VG-Wort Pixel

Proteste in Russland Brachiale Gewalt: Diese Aufnahmen werden zu Sinnbildern der Willkür des Systems Putin

Einem jungen Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren läuft aus einer Platzwunde auf dem Kopf Blut über Gesicht und Mundschutz
Sehen Sie im Video: Polizei in Russland geht brutal gegen demonstrierende Nawalny-Anhänger vor.




Bei den landesweiten Protesten am Samstag gegen die Inhaftierung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny sind die Sicherheitskräfte immer wieder gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen. Hier eine Szene aus St. Petersburg: Eine Frau will sich für eine Person einsetzen, die abgeführt wird, aber Beamte treten ihr in den Bauch. Sie musste anschließend im Krankenhaus behandelt werden. Nach Aussage von der Nichtregierungsorganisation OWD-Info gab es rund 3.300 Festnahmen bei den Demonstrationen für Nawalny. Allein etwa 1.300 seien es in Moskau gewesen und fast 500 in St. Petersburg. Insgesamt seien die Menschen in rund 100 Städten und Ortschaften auf die Straßen gezogen. Auch Nawalnys Ehefrau Julia Nawalnaja wurde nach eigenen Angaben vorübergehend festgenommen. Der 44-jährige Jurist und Regierungskritiker Nawalny sitzt zurzeit in 30-tägiger Haft, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen haben soll. Er hatte seine Anhänger aufgerufen, alle zusammen am Samstag auf die Straße zu gehen und so ein Zeichen zu setzen.
Mehr
Demonstranten mit Knüppeln zusammengeschlagen, Frauen zu Boden getreten, Kinder abgeführt – den Massenprotesten in Russland begegneten die Sicherheitskräfte des Kremls mit brachialer Gewalt. Videoaufnahmen zeigen das erschreckende Ausmaß der Willkür.

Aus dem berüchtigten Moskauer Gefängnis "Matrosenruhe" hat Alexej Nawalny zu Protesten aufgerufen. Und die Russen kamen: in Moskau, Sankt Petersburg, Kasan, Nowosibirsk, Omsk und vielen anderen Städten. Sogar in Jakutsk gingen die Menschen auf die Straße – bei Temperaturen um minus 50 Grad. Der Protest dehnte sich über das gesamte Land aus, von Wladiwostok im äußersten Osten bis zu der russischen Enklave im Westen, Kaliningrad. In 125 Städten skandierten die Menschen "Freiheit für Nawalny" und "Putin, hau ab!". "Nieder mit dem Zaren", riefen sie vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg, in Jekaterinburg bewarfen sie die Polizei mit Schneebällen.

Proteste in Russland: In Sankt Petersburg wird ein Demonstrant mit Gewalt festgenommen 
Proteste in Russland: In Sankt Petersburg wird ein Demonstrant mit Gewalt festgenommen 
© Alexander Demianchuk / Picture Alliance

Der Kreml griff hart gegen die Demonstranten durch und ließ seinen riesigen Machtapparat aufmarschieren. Nach Angaben von Bürgerrechtlern sind am vergangenen Samstag mehr als 3500 Menschen festgenommen worden. Allein in Moskau habe es etwa 1360 Festnahmen gegeben, teilte die Organisation OWD Info am Sonntag mit. 

Insbesondere die Sondereinheit Omon – eine Einheit der russischen Nationalgarde, die im Unterschied zur normalen Polizei direkt dem Innenministerium untersteht – griff zu brachialen Methoden und ging mit erschreckender Brutalität gegen die Demonstranten vor. 

Obwohl die Sondereinheiten gezielt gegen jene vorgingen, die das Geschehen auf den Straßen filmten, entstanden überall in Russland Aufnahmen, die nun zu Sinnbildern der Willkür des Systems Putin werden.

Omon-Einheiten greifen zu Knüppeln 

In Moskau griffen die Omon-Einheiten zu ihren berüchtigten Schlagstöcken. Für jeden festgenommenen Demonstranten ritzen sie sich eine Kerbe in ihre Knüppel, erzählt man sich.

Bis in die Nacht hinein dauerten die gewaltsamen Festnahmen an. 

Gegen Frauen und Kinder 

Reporter des unabhängigen TV-Senders Dozhd filmten zufällig, wie die Männer der Sondereinheit zwei Frauen verprügeln, eine von ihnen soll schwanger sein.

Auch vor Kindern machten die Sicherheitskräfte nicht halt. Diese Aufnahme zeigt, wie Polizisten einen offensichtlich minderjährigen Jungen abführen wollen.

Gewaltsame Festnahmen 

Dieses Video aus Krasnojarsk zeigt, wie Nationalgardisten Demonstranten buchstäblich über das mit einer Eisschicht überzogene Pflaster schleifen.

Sankt Petersburg

Ein Akt der Gewalt in Sankt Petersburg erregt besondere Empörung. Dort trat ein Beamter des Polizeipatrouillenregiments eine ältere Frau mit voller Wucht in den Bauch. Dabei hatte die Passantin die Sicherheitskräfte, die gerade einen Mann abführten, nur gefragt, warum sie das tun. Als Antwort bekam sie einen Tritt in den Bauch. Die Frau fiel hin, schlug mit dem Hinterkopf auf den Boden und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Wut über diesen Übergriff ist in Russland inzwischen so groß, dass sich der Polizist bei der Frau im Krankenhaus entschuldigen musste, was äußerst selten vorkommt. Auch sein Vorgesetzter stammelte eine Entschuldigung ins Telefon.

Weitere Proteste in Russland angekündigt 

Die Demonstrationen gelten als wichtiger Test für die Mobilisierungsfähigkeiten der russischen Opposition. In Russland finden Ende des Jahres Duma-Wahlen statt. Der Nawalny-Verbündete Leonid Wolkow sagte, er sei "stolz, sehr beeindruckt und inspiriert" angesichts der hohen Beteiligung an den Demonstrationen. Die landesweite Teilnehmerzahl an den Protesten bezifferte er auf 250.000 bis 300.000. Nawalny-Vertraute rufen nun zu neuen Protesten am kommenden Sonntag auf.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker