DNA-Analyse "Missbrauch? Unmöglich!"


DNA-Spezialist Hubert Pöche über die Einwände gegen eine Ausweitung der DNA-Analyse, was untersucht und gespeichert wird und was nicht´.

Nach dem gewaltsamen Tod des Münchner Modemachers Rudolph Moshammer und der schnellen Identifizierung seines Mörders durch die zentrale DNA-Analyse-Datei des Bundeskriminalamtes wird verstärkt gefordert, den so genannten genetischen Fingerabdruck zum Standard einer erkennungsdienstlichen Behandlung bei der Polizei zu machen. Vor allem Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und die meisten seiner Kollegen aus den Ländern machen sich dafür stark: Die DNA-Analyse müsse zum Fingerabdruck des 21. Jahrhunderts werden, so etwa der bayerische CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Bislang sind DNA-Analysen nur bei Straftaten von erheblicher Bedeutung möglich oder wenn aufgrund "qualifizierter Negativprognosen" weitere erwartet werden. In jedem Fall muss ein Richter zustimmen, wenn die Polizei eine Speichelprobe nimmt ("Richtervorbehalt") und anschließend deren Code in die zentrale Datei des BKA eingibt. Aktuell registriert sind dort die DNA-Codes von rund 320 000 Personen.

Kritiker wie der Deutsche Richterbund, die Grünen oder der Deutsche Anwaltsverein lehnen dagegen eine Ausweitung ab: Die breitflächige DNA-Analyse von Speichelproben sei ein schwer wiegender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht. Georg Prasser, Vizepräsident des Anwaltsvereins: "Der so genannte genetische Fingerabdruck bietet deutlich mehr an Erkenntnismöglichkeiten als ein bloßer Fingerabdruck."

So engagiert die Debatte geführt wird, so fehlerhaft und haarsträubend sind manchmal die Argumente. Da wird vorm "gläsernen Menschen" gewarnt, aus dessen DNA-Code Angaben über Gesichtsform, Augen- und Haarfarbe und sogar Krankheiten und Erbanlagen ablesbar seien - wertvolle Informationen, die heimlich Arbeitgebern oder Krankenversicherungen zugespielt werden könnten.

"Alles Blödsinn", sagt der Berliner Molekularbiologe Professor Dr. Hubert Pöche, 63. Pöche ist einer der führenden deutschen DNA-Experten und leitet die Abteilung Forensische Molekularbiologie am Institut für Rechtsmedizin (Campus Benjamin Franklin) der Berliner Charité. Im stern-Interview erklärt er, wie in der Praxis gearbeitet wird, was mit der DNA-Analyse möglich ist und was nicht.

Können Sie durch die Analyse einer biologischen Tatortspur - beispielsweise Spermareste eines Frauenmörders - feststellen, wie alt der Täter ist, welche Haarfarbe er hat oder woher er stammt?

Nein, das ist nicht möglich.

Ist der genetische Fingerabdruck also tatsächlich nur eine moderne Form des klassischen Fingerabdrucks, wie er bei jeder erkennungsdienstlichen Behandlung eines Tatverdächtigen abgenommen wird?

Im Prinzip schon. Der genetische Fingerabdruck ist nur viel genauer. Während sich die Haut eines Menschen mit zunehmendem Alter verändert, bleibt der DNA-Code immer gleich.

Das Bundeskriminalamt erhält für seine zentrale DNA-Analyse-Datei von den Kriminalämtern der Bundesländer nur den Zahlencode eines DNA-Profils. Das sieht zum Beispiel so aus: 18/24.2-29.2/33-17/19-6/8-23/23.2-15/18-10/12-14/19. Lässt dieser Code Rückschlüsse auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder Erbanlagen zu?

Überhaupt nicht. Denn die Erbanlagen sind nur in den Genen feststellbar. Gene oder die so genannten codierenden Regionen der DNA werden aber zum Zweck der Identitätsfeststellung nicht untersucht. Wir untersuchen nur die "stummen Abschnitte", die nicht codierenden Regionen zwischen den Genen. Und die sind nicht informativ, was zum Beispiel Erbkrankheiten oder -anlagen betrifft.

Können Sie analysieren, ob es sich bei dem Speichelgeber um eine Frau oder um einen Mann handelt?

Ja, wir können das Geschlecht bestimmen. Doch das Merkmal XY für eine männliche Person oder XX für eine weibliche Person ist nicht Bestandteil der Formel, die in die BKA-Datei eingegeben oder gespeichert wird.

Wer außer den Instituten für Rechtsmedizin analysiert sonst noch Speichelproben und erstellt DNA-Profile?

Zum Beispiel die kriminaltechnischen Labore der Landeskriminalämter. Beauftragt werden aber auch private Institute. Alle Labore, die mit Speichelproben oder biologischen Tatortspuren arbeiten, müssen zweimal pro Jahr an so genannten Ringversuchen teilnehmen. Und nur wer die Ansprüche dieser Versuche erfüllt, bekommt ein Zertifikat und ist damit bei Gerichten zugelassen.

Ist es möglich, dass eine Speichelprobe missbräuchlich auch so analysiert werden kann, dass zum Beispiel mögliche Erbkrankheiten des Probanden festgestellt werden?

Generell wäre das möglich. Aber Sie brauchen dafür mehr als nur die übliche Speichelprobe. Humangenetiker, die solche Untersuchungen machen müssen, entnehmen deshalb Blutproben - da ist genügend DNA-Material drin, um diese sehr aufwendigen Analysen machen zu können. Die forensischen Labore, die Speichelproben und biologische Tatort-spuren für die Polizei zu untersuchen haben, halten die dafür notwendige Ausstattung gar nicht vor.

Wie werden die Speichelproben bei Ihnen und anderen Laboren von der Polizei eingeliefert?

Wir bekommen die Proben mit einem Untersuchungsantrag und einem Meldebogen. Auf diesen beiden Schriftstücken stehen weder Namen noch Adressen, sondern nur Codes. Der sieht zum Beispiel so aus: 01023/4567-1P001. Mehr weiß ich nicht vom Speichelgeber. Schon deshalb ist ein Missbrauch - zum Beispiel die heimliche Lieferung des DNA-Profils an eine Krankenkasse - ausgeschlossen.

Was passiert mit einer Speichelprobe, wenn Sie den Zahlencode ermittelt haben?

Nach der Analyse der Probe wird der Meldebogen erstellt, auf dem wir den Zahlencode eintragen. Der Meldebogen geht zurück an die Polizeidienststelle, die uns den Untersuchungsauftrag erteilt hat. Und die Speichelprobe vernichten wir, weil sie nicht mehr gebraucht wird.

Was passiert, wenn ein Tatverdächtiger mit diesem Zahlencode überführt wird, er aber anzweifelt, dass die Formel sein DNA-Profil ist?

Er wird einfach noch eine Speichelprobe abgeben müssen, die dann analysiert wird.

Gibt es gesetzliche Unterschiede für die Analyse anonymer Tatortspuren und die Analyse von Speichelproben?

Nein, die gesetzlichen Vorgaben sind in beiden Fällen gleich.

Wie lange dauert die Analyse einer Speichelprobe, und was kostet sie?

Wenn es dringend ist, schaffen wir das an einem Tag. Die Untersuchung kostet 110 Euro plus Mehrwertsteuer - das ist über die Gebührenordnung geregelt.

Manche Innenpolitiker fordern, dass bei jeder erkennungsdienstlichen Behandlung eines Tatverdächtigen Speichelproben entnommen werden sollen. Reichen denn die gegenwärtigen Kapazitäten überhaupt aus, um diese Proben analysieren zu können?

Nein, gegenwärtig nicht. In der Fingerabdruckkartei AFIS sind derzeit weit über drei Millionen Personen gespeichert, in der zentralen DNA-Analyse-Datei des BKA dagegen nur knapp zehn Prozent davon. Geradezu grotesk finde ich die Forderung, alle männlichen Deutschen speicheln zu lassen. Das würde Jahre dauern und Milliarden kosten - und die Datei hoffnungslos überfüttern.

das Interview mit Hubert Pöche führte Werner Mathes

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