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Irrfahrt: Odyssee in der Ostsee

Jetzt ist er wieder unterwegs: Der Finnwal, der sich erst in Flensburg und dann in der Kieler Förde verirrte, ist möglicherweise auf dem Weg in Richtung der Ostseeinsel Fehmarn.

Der Finnwal aus der Kieler Förde ist möglicherweise auf dem Weg in Richtung der Ostseeinsel Fehmarn. Nach Angaben der Wasserschutzpolizei vom Freitag will ein Segler ihn in der Nähe von Heiligenhafen gesehen haben. Eine Bestätigung dafür gebe es aber nicht, sagte Polizeisprecherin Maren Soltwedel. "Uns wurde der Wal offiziell zuletzt am späten Mittwochabend gemeldet." Augenzeugen wollen das Tier allerdings noch am Donnerstagmittag in der Kieler Förde beobachtet haben. Der etwa 15 Meter lange Meeressäuger hatte sich zuvor mehrere Tage lang in der Förde aufgehalten und zahlreiche "Waltouristen" angelockt.

Gesamtzustand des Wals wahrscheinlich gut

"Wohin genau er jetzt schwimmt, ist derzeit kaum abzuschätzen", sagte Andrea Cederquist, Meeresbiologin bei Greenpeace in Hamburg. "Wir hoffen, dass es ihm gelingt, einen Ausweg aus der Ost- in die Nordsee zu finden." Allerdings sei nicht auszuschließen, dass sich der Wal erneut in den Förden verirre. Spekulationen über eine eventuelle Unterernährung trat die Wissenschaftlerin entgegen. "Nach unseren Erkenntnissen ist der Gesamtzustand des Wals soweit in Ordnung. Ein Nahrungsmangel ist nicht zu befürchten." Da es sich um ein Jungtier handele, verfüge das Exemplar aus der Kieler Förde ohnehin nicht über die großen Fettpolster ausgewachsener Finnwale. "Diese Walart ist von Natur aus eher schlank", sagte Cederquist.

Susanne Prahl ist da anderer Meinung. Die Walexpertin des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste (FTZ)sagte: "Die Gefahr, dass der Wal in der Ostsee verhungert, ist groß, weil er hauptsächlich von Plankton lebt". Große Vorkommen der kleinen Krebse gibt es in der Ostsee jedoch nicht. "Augenzeugen wollen gesehen haben, dass das Tier schon sehr abgemagert ist", betonte die Walexpertin

Der Winter könnte zur Bedrohung werden

Langfristig gefährlich werden könnte es für den umherirrenden Finnwal, wenn dieser bis zum Wintereinbruch nicht den Weg in die wärmere Nordsee finde. "Schwimmt er weiter in östlicher Richtung, könnte er bei Eisbildung eingeschlossen werden." Nach Ansicht von Cederquist ist der Wal wahrscheinlich auf der Jagd nach Kleinfischschwärmen im Kattegatt falsch abgebogen. "Allerdings ist über das Wanderungsverhalten der Tiere noch zu wenig bekannt, als dass sich hier völlig gesicherte Angaben machen lassen."

Man kann dem Tier leider nicht helfen

Ob der Wal den Weg in den Atlantik zurück findet, ist ungewiss. Momentan suche er offenbar die Küste ab, um einen Weg nach Westen zu finden.

"Menschliche Hilfe wäre für den Finnwal totaler Stress und würde das Tier mehr gefährden als die augenblickliche Situation", ist Susanne Prahl überzeugt. Finnwale gehören zu den Bartenwalen und leben normalerweise im Atlantik, in der Nordsee und im nördlichen Polarmeer. Warum sich der Wal in die Ostsee verirrt hat, ist nach den Erkenntnissen des Forschungs- und Technologiezentrums in Büsum nicht klar. "Wir haben keine Vermutung", sagte Prahl. Über das Orientierungssystem von Finnwalen sei bislang noch wenig bekannt.

"Wir haben aber die große Hoffnung, dass der Meeressäuger über die Nordspitze von Dänemark zurück in die Nordsee findet, weil er sich auf dem Weg in seine natürlichen Nahrungsgebiete befunden haben muss, als er sich verirrte", meint Prahl.

Diese Hoffnung wird vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium in Kiel geteilt. "Man kann nichts machen, um dem Wal zu helfen", sagte Ministeriums-Sprecherin Claudia Vißel. "Er muss schon alleine nach Hause finden."

Bis zu 80 Tonnen schwer

Finnwale sind mit einer Länge von 15 bis 25 Metern nach den Blauwalen die zweitgrößten Furchenwale. Sie können bis zu 80 Tonnen wiegen und sich schneller als Segelschiffe fortbewegen. Finnwale halten sich vorwiegend in allen Meeren gemäßigter Klimazonen auf. Die Bestände des ehemals beliebten Jagdobjektes sind heute stark dezimiert, der Finnwal gilt als bedrohte Tierart. Laut WWF soll es nur noch 50.000 bis 90.000 lebende Tiere geben.