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Autotrend Keine Lust auf Reifenwechsel: Ganzjahresreifen auf Siegeszug

Auf geschlossener Schneedecke haben echte Winterreifen noch Vorteile - aber an den wenigsten Ort liegt im Winter überwiegend Schnee auf der Straße. 
Auf geschlossener Schneedecke haben echte Winterreifen noch Vorteile - aber an den wenigsten Ort liegt im Winter überwiegend Schnee auf der Straße. 
Im Sommer Sommerreifen und im Winter Winterreifen – das war früher der Standard. Heute wird der Reifenwechsel zum Sonderfall.

Das liegt daran, dass Ganzjahresreifen auch im Winter immer besser werden, wie zahlreiche Test beweisen. Noch vor zehn Jahren waren Ganzjahresreifen ein fauler Kompromiss, das änderte sich, als Michelin in 2015 den CrossClimate vorstellte. Inzwischen hat auch die Konkurrenz nachgezogen, Ganzjahresreifen erreichen heute fast die Leistungen der Spezialisten. Und auch dieses „fast“ ist erklärungsbedürftig. Richtig ist, auf lockerem oder festgefahrenem Schnee erreichen reine Winterreifen bessere Bremswerte. Unter "idealen" Bedingungen wie einer griffigen Fahrbahn, die aber satt mit Schneematsch bedeckt ist, deklassieren reine Winterreifen nach wie vor Ganzjahresreifen.

Auf trockener oder nasser Fahrbahn kann das Bild aber ganz anders aussehen. Im nördlichen Finnland ist man mit reinen Winterreifen oder gar Spikes also gut bedient. Doch in Deutschland kann man in vielen Regionen, insbesondere in Norddeutschland, nicht mehr mit einer festen Schneedecke von sechs Monaten rechnen. Wer sich für den Schnee rüstet, ist häufiger bei Sonnenschein oder bei Dauerregen unterwegs. Über die Saison hinweg können Alljahresreifen also eine gute Alternative zu Winterreifen sein. Ihre Schwächen an manchen Schneetagen werden von ihren Stärken an den gemässigten Tagen aufgewogen.

Es fragt sich also für jeden Fahrer: Wann sind die Straßen überhaupt noch weiß? Die Durchschnittstemperaturen in Deutschland fallen selbst in den Wintermonaten Dezember, Januar, Februar nur noch selten unter 0 Grad. Wie soll da eine lang anhaltende Schneedecke entstehen?

Möglichst wenig Werkstatt

„Ganzjahresreifen sind ein Segment, welches kontinuierlich durch die Kundennachfrage wächst,“ sagt Theres Gosztonyi, Vice President Sales B2C bei Michelin. „Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend wegen der klimatischen Veränderungen, der höheren Temperaturen und der späteren Winter noch verstärken wird.“ Dazu kommt der Zeitfaktor. „Wir sehen auch, dass die Menschen sorgsamer mit ihrer Zeit umgehen. 60 Prozent gaben in einer Umfrage an, dass sie mehr Geld für Produkte und Services ausgeben, die ihr Leben einfacher machen,“ so Gosztonyi. Ein Auto soll problemlos funktionieren. Autopflege als Hobby hat ausgedient. „Wir haben auch die Frage gestellt, womit wollen Sie ihre Zeit verbringen? Da hat das Auto nicht mehr die Priorität wie früher. Insbesondere der Reifenwechsel wird als notwendiges Übel angesehen.“ Zweimal im Jahr müssen die Reifen sonst gewechselt werden. Das heißt zweimal Besuch bei einer Werkstätte. Wenn man dabei berücksichtigt, dass ein neuerer Wagen nur alle zwei Jahre einmal für TÜV und Inspektion in die Werkstatt muss, sind Reifen aufwendig. Die Kosten liegen bei zweimaligem Wechsel und Einlagerung bei mindestens 100 Euro im Jahr – in fünf Jahren kommen immerhin 500 zusammen. So viel kostet in etwa ein Satz Marken-Gummis für einen Mittelklassewagen. Natürlich sollten auch Ganzjahresreifen regelmäßig auf ihren Zustand überprüft werden. Und ein Tipp: Profis in den Werkstätten können in der Regel gut einschätzen, ob ein Ganzjahresreifen zum Fahrprofil passt.

Die Felgen-Frage

Zeit, Kosten und gute Performance sprechen für die Ganzjahresschlappen, dazu kommen weitere Gründe. Etwa die Eitelkeit: Nur die wenigsten Fahrer, die Winterreifen nutzen, gönnen sich einen zweiten Satz Alufelgen. Dann fährt ein Wagen, der über 50.000 Euro gekostet hat, ein halbes Jahr mit unansehnlichen Stahlfelgen herum. „Reifen sind von den Herstellern für Sicherheit, Komfort, Fahrspaß und auch Nachhaltigkeit optimiert. Für mich persönlich sind Reifen auch ein Design-Element und es ist schade, in Summe schöne Fahrzeuge zu sehen, die aber unten irgendwie nach Reservereifen aussehen“, bedauert die Michelin Managerin. Die Verbreitung von Leasing auch unter Privatleuten ergibt ein Übriges. Für nur zwei Winter möchte sich niemand einen weiteren Satz Reifen zulegen, den er nach Rückgabe des Fahrzeugs bei E-Bay verkaufen muss. Im Autoabo werden nur Alljahresreifen aufgezogen, denn sonst müsste der Vermieter die Kosten für den Reifenwechsel tragen. Immer mehr Hersteller liefern die Autos zudem mit Ganzjahresreifen aus. So wird der gewohnte Reifenwechsel verlernt. Wer das erst mal erlebt hat, steigt kaum wieder auf zwei Paare um.

Wie lange bleibt ein guter Reifen auch wirklich gut?

Die Reifen des Erstausrüsters halten einige Jahre. Danach orientieren sich Kunden beim Reifenkauf an den Testergebnissen der Autozeitschriften und der Automobilklubs. „Wir wissen, dass das Abschneiden der Reifen in den großen Tests für viele Kunden wichtig als Orientierung für die Kaufentscheidung ist.“ Sich an den Testsieger zu halten, fällt auch einfach, weil die Reifen der Markenhersteller zwar nicht exakt das gleiche kosten, sich preislich aber nicht stark unterscheiden. Wirklich sparen, kann man nur mit No-Name-Reifen. Sie kosten teilweise 50 Prozent eines Markenprodukts. Sind schneiden in den Tests allerdings auch deutlich schlechter ab. Hinzu kommt, dass die Kosten für Aufziehen, Wuchten und Montage des Reifensatzes immer gleich sind.

„Wenn die Kosten auf die Lebensdauer umgelegt werden, relativiert sich der Preisvorteil meist.“ Das ist ein generelles Problem von Tests. Eine Waschmaschine wäscht nach fünf Jahren nicht schlechter als zu Beginn, doch die Leistung von Reifen verändert sich. „Wir prüfen auch, wie sich die Reifen im eingefahrenen Zustand bewähren. Wie gut sie über ihre ganze Lebensspanne sind –bis hin zu einer Profiltiefe von 1,6 Millimetern. Und da wage ich zu sagen, gibt es auch unter den Premiumherstellern Unterschiede“, sagt die Managerin von Michelin.

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