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Innerer Machtkampf Nach Verlust von Lyman – Hardliner in Moskau machen Front gegen Putins Verteidigungsminister

Russland: Wladimir Putin mit seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu – einem Mann ganz nach seinem Geschmack
Russland: Wladimir Putin mit seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu (r.) – einem Mann ganz nach seinem Geschmack: ohne jegliche militärische Erfahrung. Auch wenn man angesichts der Orden an seiner Brust anders denken könnte. 
© Alexei Nikolsky/ / Picture Alliance
Zu den Klängen der Hurra-Rufe, mit denen Wladimir Putin Russland in Feiertagsstimmung zu versetzen suchte, erobern die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Lyman. Und in den Reihen des russischen Militärs beginnt die Suche nach dem Schuldigen. 

Die ukrainischen Streitkräfte stehen in der Stadt Lyman. Ein taktisch wichtiger Schritt – und eine psychologische Ohrfeige für den Feind. Einen Tag nachdem Wladimir Putin die "Eingliederung" von vier ukrainischen Gebieten zur Russischen Föderation zelebriert hat – darunter auch die Region Donezk, wo Lyman liegt – übernehmen ukrainische Soldaten die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt. 

Eine schmerzhafte Niederlage. Das russische Verteidigungsministerium versucht sie, hinter beschönigendem Vokabular zu vertuschen. Die Truppen seien wegen der drohenden Einkreisung aus der Stadt "auf vorteilhaftere Linien" abgezogen worden, hieß es am Samstagnachmittag. 

Während das Ministerium von Sergej Schoigu zu seiner üblichen Taktik der Umbenennung greift, wendet sich die harte Kriegspartei in Moskau gegen den Verteidigungsminister, der den Hardlinern bereits eine lange Zeit ein Dorn im Auge ist. 

Putins Bluthund hetzt gegen Verteidigungsministerium 

Als einer der Ersten schlug der Mann an, der als Putins Bluthund verschrien ist. Der Machthaber der Teilrepublik Tschetschenien, Ramzan Kadyrow, machte den für den Frontabschnitt verantwortlichen Generaloberst, Alexander Lapin, für den Verlust von Lyman verantwortlich. 

"Die Verteidigung dieses Abschnitts oblag dem Kommandeur des Zentralen Militärbezirks, Generaloberst Alexander Lapin. Demselben Lapin, der den Orden des Helden Russlands für die Eroberung von Lisichansk bekommen hat, obwohl er de facto nicht einmal in der Nähe war", schrieb Kadyrow auf seinem Telegram-Kanal

Der tschetschenische Langzeitpräsident beschuldigte den Generaloberst, die Einheiten an der Lyman-Front nicht mit den notwendigen Kommunikationsmitteln und Munition versorgt zu haben. "Vor zwei Wochen berichtete mir der Generalmajor der Achmat-Spezialeinheit, mein lieber Bruder Apty Alaudinow, dass unsere Kämpfer ein leichtes Ziel werden könnten. Im Gegenzug habe ich Walerij Gerassimow, den Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation, über die Gefahr informiert. Aber der General versicherte mir, er habe keine Zweifel an Lapins Führungstalent."

Kadyrow greift Spitze des Generalstabs an 

Somit griff Kadyrow nicht nur den Generaloberst Lapin, sondern auch seinen Vorgesetzten Gerassimow an. Der ist seines Zeichens erster Stellvertreter des Verteidigungsministers Schoigu und sein Parteigänger. Es sei eine Schande, dass der "Nichtsnutz" Lapin, von der Spitze des Generalstabs gedeckt werde, echauffierte sich Kadyrow. "Wenn es nach mir ginge, würde ich Lapin zum einfachen Soldaten degradieren, seine Auszeichnungen abnehmen und ihn mit einem Maschinengewehr in der Hand an die Front schicken, um seine Schande mit Blut abzuwaschen." 

Weiter im Text wandte sich Kadyrow noch deutlicher gegen die Leitung des Verteidigungsministeriums. "Die Vetternwirtschaft in der Armee wird nicht zum Guten führen. Es ist notwendig, charakterstarke, mutige, prinzipientreue Menschen in der Armee zu ernennen, die sich um ihre Kämpfer sorgen, die sich für ihre Soldaten die Zähne ausbeißen, die wissen, dass ein Untergebener nicht ohne Hilfe und Unterstützung allein gelassen werden kann. Für Vetternwirtschaft ist in der Armee kein Platz, schon gar nicht in schwierigen Zeiten."

Lapin war im vergangenen Mai in den Fokus des öffentlichen Interesses geraten. Damals wurde bekannt, dass er seinen eigenen Sohn, den Oberstleutnant Denis Lapin mit einem Orden ausgezeichnet hat, der kurz zuvor die gescheiterte Offensive gegen Sumy und Chernigow geführt hatte. Zudem ist Lapin der einzige Generaloberst, den Verteidigungsminister Schoigu auf seinem Posten nach dem Beginn der Invasion in der Ukraine beließ. Mehr noch: Obwohl Lapin mehrere Niederlagen hinnehmen musste, wurde ihm neben dem Zentralen Militärbezirk auch noch der Westliche unterstellt. 

Putins Koch schließt sich Kadyrow an 

Überraschend sprang der Chef der Wagner-Truppe, Sergej Prigoschin, Kadyrow zur Seite. Das expressive Statement des tschetschenischen Führers entspreche nicht ganz seinem Stil. Aber: "Bravo, Ramzan, rock weiter! All diese Looser gehören barfuß mit Gewehren an die Front", kommentierte er. Prigoschin hat in Russland den Spitznamen "Putins Koch", weil er eine Zeit lang einer der Lieferanten der Küchen im Kreml war. 

Erst vor kurzem gestand er ein, was längst kein Geheimnis war: Er habe im Mai 2014 die Wagner-Truppe gegründet, um Kämpfer in den ukrainischen Donbass zu schicken, erklärte Prigoschin in einer Mitteilung seines Unternehmens. Ab diesem Zeitpunkt sei "eine Gruppe von Patrioten" geboren, die "später den Namen bataillonstaktische Gruppe Wagner" erhalten habe.

Vertraute des Duma-Vorsitzenden fordert Antworten von Schoigu 

Während Kadyrow und Prigoschin es vermeiden, Schoigu direkt der Niederlage zu beschuldigen, geht die einflussreiche Bloggerin und ehemalige PR-Chefin des Duma-Vorsitzenden Wjatscheslaw Wolodin, Anastassija Kaschewarowa, weiter. Sie forderte Antworten von Schoigu und Gerassimow: "Weiß der Präsident von den Vorfällen? Wer berichtet ihm? Wo ist die Ausrüstung? Wo sind die (Panzer) Armata? Wo ist alles? Wie konnte das passieren? Eingesackt? Verkauft? Wo ist sie hin? Gab es sie überhaupt?"

Der Konkurrenzkampf in Russland 

"Die russischen Streitkräfte, die an dieser Invasion beteiligt sind, bilden keine monolitische einheitliche Armee", erklärt der BBC-Militärexperte Ilja Barabanow im Gespräch mit den unabhängigen Sender Dozhd. Sie seien ein Sammelsurium aus verschiedensten Truppen: darunter Männer von Sergej Progoschin, dem Chef der Wagner-Söldner, Truppen von Kadyrow, Einheiten der Separatisten aus Luhansk und Donezk, Teile der russischen Armee, der Nationalgarde Russlands und andere. "All diese Leute haben gedacht, dass sie den Krieg schnell gewinnen und Putin bald Bericht über ihre Erfolge erstatten werden. Der Krieg verläuft aber nicht nach ihrem Szenario. Es bahnt sich eine Niederlage an. All diese Gruppierungen beginnen nun krampfhaft, sich gegenseitig die Schuld an den Rückschlägen zuzuschieben." 

Man beobachte bereits eine längere Zeit, wie beispielsweise Wagner-Söldner das Verteidigungsministerium kritisieren. Kadyrow-Truppen leisteten sich hingegen Kritik an Progoschin. "Es findet fortwährend ein Kampf statt", sagt Barabanow. Und sobald schlechte Nachrichten von der Front kämen, würden die verschiedenen Gruppierungen sich gegenseitig an die Gurgel gehen. 

Seit dem Beginn des Kriegs herrscht in Moskau ein Kampf zwischen den militärischen Hardlinern und gemäßigten Kräften im Kreml, zu denen auch Schoigu zählt. Welchen Kurs die Hardliner-Partei von Putin wünscht, machte Kadyrow deutlich. "Ich weiß nicht, was das Verteidigungsministerium dem Oberbefehlshaber berichtet, aber meiner Meinung nach sollten drastischere Maßnahmen ergriffen werden, bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts in den Grenzgebieten und dem Einsatz von Atomwaffen mit geringer Sprengkraft", erklärte er nach dem Rückzug aus Lyman. "Man sollte nicht alle Entscheidung mit Blick in Richtung der west-amerikanische Gemeinschaft treffen. (...) Gestern gab es eine Parade in Isjum, heute wurde eine Fahne in Lyman gehisst, und was kommt morgen? Alles wäre gut, wenn es nicht so schlimm wäre."

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