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Tierexperten bewerten Abschuss in US-Zoo: "Dieser Gorilla wusste, dass er der Chef ist"

Ein Junge fällt in ein Gorilla-Gehege, das Tier schnappt sich das Kleinkind und wird kurz darauf erschossen. Diese Szenen haben sich am Wochenende in einem US-Zoo abgespielt. Wie beurteilen Tierexperten das Verhalten des Primaten? War der Abschuss gerechtfertigt?

Das Bild zeigt den Gorilla Harambe in Zoo von Cincinnati

Gorilla-Männchen Harambe wurde am Wochenende im Zoo von Cincinnati erschossen

Die Aufnahmen, die vergangenen Samstag im Zoo von Cincinnati entstanden sind, sind bedrückend: Nachdem ein Vierjähriger in das Gehege des Gorillas Harambe gefallen war, nähert sich das Tier dem Kleinkind, drängt es in die Ecke, packt es am Bein und zerrt es durch den Wassergraben. Neugierig mustert der Gorilla den Kleinen im Anschluss, hebt ihn hoch, nur um ihn im Anschluss erneut durch die Gegend zu zerren. Im Hintergrund sind Schreie zu hören. Dann versperren Bäume und Gestrüpp den Blick auf die Szene. Das Video des Vorfalls ist auf YouTube veröffentlicht. Es wurde bereits mehr als fünf Millionen Mal geklickt.

Was in dem rund zweiminütigen Clip nicht zu sehen ist: Der Gorilla stirbt wenige Minuten nach den Aufnahmen. Zoowärter haben das Tier erschossen, um das Leben des kleinen Jungen zu retten. Diese Entscheidung ist umstritten. Tierschützer argumentieren etwa, eine Betäubung hätte den Gorilla ebenfalls außer Gefecht gesetzt. Der Tod des 17-jährigen Primaten sei unnötig gewesen. In der Kritik stehen auch die Eltern des Jungen, die den Kleinen nicht davon abgehalten haben sollen, in das Gehege des Tieres zu klettern.

Hätte es noch eine andere Möglichkeit gegeben, das Leben des Gorillas zu retten? Und wie groß war die Gefahr, der der kleine Junge ausgesetzt war, tatsächlich? Der stern hat mit zwei Tierforschern gesprochen, welche die Szene im Video einordnen.

"Gorilla sieht Jungen als eine Art Spielzeug"

Thomas M. Kaiser leitet an der Universität Hamburg den Fachbereich Mammalogie, wie die Lehre von Säugetieren in der Fachsprache heißt. Er ist überzeugt, der Gorilla habe den Jungen weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als eine Art Spielzeug betrachtet: "Das Tier verhält sich neugierig, es inspiziert das Kind und seine Kleidung. Sein Verhalten ist dabei nicht wirklich aggressiv, er reagiert nicht böse. Es ist aber auch deutlich zu erkennen, mit welcher Kraft und Geschwindigkeit er das Kind herumschleudert. Das Kräfte-Verhältnis ist extrem unausgewogen."

Diese Meinung teilt auch Verhaltensbiologe Immanuel Birmelin: "Das Tier wirkt neugierig, nicht aggressiv. Es betrachtet den Kleinen, hebt ihn hoch und rennt mit ihm weg. Dieses Verhalten ist Gorilla-typisch. So machen es die Tiere auch in freier Wildbahn, etwa mit Ästen." Problematisch sei allerdings die enorme Kraft des Tieres. "In dieser Situation kann es jederzeit zu einem Unfall kommen. Er kann das Kind packen, seine Knochen brechen und dabei tödlich verletzen." Eine unmittelbare Tötungsabsicht könne er bei dem Gorilla zumindest zu Beginn des Videos aber nicht feststellen, so der Experte.

Kaiser von der Universität Hamburg betont, dass Gorillas an sich recht friedliebende Tiere seien. "Man kann davon ausgehen, dass kein Tier unnötig physische Gewalt anwenden würde." Gewalt sei immer auch mit Anstrengung verbunden. Für Aggression gebe es dagegen meist klare Motive – so wie beim Menschen auch. Bedrohung und Territorialkonflikte könnten mögliche Gründe sein.

Gorilla sieht sich "als Chef"

Jedoch seien die Tiere auf gewisse Weise unberechenbar. Gorillas seien hochentwickelte Menschenaffen, die denken und Entscheidungen treffen würden. "Dieser Gorilla wusste, dass er der Chef ist. Der Kleine hatte für ihn nichts zu melden. Das bedeutet nicht zwingend, dass er das Kind getötet hätte. Aber man hätte auch nicht vorhersagen können, wie die Laune des Tieres in den kommenden Minuten hätte umschwenken können. Für Gorillas sind Menschen mal Spielzeug, mal Futterspender und im nächsten Moment können sie zum Opfer von Aggression werden." Kaiser verteidigt deshalb die Entscheidung des Zoos, den Gorilla schweren Herzens zu töten: "Es musste so entschieden werden – das war richtig."

Ein Schuss mit einem Betäubungspfeil hätte die Situation möglicherweise eskalieren lassen, glaubt Kaiser. Außerdem wären wertvolle Minuten verstrichen, bis die Wirkung des Betäubungsmittels eingesetzt hätte. "Das Tier wäre möglicherweise nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen, vielleicht sauer geworden und hätte seine Aggression unter Umständen am Kind ausgelassen. In einem Fall wie diesem kann man nur hoffen, dass der Schütze gut trifft."

"Wir stehen vor einer Bildungsaufgabe"

Verhaltensbiologe Birmelin kritisiert in diesem Zusammenhang auch ein seiner Meinung nach grundsätzliches Problem – die mangelnde Achtung vieler Menschen vor Tieren. "Was fehlt, ist Respekt. Die Leute wissen nicht mehr um die Kraft dieser Tiere." Die Lehren, die man aus diesem Vorfall ziehen müsse, seien eindeutig, glaubt auch Kaiser – ganz gleich, ob der Junge absichtlich ins Gehege gesprungen oder dort hineingefallen ist: "Wir stehen ganz klar vor einer Bildungsaufgabe. Tiere haben wie Menschen auch eine Privatsphäre, in die man nicht eindringen darf. Das gilt gleichermaßen für Tierpfleger und Zoobesucher."

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