Forschungsschiff "Aurora Borealis" Der härteste Eisbrecher der Welt

Seit Jahren diskutieren Wissenschaftler über das ideale Forschungsschiff zu Erkundung der Polarmeere. Nun ist der Entwurf eines 650 Millionen Euro teuren Eisbrechers fertig. Die "Aurora Borealis" soll dank einer technischen Weltneuheit sogar bei minus 50 Grad noch einsatzbereit sein.
Von Chris Höfner

15 Institute aus zehn europäischen Ländern sind an dem millionenschweren Eisbrecher-Projekt beteiligt. Seit Jahren wird an einer perfekten wissenschaftlichen Lösung für ein neues Forschungsschiff gefeilt. Federführend hatte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) 2007 den Auftrag zur Entwicklung des multifunktionalen Schiffes an das Schiffsingenieursbüro Wärtsilä Ship Design Germany in Hamburg vergeben. Aus dem Hause Wärtsilä stammt bereits das Deutsche Forschungsschiff "Polarstern". Jetzt präsentieren die Ingenieure nun einen Entwurf des wohl innovativsten Eisbrechers der Welt.

So soll die "Aurora Boeralis" aussehen: knapp 200 Meter lang, 49 Meter breit, 27000 Kilowatt Leistung, 18 Kräne, Hubschrauberlandeplatz, einen 80,75 Meter hohen Bohrturm und Platz für 120 Personen. Mit diesen Dimensionen passt das Schiff knapp durch den Panama-Kanal. Doch die wahre Innovation des Schiffes steckt hinter der Fähigkeit des 'dynamischen Positionierens'. Diese technische Erfindung ist eine Weltneuheit.

Für das Bohren in 5000 Meter Tiefe ist es wichtig, dass das Schiff seine Position an der Wasseroberfläche hält. Aufgrund des Drifteises ist dies jedoch besonders schwierig. Eine fast simpel erscheinende Technik soll Abhilfe schaffen: Durch das Umpumpen von Balastwasser in die jeweiligen Seiten-Tanks des Eisbrechers kann jeweils eine Seite des Schiffes aus dem Wasser gehoben werden - wie ein Wiege-Mechanismus. Das Packeis schiebt sich unter den Rumpf und per Absenkung der Schiffseite wird die Eisfläche abgebrochen. Unterstützt wird diese Technik noch zusätzlich durch scharfe Kanten an den Bordwänden.

"Man kann sich das wie bei einer halbleeren Wasserflasche vorstellen, läuft das Wasser zu einer Seite, wird die andere leichter und hebt sich. Lässt man das Wasser zurück laufen, senkt sich die Flaschenseite wieder", sagt Albrecht Delius, Betriebsleiter von Wärtsilä Ship Design Germany. Unterstützt wird dieser Mechanismus zusätzlich von sechs ausfahrbaren Querpropellern an der Unterseite des Eisbrechers, die jeweils eine Einzelkraft von 4000 Kilowatt Leistung bringen.

Mit dem Polarschiff, das sowohl Eisbrecher, Bohrschiff als auch Forschungsschiff ist, soll es möglich sein, mit einer Geschwindigkeit von drei Knoten (ca. 5 Kmh) 2,5 Meter dickes Eis zu zerbrechen und Eisrücken von bis zu 15 Metern durch Rammen zu überwinden. Der Stahl der "Aurora Borealis" ist so beschaffen, dass er Außentemperaturen von bis zu minus 50 Grad standhält - unmöglich für herkömmliche Eisbrecher. Selbst die "Polarstern", die als das Deutsche Forschungsflaggschiff gilt, kann solche Eishürden nicht überwinden.

Die Polarregionen gehören zu den wissenschaftlich interessantesten und gleichzeitig zu den am schwierigsten zu erreichenden Gebieten der Erde. Denn besonders das Packeis stellt Mensch und Maschine vor eine harte Aufgabe. Dabei ist gerade diese Region für die Klimaforscher von enormer Bedeutung. Vor zuletzt vier Jahren gelang es den Wissenschaftlern mit drei Forschungsschiffen relativ weit ins Eismeer vorzudringen und Proben eines 400 Meter langen Sedimentkerns zu ziehen. Mit der "Aurora Boeralis", deren Name "Polarlicht" bedeutet, soll dies ganzjährig und vor allem mit nur einem Schiff möglich werden.

Geht es nach den Ingenieuren, könnte die "Aurora Borealis" bereits 2014 das erste Mal auslaufen. Im Frühjahr 2009 soll die Bausausschreibung abgeschlossen sein, dann kann es mit der Fertigung losgehen. Mit der "Aurora Borealis", deren jährliche Betriebskosten auf 36 Millionen Euro geschätzt werden, könnte Europa an die Spitze der internationalen Polarforschung stoßen und Forschern nie dagewesene Einblicke in die Arktis und Antarktis ermöglichen.


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