Klimawandel Der Siegeszug des Schleims


Ein riesiger Quallenschwarm vernichtete in Nordirland den gesamten Bestand einer Lachsfarm: 100.000 Fische starben durch die Nesseltiere. Auf Quallenplagen müssen wir uns in Zukunft stärker einstellen, weil die Tiere vom Klimawandel und der Überfischung profitieren. Meeresbiologen sprechen sogar schon vom "Rise of the Slime"
Von Nina Bublitz

Leuchtquallen im Mittelmeer, Rippenquallen in der Ostsee: Quallenplagen sind längst keine Seltenheit mehr. Vergangene Woche klang eine Meldung über die Tiere sogar wie eine Passage aus Frank Schätzings düsterem Öko-Thriller "Der Schwarm": Ein Schwarm Leuchtquallen (Pelagia noctilua) soll eine Lachsfarm in Nordirland regelrecht angegriffen haben. 100.000 Fische starben in den Käfigen der Aquakultur durch die giftigen Nesseln der Quallen.

Ganz so zielgerichtet gingen die Quallen allerdings nicht vor. Denn erst einmal kann man einen Quallenschwarm nicht mit einem Fischschwarm vergleichen: Die Tiere finden sich nicht zum Schwarm zusammen, sie werden schlicht durch die Meeresströmung zusammengetrieben. Und: "Quallen sind keine aktiven Jäger, sie können ja schlecht einen fliehenden Fisch verfolgen", erklärt Professor Ulrich Sommer, Meeresbiologe am IFM-Geomar in Kiel. Der "Angriff" auf die Lachsfarm war eigentlich ein Unfall – und nicht einmal ein Festmahl für die Nesseltiere. "Quallen sind gar nicht in der Lage, Fische zu fressen, die so groß wie Lachse sind." Vielmehr konkurrieren Quallen mit vielen kleineren Fischarten, weil sie sich ebenfalls von Zooplankton - kleinsten Meereslebewesen wie etwa dem Krill - ernähren.

Klimwandel und Überfischung nutzen den Quallen

Ein Grund für häufigere Quallenplagen ist die Überfischung: Weil die Konkurrenz geringer wird, vermehren sich die Nesseltiere. In Verbindung mit den Klimawandel führt die Überfischung zum "Rise of the Slime" - dem "Aufstieg des Schleims", wie der kalifornische Meeresbiologe Jeremy Jackson die zunehmende Verbreitung und Häufigkeit von Quallen nennt. Warum der Klimawandel den Quallen so gut zu bekommen scheint, erklärt Sommer: "Quallen profitieren von schnellen Umweltveränderungen. Dabei geht es gar nicht um die Richtung der Veränderung, sondern um die Geschwindigkeit. Fische passen sich neuen Bedingungen langsamer an, die Quallen füllen dann die Lücke. Vergleichen kann man das mit Unkraut, das auch schnell wächst und deshalb immer wieder hochschießt."

Einen weiteren großen Vorteil haben die Glibbertiere außerdem: Abgesehen von einigen seltenen Fischarten und manchen Meeresschildkröten hat die Qualle nur einen Fressfeind: größere Quallen. Alle anderen Tiere machen einen Bogen um die Tiere: Von der Ohren- bis zur Feuerqualle verfügen schließlich alle über mehr oder weniger starke Nesseln, denen Fischer verständlicherweise lieber ausweichen. Und selbst Rippenquallen, die keine Nesseln besitzen, bestehen zu 99 Prozent aus Wasser. Der Verzehr lohnt also kaum.

In Zukunft werden wir uns auf häufigere Quallenplagen einstellen müssen, vermutet Sommer. Denn: "Im Prinzip müssten sich zwei Rahmenbedingungen ändern, damit sich der Quallenbestand wieder verringert: Zum einen müssten sich die Umweltbedingungen stabilisieren, zum anderen müsste die Überfischung aufhören. Aber das ist ja eher unwahrscheinlich." Dass Quallenschwärme regelmäßig Lachsfarmen "angreifen", ist immerhin nicht zu befürchten.


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