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Rede an die Nation Putin im Wunderland: Der Kreml-Chef hat sich endgültig in einer bizarren Parallelwelt verloren

Wladimir Putin bei seiner Rede an die Nation 
Wladimir Putin bei seiner Rede an die Nation 
© Mikhail Metzel / Picture Alliance
Mit Spannung haben die Russen auf diesen Auftritt gewartet: Wladimir Putins Rede an die Nation. Nach einem Jahr in Selbstisolation betrat er endlich wieder eine Bühne – ohne dass das Publikum vorher in Quarantäne musste. Doch statt Antworten lieferte der Kreml-Chef eine Märchenstunde. 

Eineinhalb Stunden dauerte sie – die lang ersehnte Rede Wladimir Putins an die Nation. Eineinhalb Stunden lauschte Russland einer Exkursion in eine bizarre Parallelwelt. In ein Land, das Corona besiegt hat, das über die weltweit beste Medizin und die führenden Universitäten verfügt, das durch wirtschaftliches Wachstum und technologische Innovationen glänzt, das für seine Bürger abertausende Quadratmeter modernsten Wohnraum baut und und seinen Jugendlichen auch noch Gratis-Urlaube spendiert. 

Und während die versammelten Vertreter der Föderalen Versammlung mit offenen Mündern zu dem Fremdenführer durch dieses seltsame Land aufblickten, werden abertausende Russen vor ihren Fernsehen aus den Fenstern ihrer halbverfallener Häuser auf die vor lauter Schlaglöchern nicht mehr zu erkennende Straßen und streunende Hunderudel herausgeblickt und sich gefragt haben: Und dieses Land soll Russland sein?

Es ist ein Märchen, das Putin der ganzen Welt zu verkaufen versucht. Die Realität sieht anders aus. Russland steht vor dem Ruin. Der Rubel ist seit Monaten auf einer nie dagewesenen Fahrt nach unten. Das medizinische System ist hoffnungslos überfordert, die Krankenhäuser überfüllt. Es fehlt an den grundlegendsten Medikamenten und Mitteln. Mit Tricks werden die offiziellen Corona-Statistiken niedrig gehalten. Einer der beliebtesten: In den Akten eine andere Diagnose eintragen. Einfach, und doch genial. 

"Wenn wir nicht testen würden, hätten wir keine Corona-Fälle", sagte einmal Donald Trump. Eine Idee, die Putin in die Tat umsetzt. 

Höhepunkt der Absurdität

Alles wäre so schön in Putins Parallelwelt, wäre da bloß nicht der böse Westen. Das Einbläuen der Doktrin einer Bedrohung von außen nimmt mittlerweile stalinistische Ausmaße an. "Organisatoren jedweder Provokationen, die die Kerninteressen unserer Sicherheit bedrohen, werden ihre Taten so bereuen, wie sie lange nichts bereut haben", drohte Putin offen. "Ich hoffe, dass niemandem in den Sinn kommt, die sogenannte rote Linie zu überschreiten. Und es werden wir sein, die entscheiden, wo sie in jedem konkreten Fall verläuft", verkündete er.

Den Höhepunkt der Absurdität erreicht sein Auftritt an dem Punkt, als Putin auf das angeblich geplante Attentat auf Belarus' Machthaber Alexander Lukaschenko zu sprechen kommt. Man könne von seiner Politik halten, was man will. "Aber die Praxis der Organisation von staatlichen Umstürzen, die Pläne für politische Morde, darunter auch an höchsten Funktionären – das geht zu weit. Da sind schon alle Grenzen überschritten."

An dieser Stelle kommt man nicht umhin sich zu fragen: Ist Putin schon so tief in seiner Parallelwelt gefangen, dass er es nicht mehr hinausschafft? Doch in seinem Gesicht zuckt kein einziger Muskel. Während Putin diese Worte spricht, kämpft sein Erzfeind Alexej Nawalny in einem Gefängnis ums Überleben. Wieder einmal. Hatte er doch die Unverschämtheit, ein Attentat mit dem Nervengift Nowitschok zu überleben. Auf den Straßen dutzender russischer Städte werden zu diesem Zeitpunkt Nawalnys Anhänger verhaftet. Doch den Namen seines wichtigsten Widersachers nimmt Putin nicht in den Mund. Das hat er noch nie. In Putins Parallelwelt hat ein Nawalny keinen Platz. 


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