EPIDEMIE Seehund-Seuche erreicht Deutschland


Bisher waren nur die Niederlande und Dänemark bertroffen - jetzt wurden die ersten toten Tiere an der deutschen Nordseeküste gefunden. Noch ist das Ausmaß der Epidemie unklar.

Die Seehund-Seuche Staupe hat die deutsche Küste erreicht. Wie der Leiter der Seehundaufzuchtstation im ostfriesischen Norddeich, Peter Lienau, am Dienstag sagte, wurde die Krankheit bei sechs Seehunden nachgewiesen, die vor zwei Wochen an der ostfriesischen Küste tot aufgefunden worden waren. Nach dem pathologischen Befund seien die Tiere an einer Infektion mit dem Seehundstaupe-Virus verstorben, sagte Lienau. Dies hätten Untersuchungen von Blut und Organen durch die Tierärztliche Hochschule Hannover ergeben.

1988 war der halbe Bestand verendet

An der Krankheit, der bei einer Epidemie im Jahr 1988 knapp die Hälfte der 2.400 niedersächsischen Seehunde zum Opfer gefallen waren, würden in nächster Zeit auf jeden Fall noch weitere Tiere sterben, sagte Lienau. Ob es erneut zu einer Epidemie gleicher Größenordnung wie 1988 kommen werde, sei allerdings ungewiss. Anders als 1988 sei die Aufzucht der jungen Seehunde bereits abgeschlossen, und die Tiere befänden sich in der Paarungszeit. Nach Ende der Paarungszeit vermieden Seehunde Körperkontakte weitgehend, was eine Verbreitung des Virus erschwere.

Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen

Nach Angaben Lienaus wurden am 17. Juli zwei Seehunde und am 19. Juli weitere vier tot aufgefunden. Die Tiere seien in der Aufzuchtstation obduziert worden. Blut- und Gewebeproben habe man zu weiteren Untersuchung zur Tierärztlichen Hochschule Hannover gesandt. Die virologischen Untersuchungen, mit denen man den Erreger selbst nachweisen wolle, seien dort allerdings noch nicht abgeschlossen.

Die Seehundstaupe grassiert bereits in Dänemark und in den Niederlanden. In Dänemark seien in diesem Jahr bereits 2.200 Tiere und in den Niederlanden weitere 5 Tiere an der Seuche verstorben, sagte Lienau.

Baden weiterhin gefahrlos möglich

Ursache des Seehundsterbens in Nord- und Ostsee ist ein Staupevirus, das dem Erreger der Hundestaupe ähnelt. Dieses PD-Virus (phocine distemper virus) schwächt das Immunsystem der Seehunde sehr schnell. Die Tiere leiden an Husten, blutigem Schleim und entzündeten Lungen und sind Bakterien und Parasiten ausgeliefert. Diese Folgeerkrankungen führen in den meisten Fällen zum Tod. Für Menschen ist die Krankheit nicht ansteckend, auch Baden ist gefahrlos möglich. Erkrankte Tiere sollten jedoch zum Schutz vor bakteriellen Infektionen nicht berührt werden. Auf Tiere wie Hunde und Nerze ist das Virus übertragbar, sie erkranken jedoch nicht.

Ursprung bleibt unklar

Die Seehunde liegen auf den Sandbänken eng nebeneinander und stecken sich durch Tröpfcheninfektionen an. Nur gefangene Tiere können gegen Staupe geimpft werden. Woher das Virus kommt, das bei der Epidemie von 1988 zum Tod von 60 Prozent der im Wattenmeer lebenden Seehunde führte, ist bislang unklar.


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