Sibirien-Expedition bei stern.de Von Nowosibirsk bis Irkutsk


Zwischenstopp in Nowosibirsk. Es geht mit der Transsibirischen Eisenbahn. Leider ist der neue Zug für die sechs Schüler und die drei Lehrer auf den Spuren der Mammuts nicht so komfortabel wie der "Sibirjak".

10.07.2004

Für die Weiterfahrt mit der Transsib von Nowosibirsk nach Neryungri kannten wir zwar die Abfahrtszeit, nicht jedoch den Bahnsteig. Nach langem Suchen und Fragen mussten wir dann feststellen, dass es hier mit der Planung ein wenig anders läuft: Die Bahnsteige für alle Züge werden erst ca. 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges auf einer großen Anzeigetafel in der Bahnhofshalle bekanntgegeben. Also gesellten wir uns zu dem Heer der dort Wartenden.

Der Zug, der uns von Nowosibirsk nach Neryungri bringen sollte, hatte längst nicht die Ausstattung des "Sibirjak". Bei über 35° C vermissten wir schmerzlich die Klimaanlage. Theoretisch hätte man zumindest das Fenster öffnen können, jedoch war dieses in einem unserer Abteile defekt.

Unsere neue Schaffnerin Marina ist 40, verheiratet und hat vier Kinder. Bevor sie bei der Transsib arbeitete, war sie Radioingenieurin am Aldan Aeroport. Als dieser geschlossen wurde, verlor Marina ihren Job. Die Stelle bei der Transsib hat sie erst vor kurzem angenommen.

Die Ausbildung zur Schaffnerin dauerte dreieinhalb Monate, Arbeit und Freizeit wechseln nun für sie im Zwei-Wochen-Rhythmus. Der Job ist hart: Pro Wagen gibt es zwei Schaffner und jeder hat eine 12-Stunden-Schicht. Der Verdienst ist bescheiden: 5.000 Rubel (ca. 140 Euro) beträgt das Monatsgehalt eines Transsib-Schaffners.

Dies reicht nicht aus, um ihrer Tochter das Studium zu finanzieren. Marina weiß noch nicht, wie sie die jährlichen Studiengebühren von 30.000 Rubel bezahlen soll. Aber immerhin - ein fester Job mit festem Einkommen! Alles andere als selbstverständlich im heutigen Russland.

Probleme mit der Zeitumstellung hat sie nicht, da eine Schicht von 2 – 14 Uhr dauert. Zu Marinas Aufgaben in der Transsib gehören das Sauberhalten der Toiletten und des Ganges, die Samoware und Betreuung der Passagiere. Also Fahrkarten-Kontrolle, Austeilen der Bettwäsche und ganz wichtig: das rechtzeitige Einsammeln der Passagiere vor Abfahrt des Zuges!

Marinas Mann arbeitet für acht Monate im Jahr in einem weit entfernten Goldbergwerk. Die restlichen vier Monate, die er zu Hause verbringt, reichen nicht aus, um die Kinder aufzuziehen. Das erledigen fast ausschließlich die Großeltern.

Auf die Frage, was sich in den letzten Jahren verändert hätte, gibt Marina eine Antwort, die wohl Russlands Situation insgesamt sehr gut erfasst: Dezentralisierung. Auch die Bahn wird nun nicht mehr ausschließlich von Moskau aus koordiniert.

Seit März hat Jakutien einen weiteren Schritt zur Unabhängigkeit getan, von der Regierung der Teilrepublik Jakutien wird der dementsprechende Abschnitt des Schienennetzes selbst verwaltet. Am 27. August wird die Strecke Neryungri – Tommot eröffnet. Dieses Stück müssen wir auf unserem morgigen Weg nach Jakutsk noch mit dem Bus zurücklegen.


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