, produzieren Honig, züchten kontrolliert Nachwuchs heran - alles für Königin und Kollektiv. Jürgen Tautz, Deutschlands renommiertester Bienenforscher, hat sein Leben diesen Superinsekten gewidmet.

Von Jens Lubbadeh

Wie stellt man sich den typischen Professor vor? Spätestens seit Albert Einstein so: weiße zerzauselte Haare, Vollbart, Brille, Hemd und ein wenig verschroben. Das ist Jürgen Tautz - nur hat er wesentlich mehr Humor als seine Kollegen. Denn er ist "Mr. Bien". Tautz lacht, als er gefragt wird, ob er, Deutschlands führender Bienenforscher, schon einmal so genannt wurde: "Nein, aber Rowan Atkinson als Schirmherren für die BEEgroup zu gewinnen, das wär' gar keine schlechte Idee".

Die BEEgroup - so nennt Tautz seine Forschungsgruppe, die einen Triumph der Evolution erforscht, den es schon seit 40 Millionen Jahren auf der Erde gibt: die Honigbiene, wissenschaftlich Apis mellifera genannt.

Es muss Liebe sein. Liebe zu einem Superorganismus, denn die meisten Biologen sehen staatenbildende Insekten als ein Kollektiv, das handelt wie ein einziger Organismus. Nur dass die Zellen eben aus Termiten, Ameisen oder Bienen bestehen. Superorganismen sind einmalig in der Natur, denn sie tun etwas, das auch wir Menschen tun - nur waren sie uns damit schon um Millionen Jahre voraus: Staaten gründen.

Ein Verein für die Bienen

"Wussten Sie, dass die Pharaonen der vereinigten Reiche Ägyptens den Ehrentitel 'der Bien' trugen? Und auch für Napoleon war die Biene persönlicher Symbolträger, mit der er seinen Kaisermantel besticken ließ." Wie der legendäre Feldherr trägt auch Tautz die Biene in seinem Wappen: Seit 2004 gibt es die Bienenforschung Würzburg e.V. Damit ist Jürgen Tautz wohl der erste deutsche Wissenschaftler, der einen Verein für seine Forschungsobjekte gegründet hat. Und mit Sicherheit ist es auch der erste und einzige Verein überhaupt, der sich der "Förderung der Forschung an der Honigbiene", der "Vermittlung des Wissens um die Honigbiene" und der "Vernetzung der internationalen Gemeinschaft der Bienenforschung" verschrieben hat, wie es in den Vereinsstatuten heißt.

Um diese Superinsekten zu erforschen, aber auch aus der Notwendigkeit heraus, einer oft schwerfälligen Bürokratie entgehen zu können, ist Tautz bereit, mit seinem Verein unkonventionelle Wege zu beschreiten und Sponsorengelder für seine Forschung zu akquirieren. Somit hat er nicht nur äußerlich etwas einsteineskes - auch die Unkonventionalität und die Abneigung gegen jeglichen Muff teilt er mit dem großen Physiker.

"Wussten Sie, dass die Honigbiene auch das einzige Tier ist, das im Koran positiv erwähnt wird? Und auch etliche Päpste führten die Honigbiene in ihrem Wappen." Jürgen Tautz lächelt ein wenig durch seinen weißen Bart, während er das sagt. Wissenschaft und Geschichte, Menschen und Bienen - Tautz springt zwischen den Welten hin und her, wenn er anfängt von seinen Bienen zu reden. Von Haus aus eigentlich Biologe, kennt er auch die Kulturgeschichte seiner Bienen sehr gut. Grenzen verschwimmen hier, das zeigt nicht nur der Verein, es ist auch bezeichnend für den Stil des gemütlichen Bienenforschungszentrums, ein ehemaliges Wohnhaus nahe Würzburg, in dem Tautz mit seiner Gruppe residiert.

Hier gibt es keine abgekapselte Welt der Wissenschaftler, wie man sie so oft erlebt in den Elfenbeintürmen deutscher Universitäten. "Die Universität lebt noch immer in großen Teilen in einer Scheinwelt", sagt Tautz. "Mit dem realen Leben hat sie oft nicht viel zu tun." Er kennt keine Berührungsängste, tritt an große Firmen heran, um sie als Sponsoren zu gewinnen. Nicht aus Geldgier, sondern um seine Doktoranden zu finanzieren. Sein jüngster Coup ist ein Kurztrailer, den er produziert und der vor dem "Bee-Movie" laufen soll, einem Animations-Film im Stile von "Findet Nemo", der um die Weihnachtszeit in die deutschen Kinos kommt. Ungewöhnliche Projekte für einen ungewöhnlichen Professor.

Ohne Bienen keine Landwirtschaft

Bienen sind uns näher, als wir glauben. Nicht nur gründen sie Staaten wie wir - sie scheinen auch tugendhaft zu sein: fleißig, nützlich, selbstlos und treu. Die Biene ist das drittwichtigste Nutztier des Menschen. Ohne ihre Bestäubungsaktivität keine Landwirtschaft. Ohne Landwirtschaft kein Übergang zur Sesshaftigkeit. Und ohne Sesshaftigkeit keine Städte. Kurzum: Ohne die Hilfe der Biene wären wir Menschen wohl nie zu Staatsgründern geworden.

Tautz kann von Glück reden, dass er nicht an Spinnen forscht, sondern an solchen Sympathieträgern. Das erleichtert ihm die Sponsoren-Akquise. Doch der Schein trügt. Bienen sind nur auf den ersten Blick ein fleißiges und selbstloses Schwesternvolk, das nur für seine Königin lebt und Honig produziert. Ein Bienenstock, erläutert Tautz, das ist eigentlich ein perfekt organisierter Überwachungsstaat, der über ein Heer von willenlosen Arbeitsrobotern verfügt und sich eine eigene kontrollierte Umwelt schafft. Und so benutzt Tautz, obwohl seinen Schützlingen emotional verbandelt, gerne so technische Ausdrücke wie "Organisation von Materie und Energie in Raum und Zeit", "Kontrolle", "Züchtung", "Superorganismus" und "potenzielle Unsterblichkeit", wenn er von seinen Bienen redet.

Honig ist das Erdöl der Bienen

Das nächste, was uns Menschen mit den Bienen verbindet, ist die bedingungslose Abhängigkeit von Energie: Was für unsere Zivilisation das Erdöl, ist für den Bienenstaat der Honig. Nur sind Bienen dabei umweltfreundlich: Ihr "braunes Gold" stammt aus Blütennektar und dieser wiederum ist kondensierte Sonnenenergie. Nicht fossil und unwiederbringlich zerstört, sondern stets neu erzeugt. Honig ist der Brennstoff, der alles in Gang hält. Mit ihm wird der Stock geheizt. Und das auf reichlich befremdliche Weise: Speziell eingeteilte "Heizerbienen" werden mit Honig abgefüllt und tun nichts anderes, als permanent mit Flugmuskelvibrationen Wärme zu erzeugen - als lebende Heizung. Und all das nur, um immer wieder neue Arbeiterbienen auszubrüten, auch im Winter, wenn andere honiglose Fluginsekten-Staaten wie Wespen, Hornissen und Hummeln komplett bis auf ihre Königinnen zugrunde gehen.

Man mag darüber streiten, ob die Biene sich hierzulande besonderer Beliebtheit erfreut, weil sie vermeintlich typisch deutsche Tugenden verkörpert. Unzweifelhaft aber ist, dass die Bienenforschung in Deutschland auf eine große Tradition zurückblickt. Einer der größten deutschsprachigen Bienen- und Verhaltensforscher, der Österreicher Karl von Frisch, verdankt den Bienen seinen Nobelpreis. Er hatte unter anderem das Geheimnis ihres Schwänzeltanzes enträtselt, ein Kommunikationsinstrument, mit dem Arbeiterbienen ihren Kolleginnen Lage, Entfernung und Qualität einer Futterquelle mitteilen.

Eines Tages stand einfach ein Bienenstock vor Tautz' Haustür

Martin Lindauer, von Frischs Schüler, setzte dann das Lebenswerk seines Mentors fort. Und er war es auch, der Tautz vor dreizehn Jahren vom Neurobiologen zum Bienenforscher verwandelte. "Natürlich kannte ich Martin Lindauer schon lange vorher, als ich noch an Nervensystemen der Krebse forschte. Schließlich war er eine Berühmtheit", erinnert sich Tautz. "Aber Lindauer kannte mich nicht."

Noch nicht. Denn als Tautz 1990 beruflich nach Würzburg wechselte, lebten Lindauer, der in Würzburg arbeitete, und er zufälligerweise im selben Ort. Es ergab sich eine tägliche Fahrgemeinschaft zur Universität. So kamen sich der damals 45-jährige Tautz und der 76-jährige Lindauer näher.

Tautz' Forscherschicksal war besiegelt, als Lindauer ihm eines Tages schließlich einen Bienenstock vor die Haustür stellte. Tautz schmunzelt noch heute über dieses "hinterlistige Geschenk". "Offenbar war er auf der Suche nach einem Erben gewesen, der seine Arbeit fortführte." So wie Lindauer selbst von Frischs Arbeiten fortgeführt hatte. Und tatsächlich hatte Lindauer den richtigen Riecher. Nicht lange später tauschte Tautz die Krebse gegen die Bienen. Ein mutiger Schritt, denn für einen habilitierten Wissenschaftler Mitte 40 ist solch ein drastischer Richtungswechsel eher die Ausnahme.

Kommt man heute ins Bienenforschungszentrum, glaubt man, sich selbst inmitten eines Bienenstocks wiederzufinden. Auf einer kleinen Wiese rund um das Haus stehen in Hütten mehrere Bienenvölker. Das Haus ist ein Schweizer Käse voller Löcher, die als Einflugschneisen für die Bienen dienen. Die sind mit Chips bestückt und müssen an Lesegeräten vorbei, wenn sie ins Haus wollen. So wird genau überwacht, wann, wer wie oft in die Stöcke aus- und einströmt - zwischen den "vielen, hochmotivierten Studenten" hindurch, wie Tautz seine eigenen "Arbeitsbienen" beschreibt. Viele wollen bei ihm promovieren. Umso dringender sind Forschungsgelder vonnöten, um all die Doktorandenstellen zu finanzieren.

Karl von Frisch war ein Held

Wie ein potenziell unsterblicher Bienenstock führt Tautz das große Erbe von Frischs und Lindauers fort - und geriet gleich zu Anfang in einen schwierigen Konflikt. Denn nicht alles war so, wie es zu sein schien. "Als ich anfing an den Bienen zu forschen, habe ich nach und nach einige Dinge anders gesehen als von Frisch - und auch als Lindauer."

So bemerkte Tautz zu Beginn seiner Forschungen, dass Bienen oft in Gruppen an Futterplätzen eintreffen - und nicht alleine auf Nektarsuche gehen. Vorsichtig konfrontierte er Lindauer damit, ungläubig, dass ihm solch eine Beobachtung entgangen sein sollte.

War sie auch nicht: "Das habe er als Student sehr wohl gesehen, erzählte mir Lindauer spitzbübisch. Doch sein Chef hatte davon nichts wissen wollen", berichtet Tautz. Der Chef, das war eben der große Karl von Frisch gewesen. "Von Frisch hielt Bienen für soziale Insekten - solange sie im Stock waren", erzählt Tautz. "Im Feld aber hielt er sie für Einzelkämpferinnen."

Um das zu verstehen, müsse man sich in die damalige Zeit hineinversetzen, sagt Tautz. Das vom Zweiten Weltkrieg zerrüttete Deutschland brauchte Helden. Karl von Frisch war, zusammen mit Konrad Lorenz, einer der bedeutendsten Verhaltensforscher seiner Zeit und genoss uneingeschränkte Autorität. "Dem widersprach man einfach nicht". Und genau das hatte auch Lindauer nicht getan. Keine Obrigkeitshörigkeit, sondern tiefer Respekt: "Es war ein typisches Professor-Student-Verhältnis. Lindauer hat von Frisch im höchsten Maße respektiert", beschreibt Tautz das Verhältnis seines Mentors zu von Frisch. Wobei Lindauer seiner Meinung nach zu kurz kam. Er hätte ebenso sehr den Nobelpreis verdient wie von Frisch, sagt Tautz. Denn Lindauer habe nicht minder entscheidende Versuche mit den Bienen gemacht.

Doch dabei war Lindauer auch immer offen für Neues. "Lindauer ist stark von der von-Frisch-Schule geprägt und weiß Gott nicht mehr der Jüngste. Aber er ist noch immer einer der aufgeschlossensten Kollegen in der Bienenforschung", beschreibt Tautz seinen mittlerweile schwer an Parkinson erkrankten Mentor. "Das ist eine seiner eindrucksvollen Stärken." Und stets habe er ihn ermuntert, seinen eigenen Weg zu gehen.

Das Bild vom Schwänzeltanz wurde korrigiert

Und so erweiterte und, wo notwendig, korrigierte Tautz behutsam die Erkenntnisse von Frischs und Lindauers. Beispiel Schwänzeltanz: Hat eine Biene eine attraktive Futterquelle gefunden, teilt sie dies ihren Stockkolleginnen mit, indem sie auf den Waben einen Tanz ausführt. Zwei Informationen sind hierbei vor allem wichtig: Richtung und Entfernung der Futterquelle. Die Richtung gibt die Biene an, indem sie im gleichen Winkel zur Schwerkraft tanzt, wie der Winkel zwischen Sonne und Futterquelle vom Bienenstock aus gesehen ist. Die Information über die Entfernung steckt in der Dauer der Schwänzelbewegung ihres Hinterleibs. Doch wie misst die Biene die Entfernung? Von Frisch glaubte, dass der Energieverbrauch ihr Kilometerzähler sei. Und das stand lange Zeit auch in allen Lehrbüchern.

Je anstrengender also der Weg zur Futterquelle war, desto länger würde sie tanzen - glaubte von Frisch. Das versuchte er mit klassischen Experimenten zu untermauern, indem er Bienen mal hangaufwärts, mal gegen den Wind oder sogar mit Gewichten belastet zur Futterquelle fliegen ließ. Die Folge war, dass alle diese Bienen länger tanzten als solche, die auf gerader Strecke (oder ohne Ballast) die gleiche Entfernung zur Futterquelle zurück gelegt hatten. Von Frisch sah sich dadurch in seiner Vermutung bestätigt.

Doch er irrte. Denn die Sache war komplizierter als gedacht. Tautz fand zusammen mit Kollegen aus den USA und Australien heraus, dass das Auge der Biene der Kilometerzähler ist. Je mehr optischer Fluss auf das Bienenauge während des Flugs trifft, desto länger schwänzelt sie. Tautz interpretierte von Frischs klassische Experimente daher so: "Hangaufwärts fliegende Bienen fliegen näher an der Vegetation als Bienen, die hangabwärts fliegen. Und auch bei Gegenwind fliegen sie tiefer, um dem Wind zu entgehen." Näher an der Vegetation bedeutet mehr Gräser, Blumen, Bäume - sprich: mehr optische Details, die auf das Auge der Biene treffen. "Und auch beschwerte Bienen sind automatisch Tiefflieger und somit nah an der Vegetation."

Den letztendlichen Beweis für diese These erbrachte ein Experiment, in dem Bienen durch Tunnel mit verschieden stark gemusterten Innenwänden fliegen mussten. Bei starker Musterung an den Tunnelwänden schwänzelten die Bienen mehr als bei schwacher Musterung, obwohl Weg und Energieaufwand gleich gewesen waren.

Tautz ist mittlerweile überzeugt, dass der Schwänzeltanz nur ein Glied in einer lückenlosen Kommunikationskette der Bienen ist. "Der Tanz ist sehr auffällig, deshalb messen wir ihm auch automatisch hohes Gewicht bei. Andere, subtilere Formen der Kommunikation entgehen uns dabei womöglich."

Doch Tautz will mit seinen Ergebnissen und Korrekturen der Lindauerschen und von Frischschen Erkenntnisse keine Denkmäler einreißen. "Die Demontage eines Denkmals ist ein böswilliger Akt." Ihm geht es um die stetige Erweiterung des Bildes von der Biene. Und sich selbst und seine Rolle dabei sieht er so bescheiden wie einst Isaac Newton, der berühmte Physiker: als Zwerg auf den Schultern von Riesen. In seinem Falle auf den Schultern von Karl von Frisch und Martin Lindauer. "Auch wir müssen damit leben, dass unsere Ergebnisse in zehn, fünfzehn Jahren womöglich überholt sein werden", seufzt Tautz. Doch das, was er auf den Schultern seiner Riesen am Horizont sieht, sind: Bienen. Denn in einem ist er sich sicher: "Bei den Bienen, da bleibe ich." Und dabei lächelt er freundlich, aber bestimmt.