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Obereichstätt: Mit Fleischkas-Schifferln gegen Tausendfüßler

Sie krabbeln jeden Herbst auf Obereichstätt zu, erobern Straßen und Vorgärten. Das bayerische Örtchen leidet unter einer Invasion der Tausendfüßler. Doch in diesem Jahr haben die Bürger den Krabbeltieren den Kampf angesagt - und setzen dabei auf Fleischkas-Schifferln und Mauerbau.

Es ist der Stoff aus dem Horrorfilme gemacht sind: Sobald die Sonne hinter den Hügeln verschwunden ist, fallen Millionen kleiner Tausendfüßler über ein kleines Dorf her. Sie kriechen die Hauswände hoch, in jede noch so kleine Spalte, immer dem Licht hinterher. Mit ihnen kommt der Gestank - ein Gestank, der oft noch Stunden später an die ungebetenen Besucher erinnert. Im 700-Seelen-Örtchen Obereichstätt (Landkreis Eichstätt) wird dies jeden Herbst Realität. Jetzt haben die Bewohner den Tausendfüßlern den Krieg erklärt.

Blechmauer gegen Tausendfüßler

Eine rund 30 Zentimeter hohe Blechmauer schützt Obereichstätt, einen Ortsteil des oberbayerischen Dollnstein, seit September vor der nächtlichen Invasion der Krabbeltiere. Das Bollwerk soll die Gemeinde dauerhaft vor den Eindringlingen schützen. Und sollten die kleinen Krabbler den Blechwall dennoch überwinden, dann werden sie spätestens an einer weiteren Schutzvorrichtung scheitern: an Fleichschkas-Schifferln. Das sind ganz normale Backformen, mit denen sich der bayerntypische Fleischkäse im heimischen Backofen herstellen lässt. Einer Idee von Bürgermeister Harrer folgenden, vergruben die Obereichstätter die Formen als Lebendfallen direkt hinter dem Blechwall. Im Wechsel patrouillieren die Anwohner einmal pro Tag entlang der fast 200 Meter langen Tausendfüßler-Barriere und sammeln die Tierchen aus den Fallen ein. Und um Tierschützer nicht auf den Plan zu rufen, würden sie die Tausendfüßler nicht töten, sondern sie im Wald fernab von Siedlungen wieder aussetzen, wie Bürgermeister Harrer versichert.

Im Kampf gegen die Insekten setzten die Obereichstätter aber noch auf eine weitere Abwehrstrategie: Nachts bleibt es dort einfach dunkel. "Dieser Ortsteil ist absolut Straßenlampenfrei", sagt Bürgermeister Hans Harrer. Kein unnötiger Lichtschein soll die Tausendfüßler anlocken.

Seit mehreren Jahren schon werden die Obereichstätter im Herbst, manchmal auch im Frühjahr, von ihnen heimgesucht. Die rund drei Zentimeter langen Tierchen, im Wissenschaftsjargon "Megaphyllum unilineatum" genannt, kommen aus den brach liegenden Feldern im Westen des Dorfes. Allnächtlich belagern sie alles, was beleuchtet ist: Mauern, Gärten, sogar ganze Häuser. Bei Morgengrauen sind sie dann wieder weg.

"Das war wie im Horrofilm"

Ihren bisherigen Höhepunkt erreichten die nächtlichen Tausendfüßler-Überfälle im vergangenen Jahr: "Das war wie im Horrorfilm", sagt Bernhard Koderer. Der 45-Jährige wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern am Ortsrand von Obereichstätt. Die Straße zu seinem Haus war 2006 mit den schwarz schimmernden Tausendfüßlern bedeckt. "Man hat keinen Weg gefunden, ohne dass man auf so ein Viech draufsteigt", sagt Koderer. "Das hat nur so geknackt unter den Schuhsohlen." Der Geruch, der in der Luft lag, sei "unbeschreiblich penetrant" gewesen.

Schuld sind die Wehrdrüsen der Tausendfüßler. In Gefahrensituationen sondern sie Benzochinon ab - einen giftigen Stoff, der wie verbranntes Plastik riecht. Es ist auch der Grund, warum die Tiere fast keine natürlichen Feinde haben. Tausendfüßler gehören zu den ältesten Lebewesen der Erde. Weltweit gibt es derzeit mehr als 10.000 verschiedene Arten. Die in Deutschland heimischen Exemplare ernähren sich vor allem von verrottenden Pflanzen, weshalb sie eigentlich gern gesehene Helfer im Komposthaufen sind. Schon früher wurden sie allerdings gelegentlich zur Plage: 1900 mussten im Elsass ganze Züge gestoppt werden, weil Tausendfüßler die Gleise belagert hatten und die Lokomotiven auf den Schienen keinen Halt mehr fanden.

In den vergangenen Jahren litten neben Obereichstätt auch Orte in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und dem österreichischen Vorarlberg unter massenhaft auftretenden Tausendfüßlern. Die Gründe dafür sind bislang weitgehend unbekannt. Milde Winter, warme Sommer und günstige Bodenverhältnisse könnten eine Erklärung sein, sagt der Dachauer Tausendfüßler-Experte Jörg Spelda. Ihn beauftragte die Gemeinde Dollnstein um das Obereichstätter Tausendfüßler-Problem zu lösen. "Warum sie sich genau dort so extrem ausbreiten und an anderen Orten mit ähnlichen Verhältnissen nicht, lässt sich aber nicht sicher sagen", erklärt Spelda. Es bleibe ein Naturphänomen.

Gift kam nicht in Frage

Um den wirbellosen Krabblern dennoch Herr zu werden, empfahl er den Bau der Tausendfüßler-Mauer. Die Tiere mit Chemikalien zu bekämpfen sei in Obereichstätt nicht in Frage gekommen, da die Felder in einem Wasserschutzgebiet liegen. "Man müsste so große Mengen an Gift ausbringen, dass dadurch auch die ganze andere Umwelt geschädigt würde", erklärt Spelda.

Die Kosten für den Tausendfüßlerschutz, insgesamt rund 6000 Euro, teilt sich die Gemeinde mit dem örtlichen Wasserzweckverband - für Bürgermeister Harrer schon jetzt eine lohnende Investition: "So wie es bisher aussieht, haben wir das Problem damit gelöst." Momentan sei der Spuk laut Haurer ohnehin vorbei. Doch die nächste Plage kommt bestimmt.

Frederik Obermaier/DPA/hes / DPA
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