Geologen Kein Anschluss für Tsunami-Warnungen


Ein Großteil der Opfer des Tsunamis in Südost-Asien seien nicht durch die Wassermassen, sondern durch die Nachlässigkeit der asiatischen Staaten gestorben, klagen Wissenschaftler.

Ein Tsunami ist schnell, sehr schnell. Mit der Spitzengeschwindigkeit eines Verkehrsflugzeuges breiten sich die Wellen kreisförmig vom Zentrum des Seebebens aus. Auf hoher See sind sie noch ungefährlich. Gerade zwei bis drei Meter hoch werden die Wogen selbst von Schiffsbesatzungen kaum wahrgenommen. Der Abstand zwischen den Wellenkämmen kann zudem bis zu 100 Kilometer betragen.

Tödlich wird der Tsunami erst auf den letzten Metern, wenn der Meeresboden ansteigt. Die Menschen an Land sehen zuerst, wie die sich aufstauende Welle den Meeresboden trocken legt. Dann türmt sich der Tsunami zu einem Wasserberg auf, der leicht 30 Meter und höher sein kann.

Auch wenn die Welle rasend schnell ist, plötzlich kommt die tödliche Wasserfront nicht. Bis ein Tsunami nach einem Seebeben an den Küsten aufläuft, bleiben den Menschen nach Angaben von Experten eine Zeit von 20 Minuten bis zu zwei Stunden zur Flucht. Sie müssten jedoch rechtzeitig vorgewarnt werden. Technisch sind Tsunami-Frühwarnanlagen kein Problem.

Derartige Systeme sind seit 50 Jahren in der Pazifik-Region im Einsatz. Mit großem Erfolg. 26 Anliegerstaaten sind mittlerweile daran angeschlossen, versagt hat dieses Netz nie: Alle fünf pazifikweiten Tsunamis konnten vorausgesagt werden.

Ein Sensoren-Netz mißt seismische Aktivitäten, Bojen liefern Daten über Meeresbewegungen. Beide Informationen werden via Satellit in wissenschaftliche Überwachungszentren geliefert. Computer berechnen Stärke und Ort des Bebens sowie die Richtung, in der sich die Erdschollen bewegen. Sind die Kriterien für das Entstehen eines Tsunamis erfüllt - in der Regel besteht ein solches Risiko ab der Stärke 7 auf der Richterskala -, wird eine Warnung ausgegeben. Sie enthält Daten über die erwartete Tsunami-Ankunft an bestimmten Küsten.

Tödliche Nachlässigkeit

"Niemand muss durch Tsunamis sterben. Dafür gibt es keinen Grund", sagt Tad Murty, ein Experte von der University of Manitoba in Winnipeg. "Man kann den Verlauf dieser Wellen völlig vorhersagen." Allerdings hatte keine der jetzt von der Flut betroffenen Regierungen ein Tsunami-Frühwarnsystem installiert.

"Es hat anderthalb Stunden gedauert, bis die Welle vom Erdbeben bis nach Sri Lanka kam, und eine Stunde, bis sie die Westküste Thailands und Malaysias erreichte", sagte der Chef des Pazifik-Tsunami-Warnzentrums, Charles McCreery, der Nachrichtenagentur Reuters. "Man kann jedoch in 15 Minuten sicheres Gebiet landeinwärts erreichen."

Ein Grund dafür, warum es für den Indischen Ozean kein Tsunami-Frühwarnsystem gibt, liegt nach Angaben von Wissenschaftlern darin, dass die Flutwellengefahr hauptsächlich als pazifisches Problem betrachtet wurden. Doch die Experten hatten bereits im Juni auf einer Tagung der Vereinten Nationen vor einem "bedeutenden Tsunami-Risiko" für diese Meeresregion gewarnt. "Aber Länder wie Indien und Malaysia haben wenig Interesse gezeigt und nie die Initiative ergriffen", beklagt Murty. "Das dürfte sich nach dieser Tragödie wohl ändern."

Doch auch ohne ein solches System, hätten Tausende von Leben gerettet werden können, wenn es in den betroffenen Staaten zumindest eine zentrale Meldestelle geben würde. So hätten die Geologen in den internationalen Erdbeben-Frühwarnstationen das Beben bei Sumatra zwar registriert, jedoch nicht gewusst, bei wem sie in den gefährdeten Ländern mit ihrer Warnung richtig waren.

Wohin mit der Warnung?

Unmittelbar nach Entdeckung des Bebens mit dem Epizentrum vor Sumatra in Indonesien habe die Warnzentrale Honolulu mit australischen und amerikanischen Stellen Kontakt aufgenommen. Mit den von der Flutwelle bedrohten asiatischen Ländern sei dies der Warnzentrale hingegen nicht möglich gewesen: "Wir haben getan, was wir konnten, aber wir haben keine Kontakte in unseren Adressbüchern für irgendwen in diesem Teil der Welt", sagte McCreery.

Ein funktionierendes Kommunikationssystem für Indien, Thailand, Bangladesch und Sri Lanka existiere eben nicht. Bereits in der Nacht zum Sonntag hatte auch die Nationale US-Bebenwarte das Seebeben mit einer Stärke von 8,9 registriert, aber dabei blieb es dann, weil die US-Behörden über keine detaillierten Informationen aus den betroffenen Regionen verfügten.

Mit Material von Reuters/AP/DPA AP DPA

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