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Braunbär Bruno: "Völlig irrationale Angst"

Vor genau einem Jahr starb Bruno, der erste Bär seit 170 Jahren, der seine Tatzen auf deutschen Boden setzte. Großraubtier-Experte Bruno Hespeler spricht bei stern.de über die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär nach Deutschland und über gefährliche Zebrastreifen.

Herr Hespeler, "Bär, Wolf und Luchs kommen wieder" - so lautet der Untertitel Ihres Buches. Gilt das auch für Deutschland?

Der Wolf ist in der Lausitz wieder heimisch geworden: Dort lebt ein Rudel, das sich auch vermehrt. Die Wölfe sind sehr wahrscheinlich aus Polen eingewandert. Luchse leben bereits wieder in einer ganzen Reihe von Bundesländern, unter anderem in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen und im Bayerischen Wald.

Und der Bär?

Deutschland ist sicher kein Bärenland und wird auch kein Bärenland mehr werden. Allein der schmale Alpenstrich von Lindau bis nach Reichenhall wäre bärentauglich und vielleicht die Kammlage des bayerischen Waldes. Diese Gebiete allein sind als Bärenlebensraum viel zu klein. Es wird aber sicher auch in Zukunft immer wieder vorkommen, dass Bären aus dem Alpenraum, etwa aus Tirol oder aus dem Vorarlberg, nach Deutschland zuwandern.

So wie Bruno, der 2006 durch Bayern streifte.

Bruno war ein typischer Fall: Zuwandernde Bären sind gewöhnlich Jungbären, die das Revier ihrer Mutter verlassen müssen. Wenn sie die Erfahrung machen, dass Schafe und Bienenstöcke bequeme Nahrungsquellen sind, nutzen sie diese. Genau das hat auch Bruno getan.

Weil er in ihm eine Gefahr sah, ließ Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf Bruno vor genau einem Jahr abschießen. Die richtige Entscheidung?

Ich hätte auf eine andere Strategie gesetzt: ihm unangenehme Erfahrungen mit dem Menschen beizubringen. So wird es beispielsweise in Südtirol gemacht: Man erwartet einen Bären dort, wo er bereits Schafe gerissen hat, und vertreibt ihn mit Gummigeschossen. So vermittelt man ihm: "Es ist gefährlich hier. Ein Schaf ist schnell geschlagen, aber fressen kannst du es nicht." Künftig hält er sich dann meist von menschlichen Siedlungen fern.

Für uns Deutsche ist es schwer zu glauben, dass Menschen und Bären so selbstverständlich nebeneinander leben - und das in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Auch hier in Kärnten ist der Bär schon lange heimisch, und doch begegnet man ihm nur selten: Selbst im Bärengebiet können Sie ein Jahr im Wald arbeiten, ohne einen Bären zu sehen. Die Tiere sind sehr feinfühlig, sie bemerken uns lange, bevor wir es tun. Im Gespräch mit Einheimischen erlebe ich sogar immer wieder, dass sie gar nicht wissen, dass es hier Bären gibt.

Bruno aber wurde durchaus von Menschen gesehen. War seine Furchtlosigkeit ein Signal dafür, dass er ein gefährlicher Problembär war?

Wann immer Bruno von einem Menschen gesehen wurde, hat er die Flucht ergriffen. Alle, die mit ihm zusammentrafen, haben ausgesagt: Er hatte mehr Angst vor mir als ich vor ihm. Und wenn Sie ein Tier drei Wochen lang auf Trab halten, so dass es nicht mehr zu Ruhe kommt, Tag und Nacht - was soll der arme Teufel denn tun, als am nächsten Schafpferch ein Schaf mitzunehmen oder auf die Schnelle einen Bienenstock aufzubrechen? Er hat doch Hunger!

Die Bauern dürften für ein solches Verhalten wenig Verständnis haben.

Die Landwirte in Deutschland sind natürlich nicht auf Bären eingerichtet. Mit einem Elektrozaun kann man einen Bären relativ einfach von Schafen oder Bienenstöcken abhalten. Bei uns in Kärnten sind die Schäden durch Bären in den meisten Jahren so gering, dass niemand drüber redet.

Haben wir Deutschen schlicht verlernt, mit Bären umzugehen?

Genau das ist das Problem: Da der Bär schon sehr lange nicht mehr in Deutschland heimisch ist, haben die Menschen keine Vorstellung davon, wie dieses Tier wirklich lebt. In ihrem Kopf ist allein die Vorstellung verankert: Raubtiere sind gefährlich, die fressen Menschen. Dabei ist die Angst vor Bären völlig irrational und es ist um einiges risikoreicher, über einen Zebrastreifen zu gehen oder zum Hausarzt.

Auch dann, wenn ich ihm allein im Wald begegne?

Auch dann gibt es keinen Grund, in Panik auszubrechen: Der Mensch passt nicht ins Beutespektrum des Bären. Zu kritischen Situationen kann es allenfalls kommen, wenn Sie unabsichtlich zwischen eine Bärin und ihre noch kleinen Jungen kommen und die Bärin ihre Jungen in Gefahr sieht. Dann kann es passieren, dass der Bär gefährlich wird - aber das kann Ihnen auch mit jedem Hund passieren. Überlegen Sie sich mal, wie viele Kinder und Erwachsene in Deutschland durch Hunde verletzt werden!

Auch Kampfhunde werden eingeschläfert, wenn sie für Menschen gefährlich sind.

Ich sehe es nicht als Problem an, wenn ein permanent auffälliger Bär erlegt wird, bei dem alle anderen Strategien fehlgeschlagen sind. Das ist allemal tierschutzgerechter, als ihn einzufangen und in ein Gehege zu sperren, in dem er nicht wandern kann. Genauso irrational wie die Angst vor Bären ist es schließlich, sie zu vermenschlichen, wie dieser ganze Wirbel um Bruno mit Grabkreuz und Teddybär.

Interview: Angelika Unger