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Indonesischer Schlammvulkan: Die Gefahr aus der Tiefe

Die Menschen im indonesischen Distrikt Sidoarjo haben Angst. Seit zwei Jahren spuckt ein unterirdischer Schlammvulkan täglich 176.000 Kubikmeter Schlamm aus, unter denen schon tausende Häuser begraben wurden. Jetzt entweicht auch noch Gas. Viele fürchten eine weitere Katastrophe.

Von Michael Lenz, Ostjava

Er hat schon tausende Häuser und Höfe verschlungen, 15.000 Menschen um ihr Hab und Gut gebracht, und gibt noch immer keine Ruhe: Millionen Kubikmeter stinkender Schlamm quellen seit zwei Jahren aus dem Schlammvulkan Lusi hervor, der im indonesischen Distrikt Sidoarjo gut 3000 Meter unter der Erde liegt. Und nicht nur das. Für die Menschen in Sidoarjo wird das Leben immer gefährlicher. Zu dem Schlamm in der dicht besiedelten Region in Ostjava kommt jetzt noch Gas. An mindestens 80 Stellen tritt Gas aus der Erde. Einfach so.

Fast fünf Meter hoch steigt die Gas-Wasser-Säule

Man sieht es nicht. Außer, wenn das Gas mit Wasser vermischt emporsteigt. So wie zwischen den Hausruinen gleich neben dem etwa 20 Meter hohen, eilig aufgeschütteten Damm, der die Schlammfluten daran hindern soll, sich weiter auszubreiten. Fast fünf Meter hoch steigt die Gas-Wasser-Säule. Einheimische und Touristen stehen auf dem Damm und schauen mit einer Mischung aus Neugierde, Staunen und Schrecken auf die im Sonnenlicht glitzernde, gefährliche Fontäne. Muslimah sagt: "Die hat vor ein paar Tagen gebrannt. Sie mussten die Flughafenfeuerwehr aus Surabaya holen. Unsere Feuerwehr konnte die Flamme nicht löschen."

Muslimah hat durch den Schlammvulkan alles verloren. Ihren Lebensunterhalt verdient sie jetzt als Tourguide für Touristen, die die Schlamm- und Gaskatastrophe mit eigenen Augen sehen wollen. Im Angebot sind Fahrten mit dem Moped an das in grauweiße Dampfwolken gehüllte Loch, aus dem der Schlamm quillt, oder DVDs mit Fotos und Videos der Katastrophe. Muslimah zeigt auf den Schlammsee, der totenstill, grau, bleiern daliegt. "Da war einst mein Dorf Kelurahan Siring." Aus dem Matsch, der schon eine Gesamtfläche von 800 Hektar verschlungen hat und bis zu 18 Meter hoch aufgeschichtet ist, ragen nur noch ein paar Dachgiebel und das Dach der Moschee des Dorfes empor.

Gefahr in der Küche: Die Anwohner haben Angst zu kochen

Muslimah ist bei Verwandten untergekommen. Jetzt hat sie Angst, schon wieder ihre Unterkunft zu verlieren. "Immer öfter tritt in unserem Haus Gas aus. Wir kochen schon nicht mehr zu Hause, aus Angst, dass die Küche voller Gas sein könnte." So wie bei den Nachbarn, in deren Haus schon seit Monaten immer Gas austritt. Bei dem Gas handelt es sich um Schwefelwasserstoff und Methan. "Die Gase sind giftig", sagt Professor Richard Davies von der britischen Universität Durham, der schon mehrere Studien über den Schlammvulkan veröffentlicht hat.

Woher das Gas kommt, darüber streiten die Experten. Einige wiegeln ab und sagen, es stamme aus Senkgruben. Andere sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Gas und Schlammvulkan. Andang Bachtiar, ein Geologe aus der 20 Kilometer entfernten Millionenstadt Surabaya, sagte gegenüber indonesischen Medien, der Druck der Schlammmassen verursache Risse im Erdboden. Diese würden es dem Methan in der Erdkruste erlauben zu entweichen.

Verdacht: Eine Ölfirma verursachte die Katastrophe

Gestritten wird auch über die Ursache von Lusi - eine Wortschöpfung aus Lumpur, dem indonesischen Begriff für Schlamm, und Sidoarjo, dem Namen der Stadt. Für eine Reihe von Wissenschaftlern wie Professor Davies ist die indonesische Ölfirma Lapindo Brantas die Schuldige. Eine Bohrung nach Gas sei damals im Mai 2006 dramatisch schief gelaufen. Davies sagt mit Nachdruck: "Ich bin zu 98 Prozent sicher, dass die Bohrung am Bohrloch 'Banjar Panji-1' den Schlammvulkan verursacht hat."

Lapindas Brantas gehört zum Firmenimperium von Aburizal Bakrie. Der ist laut der Milliardärsliste des Forbes-Magazins mit einem Vermögen von fünf Milliarden US-Dollar der reichste Mann Indonesiens. Und amtierender Sozialminister. Das Unternehmen weist jede Verantwortung von sich. Lapindo Brantas sieht in dem Erdbeben, das zwei Tage vor dem Ausbruch von Lusi im gut 300 Kilometer entfernten Yogyakarta 6000 Menschen das Leben gekostet hatte, den Schuldigen. Davies weist die Erdbebenthese zurück. "Das Beben war zu schwach und zu weit entfernt."

Stündlich 48.000 Badewannen voll Schlamm

Seit dem Unglückstag im Mai vor zwei Jahren spuckt Lusi täglich schätzungsweise 176.000 Kubikmeter Schlamm aus. Das ist genug, um stündlich 48.000 Badewannen zu füllen. 800 Hektar Land sind bereits von den Schlammmassen bedeckt. Zwölf Dörfer hat Lusi verschlungen, mehr als 15.000 Menschen haben ihre Häuser, Reisfelder, Werkstätten: ihre gesamte Lebensgrundlage verloren. Zerstört hat Lusi 25 Leder- und Textilfabriken, die größten Arbeitgeber der Region, aber auch Straßen, eine Eisenbahnlinie, eine wichtige Stromversorgungslinie für die dicht besiedelte Region.

Die Hilfe für die Betroffenen ist bescheiden. Indonesiens Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono, zu dessen Wahlkampf im 2004 Bakrie großzügig gespendet haben soll, hat Lapindo Brantas angewiesen, umgerechnet etwa 250 Millionen Euro als Entschädigung an die Betroffenen zu zahlen. Viel ist von dem Geld noch nicht bei den Opfern angekommen. "Lapindo Brantas verzögert die Auszahlung vorsätzlich", sagt Win, einer der wenigen Bürgerrechtsaktivisten, die die Lusi-Opfer in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützen. Lapindo weist den Vorwurf von sich und sagt, die Schuld für die Zahlungsverzögerung liege bei den Betroffenen selbst. Viele könnten nicht nachweisen, dass das im Schlamm versunkene Haus ihnen gehört habe.

Pumpen kommen nicht gegen die Schlammmassen an

Versuche, den Schlamm einzudämmen, sind bisher fehlgeschlagen. Erst wurden mehr als 1500 Zementblöcke im Loch versenkt, in der Hoffnung, es zu stopfen. Vergeblich. Jetzt wird der 80 bis 100 Grad heiße Schlamm durch Rohre in den Fluss Porong gepumpt, der den Dreck in die Java-See transportieren soll. Die Pumpen aber schaffen die Schlammmassen nicht. Daher bereiten die Experten den direkten Abfluss des Schlamms in den Porong vor. Dem Versuch werden die drei Dörfer Besuki, Kedungcankring und Pejarakan geopfert. Weitere Menschen werden ihre Heimat verlieren.

Niemand weiß, welche langfristigen Umweltschäden entstehen können, wenn der Schlamm in den Porong und ins Meer geleitet wird. Er könnte den Fluss verstopfen und zu Überschwemmungen in der 2,5 Millionen Einwohner zählenden Stadt Surabaya führen, warnen Experten. Eine Studie im Auftrag der Vereinten Nationen kommt zu dem Schluss, der Schlamm könne den Fluss und küstennahe Gebiete versalzen und dadurch das Land unfruchtbar machen. Schon jetzt werden Reisfelder durch den Schlamm unbenutzbar. Viele der Fisch- und Shrimpsfarmen, die Sidoarjos Ruf als zweitgrößter Shrimpsproduzent Indonesiens begründen, stehen vor dem Aus.

Gegen das Gas wird noch nichts getan. Nicht einmal die Evakuierung der besonders bedrohten Dörfer ziehen die Behörden in Erwägung. Sie vertreten den Standpunkt, dass erst die Ursache geklärt werden müsse. "Das ist ein Skandal", empört sich Win. "Methan ist sehr gefährlich. Wenn es sich mit Luft vermischt, kann es sogar explodieren. Da ist es doch egal, woher das Gas stammt."

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