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Seuchen: Gegen Tierisches gewappnet

Fast schon hysterisch reagieren Presse und Bevölkerung auf Berichte von Tierseuchen. Ob Schweinepest oder Maul- und Klauenseuche - die Angst vor einer Ansteckung ist genauso groß wie ungerechtfertigt.

Anfang des Jahres befand sich Deutschland in einer Art Ausnahmezustand. Der Grund: Die Vogelgrippe war bei einigen Wildvögeln ausgebrochen. Überall wurde vor der Gefahr einer Verbreitung der Krankheit von Mensch zu Mensch gewarnt, Pandemiepläne wurden ausgearbeitet oder optimiert und die Bevölkerung ließ sich in Scharen gegen Grippe impfen. Diese Angst war zumindest zum Teil berechtigt - denn das Vogelgrippevirus H5N1 kann theoretisch nicht nur Enten, Gänse und Co. krank machen, sondern auch den Menschen.

Verschwindend geringe Anzahl von gefährlichen Erregern

Doch damit bildet es eher die Ausnahme unter den Erregern von Tierkrankheiten. Denn in den vergangenen 25 Jahren hätten es nur 38 neue Erreger nachweislich geschafft, vom Tier auf den Menschen überzugehen, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft" in seiner Novemberausgabe - darunter so bekannte wie das Ebola-Virus oder der Sars-Erreger. Berücksichtigt man, dass es im Tierreich viele hunderttausend krankmachende Erreger gibt, ist das eine verschwindend geringe Zahl.

Warum aber sind so viele Erreger aus dem Tierreich erfolglos, wenn es gilt, den Menschen zu erobern? Schließlich hat das menschliche Immunsystem mit den meisten dieser Mikroben noch nie Kontakt gehabt und konnte daher auch noch keine wirkungsvollen Waffen entwickeln. Die Eindringlinge müssten also leichtes Spiel haben. Doch genauso, wie unser Immunsystem nicht auf die fremden Erreger programmiert ist, sind auch die Erreger nicht auf den Menschen eingestellt - sie kommen dort einfach nicht zurecht.

Damit befinden sie sich in einer ähnlichen Situation wie ein Eisbär im Dschungel: An die Kälte seiner angestammten Umgebung angepasst, wird das tropische Klima schon nach kurzer Zeit seinen Kreislauf durchdrehen lassen und jegliche Jagd auf ein Beutetier unmöglich machen. Sein auf Robbenfett eingestellter Magen und sein Verdauungstrakt können mit den Blättern, Kräutern und Früchten im Wald nichts anfangen, so dass der Bär nicht genügend Nährstoffe bekommt und immer schwächer wird. Schließlich ist er dank seines weißen Fells, das ihn im Eis praktisch unsichtbar macht, im Dschungel so auffällig, dass ihn jeder sofort entdeckt.

Ohne richtiges Werkzeug kommen Viren und Co nicht weit

Gleiches gilt für Eindringlinge aus der Tierwelt: Sie sind für das Überleben im Menschen nicht richtig ausgerüstet. Die meisten Erreger scheitern dabei sozusagen schon an der Eingangstür, der Haut oder der Schleimhaut. Manche kommen hier nicht weiter, weil es ihnen nicht gelingt, diese mechanisch zu überwinden und andere, weil sie von den vielen dort siedelnden, menschenfreundlichen Mikroorganismen nicht durchgelassen werden.

Gelingt es einem Erreger dennoch, in den Körper einzudringen - etwa durch eine Wunde oder eine entzündete Stelle auf der Schleimhaut - droht ihm gleich neue Gefahr: Solange er sich im Blut und außerhalb der Körperzellen aufhält, ist er leichte Beute für die Patrouillen des Immunsystems. Denn die Körperabwehr hat nicht nur maßgeschneiderte Waffen zur Verfügung, sondern auch solche, die effektiv alles vernichten, was nicht körpereigenes Gewebe ist. Entkommen kann man diesem Verteidigungsarsenal nur, wenn man sich tarnen kann, wie etwa der Malaria-Erreger, oder so schnell wie möglich in die Zellen des Körpers eindringt.

Doch das ist gar nicht so einfach. Um in eine Zelle hineinzukommen, benötigen die Erreger nämlich den richtigen Schlüssel - und der ist bei der Vielzahl der möglichen Schlossvarianten meistens gerade nicht zur Hand. Zwar ähneln sich die Zellschlösser verwandter Arten wie Mensch und Schimpanse, identisch sind sie jedoch nicht. Und schon diese kleinen Unterschiede können einen Schlüssel, der im Schimpansen hervorragend funktioniert, im Menschen völlig unbrauchbar machen.

Ausgeklügelter Schutzmechanismus der Zellen

Und selbst wenn es einem Erreger tatsächlich gelingen würde, in eine Zelle einzudringen, heißt das noch nicht, dass er dort auch eine Infektion auslösen könne, berichtet "bild der wissenschaft". Dazu muss er sich nämlich innerhalb der Zelle vermehren und zu diesem Zweck die Zellmaschinerie zu seinen Gunsten manipulieren. Doch die in den Zellen verfügbaren Eiweißfabriken und die Faktoren, die für Zellteilung und andere Zellprozesse zuständig sind, unterscheiden sich genauso wie die Schlösser von Tier zu Tier - was es für die meisten Erreger unmöglich macht, sie zu ihren Gunsten zu verändern.

Wer es dennoch schafft, gehört zu der kleinen Minderheit, die einen Menschen tatsächlich krankmachen kann. Und von dieser Minderheit schafft es wiederum nur eine Minderheit, eine echte Epidemie auszulösen. Denn die meisten Erreger wie beispielsweise auch das Ebolavirus, töten ihren neuen Wirt zu schnell, so dass er nicht mehr dazu kommt, andere Menschen anzustecken. Nur hin und wieder gibt es einen Erreger, der mit der Zeit seine Aggressivität verliert und lernt, wie er sich auch ohne den Tod des Wirtes vermehren kann. Doch das passiert extrem selten.

Thomas Willke/DDP / DDP