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Naturschutz in Deutschland: Hehre Worte und kein Durchblick

Wenn im Mai in Bonn der "Weltnaturschutzgipfel" tagt, sind peinliche Momente programmiert. Denn präzise Zahlen und Daten zum Natur- und Artenschutz in Deutschland existieren nicht. Das zeigt eine aktuelle Erhebung in der Mai-Ausgabe des Magazins "Geo".

Im Mai findet in Bonn die UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt statt, zu der 5000 Teilnehmer aus 190 Ländern erwartet werden. "Wir müssen alles daran setzen, dass wir die Artenvielfalt erhalten", hat Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich im Vorfeld der Konferenz gefordert. Doch auf dem "Weltnaturschutzgipfel" werden weder die Kanzlerin noch ihr Umweltminister präzise Zahlen und Daten zum Natur- und Artenschutz in Deutschland nennen können. Denn dafür wären die 16 Bundesländer zuständig. Und sie liefern ein Musterbeispiel für föderale Diversität - in puncto Bürokratie.

Sie arbeiten mit völlig unterschiedlichen Haushaltstiteln, Zuordnungen und Berechnungsweisen. Der Flächenanteil der streng geschützten Gebiete ist sehr unterschiedlich. Und die einzige umfassende Studie zu den Finanzmitteln im Naturschutz stammt nicht aus Sigmar Gabriels Ministerium, sondern von einer Doktorandin. Sie betrifft das Jahr 1999, DM-Zeiten. Damals hatte das Saarland umgerechnet 1,30 Euro pro Kopf und Jahr ausgegeben, Mecklenburg-Vorpommern dagegen 22,65 Euro.

Wie sieht die Lage neun Jahre und etliche Regierungswechsel später aus? Eine aktuelle Erhebung des Magazins "Geo" belegt weiterhin hohen Nachholbedarf in Sachen Transparenz: So ist längst nicht allen Ministerien bekannt, wie viel sie etwa für Personal im Naturschutz ausgeben. Manche nennen Beträge auf den Euro genau, andere sehen sich nicht einmal zu Schätzungen in der Lage. "Hierzu sind keine zielführenden Angaben möglich", heißt es aus Baden-Württemberg.

Eine unhaltbare Situation

In anderen Fällen liegen Zahlen vor, aber sie sind nicht vergleichbar. So bleibt unklar, ob es gut oder schlecht ist, dass Schleswig-Holstein in seinen Wattenmeer-Nationalpark im Jahr 2007 nur 42.000 Euro investiert hat, Sachsen dagegen in den Nationalpark Sächsische Schweiz mehr als das Hundertfache, 4,3 Millionen Euro. Denn in Schleswig-Holstein ist eine GmbH für den Nationalpark zuständig, die Einnahmen und Ausgaben verrechnet; anderswo nicht.

Eine unhaltbare Situation. Denn ohne vergleichbare und belastbare Daten fehlt der Überblick, wer sich wie stark im Naturschutz engagiert. Eine konsequente Politik zum Erhalt der biologischen Vielfalt wird unmöglich. Ohne seriöse Statistiken hat Deutschland außerdem Probleme, seine internationalen Berichtspflichten, etwa im Rahmen der Biodiversitäts-Konvention, zu erfüllen. "Kollegen aus dem Ausland fragen immer wieder, warum in Deutschland keine systematischen Finanzdaten vorliegen", sagt Burkhard Schweppe-Kraft, stellvertretender Fachgebietsleiter im Bundesamt für Naturschutz. "Viele Entwicklungsländer haben bessere Daten als wir."

Dass Föderalismus und Transparenz vereinbar sind, zeigt die Schweiz. Die Eidgenossen ermitteln systematisch die Naturschutzausgaben von Kommunen, Kantonen und Bund - auch, um zu zeigen, "wie sehr sich unser Land um seine Natur kümmert". In Deutschland hat die zuständige "Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung" (LANA) vor dieser Aufgabe kapituliert. Anfang der 1990er Jahre hat sie sich nicht auf gemeinsame Standards einigen konnten. Einen neuen Anlauf werde es vorerst nicht geben, erklärt der LANA-Vorsitzende Detlef Szymanski. Vergleiche seien nicht gewollt, weil kein Land "gern die rote Laterne trägt".