Sibirien-Expedition bei stern.de 800 Kilometer Schlammpiste voraus


Auf der Fahrt nach Jakutsk lernen wir den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten russischen Straße kennen: Auf einer guten braucht man zwei Stunden für 100 Kilometer, auf einer schlechten drei.

15./16.07.2004

Von Neryungri, der Endstation unserer 8000 km langen Reise mit der Transibirischen Eisenbahn, wollen wir nun die letzten 800 km zu unserem Reiseziel Jakutsk mit dem Auto zurücklegen. Besser gesagt: man hat nicht viele Wahlmöglichkeiten - es gibt keinen Zug nach Jakutsk, es gibt nur diese Straße oder ein Flugzeug. Wir haben uns für die Straße entschieden, denn bei der Vorbereitung der Reise machte sie als dicke rote Linie in unserem Schulatlas einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Etwas nachdenklich wurden wir jedoch, als uns Lisa, die erst vor sechs Jahren von Russland nach Deutschland übersiedelte, den Unterschied zwischen guten und schlechten russischen Straßen erklärte. Auf guten russischen Straßen benötigt man für 100 km zwei Stunden, auf schlechten drei Stunden.

"Jakutien hat keine Straßen, nur Richtungen"

Wir fragen unsere Dolmetscherin Jewgenija Kosterina, was es damit auf sich hat. Sie betreut uns freundlicherweise im Auftrag der Außenstelle Neryungri der Staatsuniversität Jakutsk während unseres Aufenthaltes. Frau Kosterina schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und ruft: "Jakutien hat keine Straßen, nur Richtungen."

Gegen 17.00 Uhr brechen wir Richtung Norden auf, sicherheitshalber mit zwei Kleinbussen. Unsere Sorgen scheinen zunächst unbegründet, flott geht es über eine Asphaltstraße aus Neryungri heraus Richtung Norden. Nach einiger Zeit halten wir an, weil unsere beiden Fahrer sich mit Tee und Piroggen in der Gaststätte "Transit" stärken wollen.

Plötzlich finden wir uns auf einer mit Schlaglöchern übersäten Schotterpiste wieder. Wir sind gezwungen, im Zickzack über die gesamte Breite der Piste zu fahren, um den bis zu einen halben Meter tiefen Schlaglöchern auszuweichen. Da uns sehr selten Lastkraftwagen entgegenkommen, kein Problem und Privatwagen sieht man so gut wie gar nicht.

Gegen 21 Uhr erreichen wir einen Pass im Aldan-Hochland. Wir halten an und nehmen unsere erste geoökölogische Pflanzenkartierung auf Permafrostboden vor. Wir sammeln in der Gebirgstundra ausgewachsene, aber nur zentimetergroße Zwergbirken und Zwergweiden, sowie einige Beerensträcher (z.B. Krähenbeere) für unser Herbar.

Entlang der Passstraße befinden sich in mehreren parallelen Reihen Schneezäune. Sie sollen verhindern, dass der über den Pass fegende Wind die Straße unter großen Schneemassen begräbt. An der sonnenabgewandten Seite des gegenüberliegenden Berghangs können wir noch jetzt im Juli größere Schneezungen beobachten, die in sogenannten "Kar-Mulden" das ganze Jahr über erhalten bleiben. Kar-Mulden sind Senken, die durch Einfrieren, Auftauen und Abtragen von Gestein vom Schnee sozusagen selbst geschaffen werden.

Die Straße verwandelt sich in eine Schlammpiste

Weiter geht es über die Schotterpiste. Wie zufällig verteilt gibt es manchmal asphaltierte Straßenabschnitte. Wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter uns, da verwandelt sich unsere "Straße" in eine aufgeweichte Schlammpiste. Wir fahren wie auf einem regensatten Acker. Allradantrieb ist unbedingt erforderlich. Mitten auf der Piste liegt der Anhänger eines Lkw, notdürftig mit Zweigen und Steinen gesichert. Wir rutschen weiter auf unserer Schlammpiste und unsere Kleinbusse sind bald fast vollständig mit einer dicken Schiefertonschicht überzogen.

Eine Eule, Wahrzeichen des Gymnasiums Ulricianum, zeichnen wir nachts an einer Raststätte auf die Heckscheiben unserer Busse. Schon bei der nächsten Raststätte ist davon nichts mehr zu sehen, alles unter fingerdickem Schlamm verschwunden. Unsere Fahrer berichteten von ungewöhnlichen Regenfällen im Juni. Da das Wasser wegen des Permafrostbodens nicht abfließen kann, weicht die Piste richtig auf. Das feuchte Wetter bietet natürlich ideale Brutbedingungen für die Stechmücken, die in diesem Jahr in Jakutien überall in besonders großen Mengen auftreten.

Die "Raststätten" an der Straße sind notdürftig aus Holz und Teerpappe zusammengenagelte Unterkünfte ohne fließendes Wasser. Verschmutzte kleine Häuschen mit einem Loch im Boden - zwischen Müllhaufen liegend - dienen als Toiletten. Zum Händewaschen füllt man Wasser aus einer Tonne in einen kleinen Behälter über einem Waschbecken, drückt den Verschluss am Boden des kleinen Gefäßes nach oben und kann sich nun schnell die Hände waschen.

Gegen Morgen erreichen wir die Lena und fahren auf eine am Ufer liegende Fähre. Die Fähren fahren nur nach Bedarf. Wir setzen verschlungenen Pfaden über, den vielen kaum sichtbaren Sandbänken ausweichend. Nach gut 30 Minuten legen wir unter wolkenverhangenem Himmel am anderen Ufer der Lena an.

Unsere Fahrer machen mit Flusswasser erst einmal Hausputz bei unseren schlammbesudelten Wagen, sozusagen stadtfein für Jakutsk. Ab jetzt geht's auch tatsächlich auf Asphalt weiter, bis wir die ersten traditionellen Unterkünfte der Jakuten, große Jurten, sichten. Kurz darauf sind wir schon an der Staatsuniversität Jakutsk. Das Wissenschaftlerteam, das wir auf dieser Expedition begleiten, wartet schon seit Stunden auf uns.

Wir besprechen Details unserer Expedition und werden dann von einer Wissenschaftlerin zu unserem Hotel gebracht. Himmlisch! Die erste Dusche seit zehn Tagen! Wir sind glücklich darüber, endlich, nach 22 Stunden Fahrt, in Jakutsk zu sein. Langsam lösen sich die Wolken auf. Am Spätnachmittag tun wir uns nach der langen Reise erst einmal was Gutes und gönnen uns ein Eis bei Sonnenschein und 35° in Jakutsk.


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