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Klimawandel: Küstenalarm im Touristenparadies

Häuser werden unterspült, Bäume entwurzelt: In Kolumbien frisst sich das Meer immer weiter in die Küste hinein, 100 Hektar Land sind dadurch bereits verschwunden. Besonders bedroht von den verheerenden Folgen des Klimawandels ist die bei Touristen beliebte Stadt Cartagena de Indias an der Karibik-Küste.

Von Tobias Käufer, Bogota

Mächtig und stolz kündigen die Festungsmauern von Cartagena de Indias vom weltbekannten kolonialen Erbe der kolumbianischen Stadt. Doch die Karibikperle, Anlaufstelle für Kreuzfahrtschiffe und für Liebhaber nostalgischer Bauten aus dem Mittelalter, ist in Gefahr: Diesmal sind es allerdings keine kriegslüsternen, lauten Soldaten, die das Gemäuer einnehmen wollen. Diesmal kommt der Feind leise und scheinbar unaufhaltsam. Langsam und stetig wirkt die globale Erderwärmung auf die malerischen Küsten Kolumbien – die Aussichten sind äußerst düster.

Bereits jetzt sind 515 Kilometer Küstenstreifen zerstört und oder zumindest Mitleidenschaft gezogen, hat das Institut für Meeres- und Küstenforschung (Invemar) diagnostiziert, das dem kolumbianischen Umweltministerium unterstellt ist. "Der Meeresspiegel steigt stetig an", sagt Jose Daniel Pabon von Universität Nacional in Bogota im Gespräch mit stern.de. Der Geograf erforscht das Phänomen seit vielen Jahren und kommt zu einer erschreckenden Prognose: Hält der derzeitige Anstieg des Meeresspiegels an, wäre im Jahr 2100 ein um 40 Zentimeter höherer Pegel erreicht.

Für eine Stadt, die vom Tourismus lebt und nur zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine verheerende Vorhersage. Sogar die wertvolle koloniale Bausubstanz sei in Gefahr, befürchten die Wissenschaftler. Vor der Landkarte seines Landes stehend, deutet Pabon in seinem Büro in der kolumbianischen Hauptstadt auf mehr als eine Handvoll küstennaher Landstriche, für die es bis zum Jahrhundertwechsel dramatisch werden könnte.

Noch höher als im karibischen Cartagena de Indias steigt das Wasser an der Pazifikküste: Hier könnte sogar ein Mehr um 60 Zentimeter bis zum Jahrhundertwechsel erreicht sein. Mit dramatischen Folgen: Kilometerweit würde das Wasser in die flachen Küstengebiete eindringen. Ganze Städte und Dörfe in Küstennähe sind bedroht.

Unterspülte Häuser, entwurzelte Bäume

Die ersten Vorboten dieser drohenden Projektion sind bereits messbar. Im Departament La Guajira sind laut Untersuchungen der Küstenforscher von Invemar bereits 183 Kilometer Küstenstreifen betroffen. Die Provinz im äußersten Nordosten des Landes muss am stärksten darunter leiden, dass das Meer sich in die Küste hineinfrisst. Die aus der Erderwärmung resultierende Eisschmelze an den Polen sorgt für zusätzliche Wassermassen, die für einen Anstieg des Meeresspiegels mitverantwortlich sind.

Die Auswirkungen der Erosion sind an vielen Küstenabschnitten zu beobachten: In Lo Boquilla bei Cartagena sind zahlreiche Häuser direkt an der Küste von den Fluten unterspült, in Dibulla werden Bäume durch das steigende Wasser entwurzelt. Meterweise bricht die Landmasse und Gestein ins Meer und hinterlässt tiefe Einschnitte, Stück für Stück weicht die Küstenlinie zurück.

Bislang hat sich das Meer bereits über 100 Hektar Land geholt. Das ist zwar auf den Küstenstreifen verteilt nur eine kleine Menge, aber ein Warnschuss, der Schlimmes befürchten lässt. Bereits 1000 Häuser habe "das Meer verspeist", berichtete die kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" in einer aufrüttelnden Reportage.

Dazu kommt, dass menschliche Einflüsse die Auswirkungen der Erosion noch verstärken. Die Rodung der so typischen Mangrovensträucher beschleunige das Phänomen noch, erklärt Geologin Blanco Oliva Posada von Invemar. Das Holz wird für den Bau von Häusern oder Hotels verwertet. Die Wurzeln der Pflanzen, die das Erdreich halten, fehlen dann im Kampf gegen die Erosion durch die Fluten, die am Land nagen. Auch der Bau der Häuser in Küstennähe könne den Transport der Sedimente stören, zitiert "El Tiempo" die Wissenschaftlerin. Ebenso seien Eingriffe in die Flußläufe ein verstärkender Faktor.

Die kolumbianische Regierung hat sich dem Problem nun endlich angenommen und hat ein mehrere Millionen Euro schweres Programm aufgelegt: Vor allem in Modernisierung des Deich- und Dammbaus fließt das Geld. Ob das allerdings reicht, um die Kolumbianer, die in Küstennähe leben, vor dem schleichenden Verlust von Landmasse zu schützen, ist eher zweifelhaft.

Treibhausgase müssen reduziert werden

Für Jose Daniel Pabon gibt es nur eine Lösung: "Wir müssen weltweit den Ausstoß der Treibhausgase reduzieren. Nur wenn das gelingt, gibt es eine Chance den Lauf der Dinge zumindest zu verlangsamen", sagt der Geograf. Bis dahin berichten die kolumbianischen Wissenschaftler dem "Weltklimarat" (Intergovernmental Panel on Climate Change) und dem kolumbianischen Institut für Meteorologie, Hydrologie und Umweltstudien. Die Daten werden dort gesammelt, um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und einen Überblick über die Lage zu gewinnen.

Zumindest den Humor hat Wissenschaftler Pabon noch nicht verloren: Auf die Frage, ob er sich jetzt auch eines der vielen teuren Apartments kaufen würde, die in der Touristenmetropole Cartagena derzeit in Strandnähe gebaut werden, sagt er: "Ich glaube, ich würde mein Geld eher in ein Haus in den Bergen investieren, wenn ich denn welches hätte."