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Schweinemast: "Perlen für die Säue"

Die EU will die Schweinemast artgerechter machen - also mussten sich die niederländischen Bauernverbände etwas einfallen lassen. Sie beauftragten fünf Künstler, Futter-Spielzeug zu entwerfen, das die Tiere zum Suchen, Schnuppern und Stöbern verführt. Die Prototypen wurden nun vorgestellt.

Von Albert Eikenaar

Schweine führen ein Hundeleben, eingepfercht in die riesigen Ställen der Agrarindustrie, wo sie sich kaum bewegen können. Der Boden ist aus Beton oder hartem Kunststoff, das hilft dem Bauer, den Stall schnell sauber zu spülen. Aber die Lieblingsbeschäftigung der Schweine - sich im Matsch rollen und wühlen - ist nicht mehr drin. Also amüsieren sich die armen Schweine damit, aneinander zu beißen und sich aus Langeweile gegenseitig die Ringelschwänze abzunagen - oft bis der Hintern blutet.

Die frustrierten Schweinehalter bekämpfen diesen Trieb, indem sie jungen Ferkeln die Schwänze abtrennen. Wenn's kein Sterzchen gibt, kann er nicht abgebissen werden, meinen die Bauern. Dieser Eingriff jedoch beendet nicht den Stress der Tiere, im Gegenteil. Ihr Leben ist noch eintöniger geworden. Das tiefe Bedürfnis zum Wühlen bleibt nach wie vor. Schweine wollen ihre Agressionen auf natürliche Art und Weise loswerden - und das geht nicht.

Was will das Schwein?

Jahrelang haben Tierschutzorganisationen diese grausame Praxis der Massentierhaltung angeprangert. Nun hat die EU Maßnahmen ergriffen, um der Quälerei ein Ende zu setzen. Ab Anfang Juli 2007 müssen Eber und Säue ein lustiges, lockeres Leben führen können - mit mehr Abwechslung, Platz, Ablenkung und Freiheit als bisher. So hat es die EU-Kommission verordnet.

Auf die Bauern rollt deshalb eine große Frage zu: Wie bietet man unseren tierischen Speck- und Kotelett-Produzenten eine artgerechte Existenz? Muss es Räume geben, die es ihnen ermöglichen, sich nach Herzenslaune im Schlamm zu wälzen? Was will das Schwein?

Nase aktiviert

In den Niederlanden, einem der größten Schweinezuchtländer Europas, haben sich Bauernverbände, Viehwissenschaftler und Tierschützer zusammengesetzt. Sie suchten nach Methoden, den traurigen Alltag im Schweinestall aufzumöbeln. Dabei dämmerte ihnen eine alte, wichtige Erkenntnis: Schweine wollen nicht einfach gefüttert werden, sondern ihr Futter aktiv aufstöbern. Aber wie lässt sich diese Methode installieren, ohne den Bauern zu viel Kosten und Arbeitsaufwand aufzubrummen? Man entschloss sich zu einem einzigartigen, anspruchsvollen Experiment: Es heißt "Perlen für die Säue".

Der nordholländische Kulturdienst vermittelte zehn junge Künstler, die den Auftrag hatten, für die Futtersuche etwas Praktisches zu erfinden. Fünf Künstler kamen mit ihren Ideen in die engere Wahl. Die Tests der Prototypen laufen inzwischen auf einem Versuchshof der niederländischen Agraruniversität. Die ersten Ergebnisse sehen vielversprechend aus. Die Designer entwickelten Spielgeräte, die von dem Schwein, einem intelligenten Tier, selbst gemeistert werden müssen. Wenn das Tier es schafft, wird es mit einem Leckerbissen belohnt, woran es nagen, knabbern und schnuppern kann. Das Futter liefert also auch einen Reiz für die empfindliche Schweinenase, sie wird aktiviert statt abgestumpft.

Vertiefung ins Schweineleben

Irma Horstman baut normalerweise große Kunstwerke aus Holz und Bronze. Aber als "Schweinefan" machte sie die "piggy toys", wilde bunte Objekte zum Lecken, die an einer Kette aufgereiht sind, eine Art Riesenschaschlik. Als Basisingredienzen verwendet sie Stoffe aus der traditionellen Schweinenahrung. Eber oder Sau lassen sich von den schrillen Farben verführen - Karotten-orange, Rote-Bete-rot.

Neben Horstmanns Objekt wurden vier andere Futter-Spielzeuge vorgestellt. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie regen das Schwein zum Spielen an und heitern gleichzeitig das Schweineleben auf. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten sich die Künstler ins Schweineleben vertiefen. Andrew March las viel über die Ferkel, denen er Vergnügen bereiten sollte. Dadurch wurde ihm klar, dass Schweine schlau, sozial und verrückt nach Spielereien sind. Das Niveau der Herausforderung müsse jedoch stimmen, sagt March: "Wenn's zu schwierig ist, wenden sie sich ab. Das geschieht auch, wenn die Aufgabe nicht interessant genug ist. Das erfordert ein Gefühl für die richtige Balance. Doch ich bin sehr zuversichtlich, wenn ich sehe, dass sie meiner Erfindung, das Pig-Roulette, ein Objekt zum Schlemmen, die nötige Aufmerksamkeit schenken. Spielerisch natürlich".

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