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Fragen an Meereis-Forscher: Eisschmelze am Nordpol - "Damit müssen wir leben"

Die Eisfläche um den Nordpol ist so gering wie nie zuvor seit Beginn der Messungen. Meereis-Forscher Rüdiger Gerdes erklärt, warum das Eis immer stärker taut - und wieso manche sich darüber freuen.

Die Eisfläche um den Nordpol herum ist so gering wie nie zuvor seit Beginn genauer Messungen. Und es bleiben noch drei Wochen bis zum Ende der Schmelzsaison. Warum das Eis immer stärker taut - und manche sich darüber freuen - erklärt der Meereis-Physiker vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, Rüdiger Gerdes.

Nur noch 4,1 Millionen Quadratkilometer beträgt die Eisfläche im Nordpolarmeer. Wie kommt es, dass immer mehr Eismassen tauen?

"Insgesamt ist die Eisausdehnung in den letzten Jahren sehr viel geringer geworden als in den 80er, 90er Jahren. Die Ursache dafür liegt nicht in einem bestimmten Wettermuster, sondern das ist eine langfristige Entwicklung. Das Eis ist dünner geworden und dadurch wird es anfälliger. Schuld ist der Temperaturanstieg.

Seit Mitte der 90er Jahre haben wir einen starken Temperaturanstieg im Bereich des Nordatlantiks und des Nordpolarmeers. Das ist zum Teil Folge einer natürlichen oszillierenden Entwicklung, die Perioden von 60, 70 Jahren hat. Da sind wir jetzt in einer warmen Phase. Aber natürlich liegt es auch am langfristigen Temperaturanstieg durch die Treibhausgase."

Bringt nur wärmere Luft das Eis zum Schmelzen, oder stecken noch andere Mechanismen dahinter?

"Das Gesamtvolumen des Eises im Nordpolarmeer ist zum einen bestimmt durch das alljährliche Schmelzen und Gefrieren. Beides hängt vor allem von der Lufttemperatur ab. Das Schmelzen im Sommer wird dadurch verstärkt, dass sich der Ozean aufheizt. Er absorbiert praktisch die gesamte Sonneneinstrahlung, erwärmt sich, und wenn das Eis mit diesem aufgeheiztem Ozean an der Oberfläche in Kontakt kommt, dann schmilzt es natürlich sehr stark."

Welche Auswirkungen haben das Eis und das Schmelzen auf uns?

"Wir können nicht direkt von einem Nutzen des Eises für uns sprechen, aber es hat eine wichtige Rolle im Klimasystem. Wenn es verschwindet, ist das ein globales Phänomen und wird sich wohl auch auf uns auswirken. Ein Beispiel: Üblicherweise haben wir im Winter Winde, die aus dem Westen kommen und die uns feuchtwarme Luft bringen. Ein möglicher Effekt wäre, dass die nordsüd-gerichteten Winde verstärkt auftreten, die dann auch kalte Luft zu uns bringen. Die zurückliegenden kalten Winter sind deshalb möglicherweise mit dem Eis-Rückgang verbunden. Das sind noch keine sicheren Erkenntnisse, das beruht auf einzelnen Modellexperimenten. Aber es gibt Hinweise, denen wir jetzt verstärkt nachgehen.

Andererseits ist das Eis auch ein Hindernis. Ohne Eis sind beispielsweise Schifffahrt und Rohstoffausbeutung eher möglich. Einige freut es also auch, wenn das Eis verschwindet."

Wir wird es in Zukunft weitergehen mit dem Eis?

"Die Messungen können uns diese Frage nicht beantworten, wir stützen uns auf Modellrechnungen. Der Verlust an Eisdicke lässt aber vermuten, dass wir in den kommenden Jahren ähnliche Verhältnisse haben werden. Ob es jetzt so rasant weitergeht, das hängt davon ab, wie diese natürliche Variabilität sich entwickeln wird. Nordatlantik und Nordpolarmeer sind jetzt ja in einer warmen Phase. Das wird auch wieder umschwenken auf niedrigere Temperaturen - ein wichtiger Faktor während der nächsten Jahrzehnte. Aber langfristig gesehen, über die nächsten 50 oder 100 Jahre, wird der Treibhausgaseffekt gewinnen und den Temperaturanstieg bestimmen. Dann ist mit dem Verschwinden des Eises im Nordpolarmeer zu rechnen. Auch wenn wir den Treibhausgasausstoß sofort stoppen würden, würde sich das Klima weiter erwärmen. Damit müssen wir leben."

Sophia Weimer, DPA / DPA